Als Mallorquinerin in Deutschland - ein Erfahrungsbericht

Inés Aranos wollte als Auszubildende in Stralsund beruflich Fuß fassen. Sie erlebte einen Rückschlag nach dem nächsten

29.07.2016 | 08:26
Ganz froh, wieder daheim zu sein: Inés Aranos auf einer Dachterrasse in Sa Pobla.
Ganz froh, wieder daheim zu sein: Inés Aranos auf einer Dachterrasse in Sa Pobla.

Inés Aranos fährt sich mit ihrer Hand durchs Haar und legt die lange Mähne über ihre linke Schulter. „Ganz schön warm heute", sagt die 26-Jährige an diesem Montag (11.7.), bis dato der heißeste Tag auf Mallorca, vor allem in Sa Pobla, wo sie zurzeit wohnt. „Trotzdem vermisse ich das deutsche Klima überhaupt nicht." Sie lächelt und fächert sich Wind ins Gesicht.

2014 wagte sie sich weg aus ihrer Heimat Mallorca und stürzte sich ins Ungewisse: Berufsausbildung in Deutschland, in Stralsund. Dabei sei sie damals gar nicht explizit auf Jobsuche gewesen. „Ich hatte Arbeit, aber ich dachte, dass mich dieser Schritt beruflich weiterbringt." Sie hatte sich für eine Fitness-Kauffrau-Ausbildung in einem Hotel an der Ostseeküste entschieden, die über das deutsche Förderprogramm „The Job of my Life" angeboten wurde. Zusammen mit vier anderen Mallorquinern machte sie sich im Sommer 2014 auf die Reise.

Schnell aber folgte die herbe Enttäuschung. „Die Organisatoren haben uns zwar bei all dem Papierkram wunderbar geholfen", erinnert sich Inés Aranos. „Aber leider habe ich mich im Endeffekt völlig falsch vorbereitet gefühlt." So habe man den Mallorquinern Stralsund als eine Touristenhochburg verkauft, dabei aber nicht näher erklärt, wie es sich mit dem Tourismus an der Ostsee verhält. „Stralsund ist eine wunderschöne Stadt, aber mit dem Tourismus, den wir aus Mallorca kennen, hatte das nichts zu tun."

"Heimisch wird man so nicht"

Noch schlimmer fand sie aber, dass die spanischen Lehrlinge im Hotel selbst untergebracht waren – und die Zimmer bezahlen mussten. „Auch davon hatte man uns am Anfang nichts gesagt." Das Problem dabei: Wenn ein Zimmer für Gäste gebraucht wurde, mussten die Lehrlinge für einige Tage oder Wochen in ein anderes Hotel umziehen. „Heimisch wird man so nicht", sagt Inés. Und als sie und ihr damaliger Partner in eine eigene Wohnung umziehen wollten, habe man ihnen die Hilfe verweigert.

Die 26-Jährige strotzt vor Energie, vor Tatendrang und Optimismus. Während ihrer Praxisphasen gab sie Fitnesskurse wie Zumba oder Spinning im Hotel, die Chefs waren zufrieden. Kein Wunder: Inés hatte sich bereits in Spanien ausbilden lassen. Das habe man leider irgendwann ausgenutzt, sagt sie. Klar, sie habe es auch mit sich machen lassen. „Ich hatte ja Spaß an meinem Job, nur irgendwann saugt dir das die Energie heraus." Sie habe das Gespräch gesucht, sei aber nur auf Ausflüchte gestoßen.

Auch in der Berufsschule lief es für Inés nicht optimal. „Am Anfang war es sehr schwierig, zu den anderen Schülern durchzudringen." Und dann seien da noch die Lehrer gewesen. Da habe sie viel Pech gehabt. „Einer von ihnen hat mir gleich zu Beginn gesagt, dass ich die Ausbildung um ein Jahr verlängern muss, weil mein Deutsch zu schlecht ist", erinnert sich Inés. Nicht gerade sehr motivierend. „Er hat immer den Finger in die Wunde gelegt." Irgendwann seien ihre Klassenkameraden ihr aber zur Seite gesprungen. „Sie haben mich vor ihm verteidigt. Das war ein gutes Gefühl."

Förderprogramm läuft aus

Das Förderprogramm „The Job of my Life" (amtlicher Name „MobiPro-EU") hatte die Bundesregierung Ende 2012 ins Leben gerufen, um junge Europäer aus Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit eine Perspektive in Deutschland zu bieten. Das Programm beinhaltete Sprachkurse, Unterstützung vor Ort und einen Zuschuss zum Ausbildungsgehalt. 2014 gab es allerdings Probleme. Mehrere deutsche Medien, darunter „Spiegel Online" und „FAZ", berichteten von Finanzierungslücken. Damals gab es einen Anwerberstopp. Es waren einfach zu viele, die sich beworben hatten. In diesem Jahr läuft das Programm aus. Für 2017 werden keine neuen Auszubildenden mehr angenommen.

Trotz ihrer schlechten Erfahrungen bereut Inés ihre Zeit in Deutschland nicht. „Aber nach elf Monaten konnte ich nicht mehr. Ich musste einen Schlussstrich setzen." Sie reiste weiter, fand Arbeit in Malta, dann in Barcelona. Schließlich kehrte sie nach Mallorca zurück. „Ich habe wieder darüber nachgedacht, vielleicht doch noch eine Ausbildung in Deutschland zu machen, dann allerdings eher im Tourismus", sagt Inés. Denn das deutsche Ausbildungssystem findet sie großartig. „Viel besser als hier in Spanien." Außerdem vermisse sie es ein wenig, Deutsch zu sprechen.

„Abgeschreckt hat mich die Erfahrung von damals nicht, es hat mich stark gemacht", sagt sie noch. „Ich kenne mich jetzt besser, habe gelernt, dass ich Grenzen setzen muss und dass ich mein Licht nicht unter den Scheffel stellen darf."

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