Mallorcas Hafenmacher ist Düsseldorfer

Ohne ihn wäre manch Yacht nicht so gut vertäut: Juan José Lemm ist Spezialist für Molen – und Patenkind von Heinrich Lübke

03.09.2016 | 07:40
Mallorcas Hafenmacher ist Düsseldorfer

Das erste größere Projekt, das er auf Mallorca anpackte, sorgt noch heute für Schlagzeilen – nicht seinetwegen, sondern wegen der politischen Auftraggeber. Der Sóller-Tunnel, bei dessen vierjährigen Arbeiten Juan José Lemm der Bauleiter war, ist einerseits ein Stück Ingenieurskunst, das 1997 das bis dahin abgeschiedene Sóller-Tal an den Rest Mallorcas anband. Der Tunnel ist aber auch ein Stück Korruptionsgeschichte auf Mallorca sowie ein Dauer­ärgernis wegen seiner hohen Mautgebühren, von denen sich die Landesregierung jetzt freikaufen will.

Drei Kilometer Tunnel, komplexe Bauarbeiten mit Sprengungen alle zwei Tage, die Pleite der Konzessions­firma – wenn man so etwas durchgestanden hat, könne einen eigentlich kein Projekt mehr schrecken, meint der Ingenieur mit deutschen Wurzeln.

Nach dem Tunnelbau gründete er sein eigenes Ingenieursbüro und spezialisierte sich vor allem auf Häfen. Die Neugestaltung der Alten Mole in Palma gegenüber dem Borne-Boulevard, die Anlege­stege im Real Club Náutico, im „königlichen Yachtclub", oder die Modernisierung des Yachtclubs Calanova gehen auf das Konto des 55-Jährigen. Da gab es dann sogar lobende Worte aus dem Mund von Altkönigin Sofía, die jeden Sommer ihre Enkel zum Segelunterricht in Calanova begleitet.

Patenonkel Heinrich LübkeGeboren wurde Lemm in Deutschland. „Ich bin Düsseldorfer", sagt er in akzentfreiem Deutsch. Deutscher Großvater, deutscher Vater, mallorquinische Mutter – genau genommen ist er Dreiviertel-Deutscher und schätzt als solcher und als Ingenieur Tugenden wie Genauigkeit und Exaktheit. Da zu seinen Leidenschaften aber auch Regatten oder Tauchen gehören, verschlug es ihn nach den Abitur wieder nach Spanien, wo er in Valencia das Studium zum ­Bauingenieur absolvierte.

Auch in Deutschland war er der Staatsspitze nahe. Lemms Großmutter gab dem Ehepaar Wilhelmine und Heinrich Lübke Spanisch-Unterricht – und es entstand ein so enges Verhältnis, dass der Enkel schließlich als Patenkind angenommen wurde. „Bundespräsident Lübke war also mein ­Patenonkel", erzählt der Ingenieur und zeigt auf seinem Handy einen Artikel der Zeitung „Baleares" aus den 60er Jahren, der über den Besuch von Wilhelmine Lübke in Alcúdia berichtet. Auf dem Foto sieht man ihn als kleinen Jungen, auf den Armen seiner Mutter, neben der Präsidentengattin (li.). Wilhelmine Lübke sei sehr an Fremdsprachen interessiert gewesen, so Lemm, der sich auch an Englisch-Unterricht mit seiner deutschen Patentante auf Mallorca erinnern kann.

Auf der Insel tragen heute einige der renommiertesten Häfen die Handschrift von Lemm. Für den Real Club Náutico ist das Ingenieursbüro TP&E bereits seit mehr als 15 Jahren tätig – bei insgesamt rund tausend Booten gibt es immer wieder etwas an Anlegestellen, Kaimauern und Trockendocks zu tun.

Zuletzt wurde die 165 Meter lange und 8,50 Meter breite Mole von San Pedro gebaut, an der in den vergangenen Tagen die Segelboote der Copa del Rey festmachten. Die Mole bietet Platz für 54 Boote von bis zu 15 Metern Länge und 56 Pkw. Für die Arbeiten war nur vier Monate Zeit, im Mai wurde sie fertiggestellt, rechtzeitig für die Vorbereitung der Königsregatta.

Sehr viel länger zog sich die Neugestaltung der Alten Mole in Palma hin. Einen ersten Anlauf gab es bereits Mitte der 90er-Jahre, als Lemm für den italienischen Mode-Unternehmer und Mallorca-Liebhaber Maurizio Gucci ein Projekt entwarf. Der Plan: eine Luxus-Marina in bester Lage, wo auch der im Jahr 1923 erbaute und liebevoll restaurierte Dreimaster „Creole" von Gucci vor Anker gehen sollte. Doch der frühere Chef des gleichnamigen Mode-Labels wurde im März 1995 ermordet – laut Gerichtsurteil von 1998 im Auftrag seiner Frau. Das Projekt für die neue Mole war damit vom Tisch.

Einen zweiten Anlauf gab es erst im Jahr 2010, diesmal wurde die gesamte Umgebung der Alten Mole umgestaltet. Der Architekt Juan Antonio Cortes entwarf das an die Optik eines Schiffes erinnernde Gebäude mit seinen Restaurants, Lemm gestaltete die Anlegestellen für 25 Yachten von bis zu 40 Metern und die gesamte Umgebung – 3.435 Quadratmeter, die mit ihrem Belag aus mallorquinischem Kalkstein eine Verlängerung des luxuriösen Borne-Boulevards bilden. Wenn der Ingenieur ein Lieblingsprojekt auswählen müsste, die Alte Mole käme sicher in die engere Auswahl.

Das von der balearischen Landes­regierung ausgeschriebene Projekt zur Neugestaltung des Yachthafens von Calanova und seiner staatlichen Segelschule in der Bucht von Palma zog das Ingenieursbüro von Lemm im Jahr 2013 an Land. Bei den Arbeiten im Jahr 2015 und 2016 ging es vor allem darum, den Wellengang im Hafenbecken zu vermindern. Dazu wurden der Schutzdamm in L-Form erweitert und der Vordamm modifiziert. Zwei Bootsstege wurden erweitert, ein dritter abgerissen, es entstand Platz für 172 Boote zwischen vier und 25 Metern Länge und eine Marina für 20 Boote mit bis zu acht Metern Länge.

Bevor jedoch Kaimauern und Anlegestellen gebaut werden können, ist eine vorbereitende Arbeit nötig, die inzwischen immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Im Genehmigungsverfahren müssen schließlich zahlreiche Umweltauflagen eingehalten werden. Welche Auswirkungen hat ein Projekt auf die Unterwasserflora und -fauna? Wird die Einleitung von Abwässern ins Meer ausgeschlossen? Könnte die Änderung des Wellengangs Folgen für die Strände der Umgebung haben? „Das sind langwierige und teure Studien", so Lemm.

Und manchmal ist diese Arbeit auch umsonst, wie jetzt wohl im Fall des Yachthafens Molinar. Auch das Erweiterungsprojekt, das zwischenzeitlich verkleinert wurde, aber dennoch auf erbitterten Widerstand von Umweltschützern und Anwohnern stieß, stammt aus der Feder des Ingenieurs – eine Vorleistung, wie der Ingenieur betont. Die Entscheidung der balearischen Hafenverwaltung, die Konzession des Traditionsclubs einzukassieren und den Hafen direkt zu verwalten, dürfte das Aus für das Projekt bedeuten. Er sei nun gespannt, wie die Hafenverwaltung die gravierenden Sicherheitsprobleme in den Griff bekommen werde, meint Lemm.

Zu tun hat er dennoch genug: Derzeit wird an den Plänen zur Modernisierung der Yachthäfen von Santa Ponça, Portitxol und Can Picafort gearbeitet. Bereits begonnen haben zudem die Arbeiten für eine Marina in Barcelona – in der Marina Vela entstehen 136 Liegeplätze auf drei Bootsstegen. Und auch ein Tunnel ist im Projekt inbegriffen – wenn auch nur ein verhältnismäßig kleiner: Das 60 Meter lange Bauwerk soll die Liegeplätze mit einem roboter­gesteuerten Trockendock für mehr als 200 Boote verbinden.

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