Einsatz Mallorca: Vier Wochen Respekt und Korpsgeist

Der Polizeikommissar Jonathan Jeschke hat im Rahmen des europaweiten Austauschprogramms Dienst bei der Guardia Civil in Artà getan. Bilanz einer "perfekten Integration"

08.09.2016 | 10:15
Deutsche Dienstwaffe, spanischer Dienstwagen: Jonathan Jeschke vor der Wache der Guardia Civil in Artà.
Deutsche Dienstwaffe, spanischer Dienstwagen: Jonathan Jeschke vor der Wache der Guardia Civil in Artà.

Vielleicht lag es daran, dass sich die Uniformen der spanischen und der deutschen Kollegen recht ähnlich sehen. Vielleicht lag es auch an den Stresssituationen der Betroffenen. Vielleicht hatte sich Jonathan Jeschke aber auch einfach von Anfang an perfekt in seine Gast-Einheit der Guardia Civil von Artà integriert. „Ich wurde oft gar nicht als deutscher Polizist regis­triert", meint der Beamte, der im August im Rahmen des europaweiten Austauschprogramms seine Kollegen auf Mallorca unterstützte. Erst als er beispielsweise begann, zwischen spanischen Kollegen und deutschen Urlaubern zu übersetzen, wurde so mancher stutzig. „Wie kommt es, dass Sie Deutsch sprechen?", wurde er dann gefragt.

Jeschke ist einer von drei Polizisten aus Deutschland, die in diesem Sommer bei der Guardia Civil von Artà jeweils vier Wochen Dienst tun. Dank des Prümer Vertrags von 2005 haben sie dieselben Befugnisse wie ihre spanischen Kollegen, reisen also mit eigener Dienstwaffe an und werden im Rahmen „gemischter Patrouillen" in die Schichten eingeteilt, die nicht nur in der Gemeinde Artà, sondern auch in Capdepera und dem Küstenort Cala Ratjada sowie etwa in Cala Millor unterwegs sind.

Die Unterstützung kommt bei der Guardia Civil bestens an. „So klappt es viel besser bei der Verständigung mit den Urlaubern", meint ein Kollege, der kurz den Kopf zur Tür hereinsteckt. „Einen wie Jonathan bräuchten wir permanent, er ist ein richtiger Spanier." Und damit hat er gar nicht ganz unrecht: Jeschke wurde in Barcelona geboren, seine Mutter ist Spanierin, sein Vater Deutscher. Die Sprachkenntnisse aus der Kindheit hat der 42-Jährige im Schnellverfahren reaktiviert, seit er sich im Frühjahr auf die etwas versteckt im Intranet der Polizei ausgeschriebene Stelle beworben hatte. „Ich hatte mich vergangenes Jahr schon beworben, aber meine Dienststelle wollte mich nicht gehen lassen", so Jeschke. Diesmal klappte es, nach einem Telefonat mit dem Polizeiattaché der spanischen Botschaft in Berlin hatte er die Stelle.

Einerseits war der Dienst auf Mallorca gar nicht so anders als in der brandenburgischen ­Polizeiinspektion Teltow-Fläming in Luckenwalde – ähnlich wie Artà ist es eine eher ländliche Gegend und auch in etwa gleich groß. Zum Beweis zeigt Jeschke ein Foto auf seinem Handy, in dem er die beiden Einsatzgebiete maßstabsgetreu nebeneinander montiert hat.

Andererseits machten sich im Alltag natürlich doch einige kulturelle Unterschiede bemerkbar, wenn auch weniger stark als angenommen. „Ich dachte, bei der Guardia Civil geht es antiquierter und militärischer zu." Jeschke bemerkte einen etwas strengeren Umgang mit den Vorgesetzten, die Dienstgrade sind eben militärisch, vor allem aber: Den Beamten werde in der Öffentlichkeit mehr Respekt gezollt als in Deutschland – eine durchaus angenehme Erfahrung. Die spanischen Kollegen passten stärker aufeinander auf und berichteten zudem auch im Bekanntenkreis stolz davon, dass sie zur Guardia Civil gehörten – ein Korpsgeist, den er aus Deutschland nicht kenne, ebenso wenig wie die Selbstverständlichkeit, sich in der Dienstpause in Uniform in die Bar zu setzen, um einen Kaffee zu trinken oder ein Sandwich zu essen. „In Deutschland wäre das undenkbar."

Zum Streifendienst, bei dem meist Delikte wie Diebstahl oder Körperverletzung auf der Tagesordnung stehen, kam zum einen der Einsatz beim Waldbrand bei Son Serra de Marina vor drei Wochen. Jeschke und seine Kollegen suchten die vom Feuer bedrohten Fincas auf, warnten die Bewohner und sammelten Telefonnummern für den Fall einer Evakuierung, die dann aber zum Glück nicht nötig war. Hinzugezogen wurde der deutsche Polizist zudem bei einem Sondereinsatz auf Palmas Flughafen infolge eines falschen Bombenalarms vor einigen Wochen, wie Jeschkes Vorgesetzter Juan Doblas erklärt.

Der Leiter der Wache in Artà ist sichtlich zufrieden mit der Verstärkung aus Alemania, es ist inzwischen der vierte deutsche Austausch-Beamte in der Einheit. Das Spanisch-Niveau werde immer besser, die Integration sei perfekt. Zum Spaß fragt Doblas schließlich sogar, ob man dem deutschen Kollegen fürs Foto vielleicht ein Guardia-Civil-Käppi leihen solle.

Auch so mancher spanische Pflichtverteidiger dürfte dem Polizeikommissar zu Dank verpflichtet sein. Mehrmals sprang er als Dolmetscher ein, „im Einvernehmen aller", wie Jeschke betont. „Das erfordert sehr viel Vertrauen, schließlich gibt es einen Strafverfolgungszwang." Zum Glück waren es während seiner Dienstzeit meist einfache Delikte, mal abgesehen von einem bewaffneten Überfall sowie Urlaubern, die gegenüber ihren Partnerinnen gewalttätig wurden. Zum Zeitpunkt des Horrorunfalls am Montag (29.8.) bei Artà, bei dem eine vierköpfige deutsche Familie ums Leben kam (S. 6), war Jeschke zum Glück gerade nicht im Dienst, wie er sagt.

Gegenüber den Deutschen auf Mallorca hätte der Polizist gerne noch weitere Befugnisse gehabt. Auch wenn die Arbeit mit neuen Technologien bei der Guardia Civil der Bundespolizei in nichts nachstehe, konnte er im Fall von Landsleuten keinen Blick in deren deutsches Vorstrafenregister ­werfen – ein Datenaustausch, der beispielsweise im Fall von Saisonarbeitern in der Urlauberhochburg Cala Ratjada im Alltag von großem Nutzen gewesen wäre.

Es war Jeschkes erster Besuch auf Mallorca, umso dankbarer war er, dass die Integration auch nach Dienstschluss weiterging. Seine Kollegen – die im Übrigen im Schnitt rund 40 Prozent weniger verdienen als deutsche Polizisten –, nahmen ihn zum Essen oder zu Ausflügen mit. Während jedoch die Guardia-Civil-Beamten in der Regel in eigens für sie reservierten subventionierten Wohnungen unterkommen, war Jeschke in einem Hotel untergebracht – zwar in einem Vier-Sterne-Haus, aber dort in einer sehr einfachen Dienstwohnung, wie der Polizist betont.

Ohnehin hatte er gut zu tun, bei den Kollegen zu Hause den Eindruck zu vermeiden, dass er hier Urlaub mache. Zu viele Fotos vom Strand oder aus dem Restaurant wären da wenig hilfreich gewesen, und im Dienst ist die Kamera in der Regel tabu. „Es war schwierig, Fotos zu schicken, die nach Arbeit aussehen." Mit seinem Wunschmotiv klappte es dann aber doch noch, einem Erinnerungsfoto mit spanischen Kollegen und Streifenwagen.

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