Das Mysterium vom verlorenen Sohn

23 Jahre nachdem seine Frau mit dem gemeinsamen Kind nach Deutschland verschwand, findet ein Mallorquiner seinen Sohn im Internet wieder. Die Geschichte macht Schlagzeilen. Doch was ist damals wirklich geschehen?

20.09.2016 | 10:32
Jaime Rotger hofft auf ein Wiedersehen mit seinem Sohn – der ihn aber gar nicht erkennen würde.
Jaime Rotger hofft auf ein Wiedersehen mit seinem Sohn – der ihn aber gar nicht erkennen würde.

Anfang der 80er-Jahre lernen sich auf Mallorca die Deutsche Rita Fleischer, die als Rezeptionistin in einem Hotel arbeitet, und der
Mallorquiner Jaime Rotger kennen. Sie verlieben sich, im Januar 1985 läuten die Hochzeitsglocken, im November 1990 kommt der kleine Miquel Rotger Fleischer zur Welt. Die Familie lebt in Alcúdia – bis Rita Fleischer am 5. Februar 1993 zusammen mit ihrem Sohn nach Deutschland reist und nie wieder zurückkehrt.

Der inzwischen 25-jährige Miquel ist Autist, wird in einer Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe in Ganderkesee bei Bremen betreut und nimmt zusammen mit einem Heilerzieher seit Jahren an Benefizläufen und Halbmarathons teil, worüber auch regelmäßig in der Lokalpresse berichtet wird. Ende Juli stolpert eine Bekannte von Jaime Rotger zufällig im Internet über einen dieser Artikel. Darin ist zwar von einem Michael Fleischer die Rede, doch die Zweifel sind schnell ausgeräumt: Es handelt sich um Jaime Rotgers Sohn.

Den verlorenen Sohn, den die Mutter ihm vor 23 Jahren geraubt hat, als sie sich mit dem Zweijährigen aus dem Staub machte, angeblich, um eine Woche Urlaub in der Heimat zu verbringen. Dann aber ließ sie nie wieder von sich hören. In der Bundesrepublik habe sie den Namen des Kindes kurzerhand eingedeutscht und dessen wahre Identität sowie die mallorquinische Abstammung fortan verleugnet.

Das zumindest ist die Version von Jaime Rotger, die er seit Ende Juli wieder und wieder auf seiner Facebook-Seite zum Besten gibt und die er auch in einem Ende August in der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca" veröffentlichten Artikel darlegt.

Er habe damals wie ein Idiot am Flughafen gewartet, erzählt der 56-Jährige im Interview. „Als sie nicht kamen, fuhr ich nach Alcúdia und rief meine Schwiegermutter an, die mir kurz und knapp sagte: ,Gib auf, das Kind ist deutsch.´" Seitdem habe er nichts mehr über den Verbleib seines Sohnes in Erfahrung bringen können.

Hört man sich im Umfeld von Michael Fleischer um, der aufgrund seiner Behinderung auf dem geistigen Stand eines Vorschulkindes sein soll, bekommt die Geschichte auf einmal eine ganz andere Wendung. Rita Fleischer habe damals die Flucht nach Deutschland ergriffen, weil ihr Mann sie geschlagen und ihr sogar ein Messer an den Hals gehalten habe, sagt ihr Anwalt Hermann Schnier. „Sie wollte der Gewalt entrinnen."

Dass Jaime Rotger nun seine „Vaterschaft neu entdeckt hat" und um seinen Sohn kämpfen will, passt für Schnier nicht so recht ins Bild: Rotger habe sich über 20 Jahre lang nicht um seinen Sohn gekümmert und keinen Cent Unterhalt gezahlt. „Und jetzt versucht er, in das geordnete Leben der Familie Fleischer einzudringen."

Diese Version bestätigt der Betreuer von Michael Fleischer, der nicht namentlich genannt werden will und außerdem auf seine
Schweigepflicht verweist. „Ich kann aber versichern, dass Michael gut aufgehoben ist, die Zusammenarbeit mit der Mutter stets sehr gut klappte und er für die Schwere seiner Behinderung einen guten Weg gemacht hat." Rita Fleischer selbst war zu keinem Gespräch mit der MZ bereit. „Sie will einfach ihre Ruhe haben", erklärt Rechtsanwalt Schnier. Zunächst habe sie offenbar ein Gespräch mit Jaime Rotger in Erwägung gezogen – unter der Bedingung, dass er mit den Beschimpfungen und Beleidigungen auf Facebook aufhöre. „Als die tags drauf aber weitergingen, war von ihrer Seite aus Schluss", sagt Schnier.

Die Ehe zwischen Rita Fleischer und Jaime Rotger ist Schnier zufolge bereits vor 23 Jahren vor einem deutschen Gericht geschieden worden. 1995 habe seine Mandantin außerdem das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn zugesprochen bekommen. „Das ist alles rechtskräftig." Rotger sei damals vorgeladen worden, aber niemals vorstellig geworden. Dem Schreiben des Gerichts hätte der Mallorquiner sogar die Adresse seiner Ex-Frau entnehmen können. „Doch er hat sich nie gemeldet."

Jaime Rotger dagegen beteuert, dass er immer und immer wieder versucht habe, Rita Fleischer telefonisch zu erreichen – vergeblich. Bereits 1996 erschien in der Tageszeitung „Última Hora" ein Artikel, in dem er von seinem Schicksal und dem mutmaßlichen Kindsraub berichtet. Auch den Vorwurf, dass er nicht nach seinem Sohn gesucht habe, will er nicht auf sich sitzen lassen. Er habe umgehend Anzeige bei der Guardia Civil erstattet. Doch als ihm das Amtsgericht in Inca endlich das Sorgerecht zusprach – weil auch in diesem Fall die Gegenseite, also die Mutter, nicht vor Gericht erschien – war es zu spät. „Das deutsche Gericht war mir zuvorgekommen", sagt Rotger. Und in Deutschland wiederum habe sich niemand für ein Urteil aus Spanien interessiert.

Ebenfalls am Amtsgericht Inca wurde einige Jahre später auch die Ehe mit Rita Fleischer, wieder in deren Abwesenheit, geschieden – damit Rotger erneut heiraten konnte. Mit seiner zweiten Frau hat der Mallorquiner eine inzwischen zwölfjährige Tochter, „die sich sehnlichst wünscht, ihren Bruder kennenzulernen". Auf die Frage, warum er nicht schon vor vielen Jahren einfach nach Deutschland geflogen sei, um seinen Sohn ausfindig zu machen, antwortet Rotger: „Ich hatte mein Leben hier."

Zum Verschwinden seiner Frau sei wenige Wochen später der Tod seines Vaters gekommen. „Ich war depressiv, nahm Medikamente." Ohne Deutschkenntnisse habe er sich zudem nicht in der Lage gefühlt, in dem fremden Land etwas zu bewirken.

Bereits in den 90er-Jahren von dem Fall erfahren hatte der ebenfalls aus Alcúdia stammende Mallorquiner Bernabe Marín, ein Kindheitsfreund von Jaime Rotger, der seit 35 Jahren in der Nähe von Düsseldorf lebt und fließend Deutsch spricht. „Ich weiß, dass er am Verschwinden seiner Frau und des Sohnes zu knabbern hatte, konnte damals aber nichts tun, da wir nur wussten, dass die beiden sich irgendwo bei Bremen aufhielten", sagt er der MZ am Telefon. „Aber Bremen ist groß, das ist nicht Alcúdia." Als einfacher Sicherheitsmitarbeiter in einem Hotel habe sein Freund auch nicht das Geld gehabt, um teure Anwälte zu bemühen.

Ist Rita Fleischer damals vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen? Jaime Rotger geht auf die Nachfragen nicht näher ein: „Es war doch alles in Ordnung", sagt er. Sein Freund Marín hält die Vorwürfe für unglaubwürdig: „Ich kann mir das nicht vorstellen, aber ich kann es natürlich auch nicht ausschließen." Fraglich sei in jedem Fall, warum Rita Fleischer keine Anzeige erstattete, sagt Marín. Und ihn stört noch eine andere Sache: „Ich verstehe nicht, warum sich Frau Fleischer versteckt und sich überhaupt nicht zu Wort meldet." Zumal Jaime Rotger ihr den gemeinsamen Sohn ja nicht wegnehmen, sondern lediglich wissen wolle, wie es ihm geht.

„Ich würde zumindest gerne hinfahren und ihn mit eigenen Augen sehen", sagt Jaime Rotger – wohlwissend dass Michael ihn nicht erkennen kann. Manchmal würde er auf fremde Personen sogar gänzlich ablehnend reagieren. „Das macht es noch schwerer, nach all dem, was passiert ist", sagt der Mallorquiner.

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