Ihr Mallorca-Traum spielt jetzt in Frankreich

Zu heiß, zu voll, zu laut: Ein deutsches Paar verließ nach 15 Jahren die Insel, um woanders die Sehnsucht vom Leben im Süden zu stillen

07.10.2016 | 12:00

Wenn man hier seinen Kaffee morgens auf der Holzbank im Garten trinkt, beginnt der Tag mit Pyrenäen-Blick. Unverbaubar schiebt sich das Gebirge von links ins Blickfeld. Ein breiter Teppich aus Mais- und Sonnenblumenfeldern erstreckt sich von den Füßen bis zur gezackten Bergkette, die rechts, Richtung Baskenland und Atlantik, ausläuft.

„Es war die Aussicht, die uns sofort verzaubert hat", sagt Volker Parowka (53), der mit seiner Lebensgefährtin Bettina Schafrinski (50) vor einem Jahr von Mallorca nach Südfrankreich zog. Nach 15 Jahren Inselleben war ihnen der Spaß an Mallorca vergangen: „Zu heiß, zu voll, zu laut", befand das Paar aus Gelsenkirchen. Sie suchten nach einem neuen Zuhause. Und nach einem Platz zum Bleiben. Zum Altwerden.
Das Dorf Sarraguzan, wo sie jetzt wohnen, hat knapp 100 Einwohner und liegt im Département Gers, in der Region Languedoc-Roussillon-Midi-Pyrénées – die Toskana Frankreichs. Gers mit den sanften Hügeln ist eines der am wenigsten bevölkerten Gebiete Westeuropas. Statt Menschen gibt´s westlich von Toulouse Natur pur: Wiesen, Wälder, Bäche und Seen. „Das hat uns auf Mallorca gefehlt", sagt Volker.

Als die zwei Deutschen 2001 nach Mallorca auswanderten, freuten sie sich auf eine andere Kultur, schöneres Wetter und ein naturverbundenes Leben. Das Haus in Gelsenkirchen wurde verkauft, die Jobs als Zahntechniker (Volker) und Bankkauffrau (Bettina) aufgegeben. Da Volker schon immer eine Gabe für Holz und Möbel hatte, renovierte er auf Mallorca Häuser. Auch die eigene Bleibe, ein angemietetes rustico, modernisierte das Paar. „Die ersten zehn Jahre waren wir auf Mallorca glücklich, dann bekam das entspannte, naturnahe Leben Risse", erzählt Bettina.

Die Finca im Coanegra-Tal in Santa Maria del Camí lag in einer idyllischen Ecke, doch jedes Jahr fuhren mehr Autos, kamen mehr Wanderer an ihrem Haus und Garten vorbei. „Die Freunde des Cami de Coanegra haben dafür gesorgt, dass der Wanderweg immer bekannter wurde", sagt Bettina. 14 neue Häuser entstanden in den vergangenen fünf Jahren rund um ihr rustico, auch der Bauverkehr ging am Grundstück vorbei. „Die Natur auf Mallorca wird zugunsten des Tourismus immer mehr zurückgedrängt", sagt Volker. Auch der viele Müll habe ihn zunehmend gestört sowie der fehlende Respekt der Bewohner für ihren Grund und Boden.

Drei Jahre suchten sie nach einer passenden Alternative, sahen sich in Nordspanien, Portugal und Italien um. Es sollte ein Ort mit einer abwechslungsreichen Tier- und Pflanzenwelt sein. „Wir wollten mit unseren Hunden wieder über Wiesen und Felder laufen, die nicht durch Zäune und Mauern versperrt sind." Freilich sollte dieser Traum auch bezahlbar sein. „Auf Mallorca hätten wir uns ein Anwesen ­dieser Größe mit unseren Ersparnissen nicht leisten können", sagen Volker und Bettina, die seit 34 Jahren ein Paar sind.

1.8000 Quadratmeter misst ihr neues Domizil mit Wohnhaus, Ställen und Scheunen, dazu kommen 11.000 Quadratmeter Grundstück mit Obstbäumen. „Die Region bietet viel fürs Geld", so Volker, der das Anwesen von 1840 zu einem chambre d´hôtes, einem französischen Bed & Breakfast ausbauen möchte. Die französische Regierung unterstützt Renovierungswillige derzeit mit einem besonderen Programm, inklusive zinslosem Kredit. Auch die touristische Vermietung wird einem in Frankreich leicht gemacht. Drei Gästezimmer sind in diesem Sommer bereits entstanden, sowie ein ausgebauter Heuboden für Yoga- und andere Kurse. Auf der überdachten Terrasse, dem französischen porche, steht ein großer massiver Holztisch, an dem das Paar die Gäste abends bekocht. Den großen Eckkamin für kühlere Tage hat Volker nachträglich eingebaut.„Unser erster Winter hier war zum Glück kurz und mild", sagt Bettina. Im Vergleich zu den Balearen regnet es im Gers regelmäßig, sodass man bald das ganze Jahr aus dem Gemüsegarten leben kann. Hühner und ein Schaf sind bereits auf dem Hof eingezogen, Bettina möchte irgendwann mal Zwergesel züchten und in einer der Scheunen einen Hofladen einrichten.

Das Geschäft mit dem Gästehaus Maison Vue Pyrénées (www.maisonvuepyrenees.com) läuft langsam an. Anders als Mallorca ist Südfrankreich nicht gerade bequem von Europas Metro­polen aus zu erreichen. Der nächste Flughafen liegt in Toulouse, 120 Kilometer entfernt. Direktflüge von und nach Deutschland gibt es von dort nur eine Handvoll. Das Paar hofft, auch französische Touristen anzuziehen und übt fleißig Französisch.

Bettina schlägt sich mit ihrem Schulfranzösisch bisher ganz gut durch, auch weil die Menschen offen und hilfsbereit seien, sagt sie. Die Nachbarn halfen spontan beim Einzug, andere Nachbarn hängten eine Tüte Würstchen übers Tor, weil sie keine Zeit hatten, mit anzupacken. „Nach einem Jahr in Frankreich haben wir mehr Kontakte zu den Einheimischen gefunden als nach 15 Jahren auf Mallorca", erzählen Volker und Bettina, die sich freuen, zu Dorffesten und Abendessen ganz selbstverständlich mit eingeladen zu werden.

Volker hat erste Aufträge als Schreiner bekommen und Kontakt zu anderen Handwerkern geknüpft, obwohl er nur wenig Französisch spricht: „Wir haben uns leicht eingelebt, weil wir keine hohen Ansprüche haben und wissen, dass man Durchhaltevermögen braucht, um ein Geschäft zum Laufen zu bringen."

Die Wintermonate stellt man sich in der „Wüste Frankreichs", wie das Gers im Volksmund manchmal genannt wird, dennoch lang und einsam vor. Doch das Paar hat sich bewusst für einen Ort ohne Reizüberflutung entschieden: „Der Platz schenkt uns Ruhe und Harmonie, das ist uns wichtiger als eine große Stadt in der Nähe zu haben." Ihr größter Wunsch: „Dass auch Gäste bei uns einen Ruhepunkt finden." Dafür braucht es Zeit – und auch ein wenig Glück. Damit sich das Maison Vue Pyrénées unter Frankreich-Liebhabern herumspricht.

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