"Hostess ist eine Beschäftigung wie jede andere"

Die Regierung will keine schmückenden Frauen mehr bei offiziellen Veranstaltungen. Warum eine Betroffene sich diskriminiert fühlt

21.03.2017 | 02:30
Sie hat kein Verständnis für die Entscheidung des balearischen Tourismusministeriums: Águeda Carbonell.

Keine Hostessen mehr bei Preisverleihungen von mit öffentlichen Geldern geförderten Radrennen und anderen offiziellen Veranstaltungen – mit dieser Entscheidung sorgte unlängst das balearische Tourismusministerium für Aufsehen. Schöne und womöglich auch noch busselnde Frauen auf dem Podium seien eine Ausdruck von Sexismus, so die Begründung. Kein Verständnis dafür hat Águeda Carbonell (Muro, 1989). Die ausgebildete Lehrerin und derzeitige Jurastudentin ist Mitglied der Volkspartei (PP), für die sie bereits als 21-Jährige bei den spanischen Parlamentswahlen kandidierte. Zugleich jobbt sie als Model und Koordinatorin einer Agentur, die Hostessen vermittelt.

Haben Sie jetzt weniger Aufträge?
Ja. Das wird sich bemerkbar machen, wenn die Veranstaltungen im Frühjahr losgehen. Bei den Challenge-Radrennen standen schon Kinder anstelle von Hostessen auf dem Podium. Ich weiß nicht, wo da der Unterschied liegt.

Meine Meinung ist subjektiv, aber bei der Auswahl der Hostessen bemerke ich schon eine gewisse Diskriminierung.
Ich diskriminiere Hostessen, die keine Manieren haben oder unsympathisch sind. Die Mädchen müssen freundlich und gebildet sein. Wenn sie hübsch sind, umso besser, wenngleich sie es oft wegen ihrer Schönheit nicht nötig haben, andere Talente zu entwickeln. Dass sie so von sich eingenommen sind, macht sie dann wenig sympathisch.

Wiederholen Sie mit mir: „Ich möchte Hostess bei einem Radrennen sein."
Ich möchte nicht, dass mir eine rechtmäßige Arbeit verwehrt wird, die keinen Schaden anrichtet, nur weil ich eine Frau bin. Ich war Hostess, und das ist nicht entwürdigend. Von mir wurde nie ein bestimmtes Aussehen verlangt, nur Freundlichkeit. Das verwechselt man etwas mit dem Beruf des Models.

Eine Frau, die Blumensträuße überreicht, ist zur Dekoration da.
Wenn man das so sehen will, ist das so. Vor allem ist es aber eine Frau, die ihre Arbeit erfüllt. Sie als Dekoration zu sehen, ist diskriminierend. Das ist ein veraltetes Konzept, nach dem die Frau auf Kosten des Mannes lebt, ohne etwas zu sagen zu haben. Das ist komplett überholt, das stammt aus den Zeiten meines Großvaters.

Hostessen zu verbieten ist für Sie Machismo?
Ja, das ist diskriminierend für die Frauen. Gleichstellung wäre, auch Männer in den Beruf einzuführen, anstatt den Frauen ihre Arbeit wegzunehmen. Bei der kürzlichen Eröffnung eines Lidl-Marktes wurden zwei Mädchen und zwei Jungen gebucht, das ist ideal.

Sie verdienen Ihren Lebensunterhalt mit dem Schweiß eines Radfahrers und müssen ihn obendrein auch noch küssen.
Oft gibt es keine Küsschen. Ich war bei einem Paddletennis-Turnier, und ich habe keinen geküsst, nur den Preis für die Siegerehrung überreicht. Dasselbe wie die Kinder bei den Radrennen. Mit dieser Arbeit habe ich mein Geld verdient

Eine Anwältin, die einen Radfahrer auf dem Podium küsst. Die Welt steht kopf.
Der Kuss an sich ist belanglos, den können wir auch weglassen. Lassen Sie uns den Kuss streichen, aber den Job belassen.

Es gibt Frauen, die lieber Radfahrerinnen sind als Hostessen.
Sie machen, was sie wollen, es ist ihr Hobby. Hostess ist eine Beschäftigung wie jede andere auch. Und man ist es nur für einen bestimmten Zeitraum, denn niemand möchte sein Leben lang als Hostess arbeiten.

Wie viel verdient man als Podiumsmädchen bei Radrennen?
Der Job ist nicht schlecht bezahlt, man bekommt zwischen acht und zwölf Euro die Stunde. Das ist etwas für Studentinnen, die sich so etwas dazuverdienen können. Es ist keine Berufung, sondern ein Minijob für 200 Euro im Monat, um Ausgaben zu decken. Genauso gut kann man auch kellnern gehen oder schwarz bezahlten Nachhilfeunterricht geben.

Die Töchter aus wohlbetuchten Familien haben das nicht nötig.
Nein, genauso wenig wie jeden anderen Job. In meiner Agentur gibt es keine von ihnen. Sie müssen nicht für acht Euro Stundenlohn arbeiten.

Sie haben – als Vertreterin – bei den spanischen Parlamentswahlen kandidiert. Da hätten Sie auch nicht arbeiten müssen.
Ich wusste, dass mein Einzug ins Parlament undenkbar war. Zudem war ich nicht aus Ehrgeiz auf der Liste, sondern per Zufall: Jemand der Jugendorganisation „Nuevas Generaciones" wurde per Los bestimmt. Mir hat der nationale Wahlkampf Spaß gemacht, obwohl ich die Nähe der Lokalpolitik bevorzuge.

Keine Sorge, die Linksregierung verfügt sogar über eine „Miss".
Ich habe mich nie zu einer Misswahl aufstellen lassen und hätte auch keine Chance. Da geht es mehr um das Körperliche und das Aussehen. In meiner Agentur gibt es Frauen mit Größe 38, 40 und 42, die weiter arbeiten. Oder 40-Jährige. Und es sind Fremdsprachenkenntnisse gefragt.

Wie stehen Sie nun zu den Schönheitsköniginnen?
Ich habe damit kein Problem. Wenn eine Frau sich zur Schau stellen möchte, dann soll sie das tun. Jeder kann mit seinem Körper machen, was er will.

Das führt uns dann zum Thema Prostitution.
Prostitution ist illegal, das ist nicht das Gleiche.

Haben Sie Ihre offensichtliche Schönheit schon einmal vermietet?
Als ich als Model gearbeitet habe, wurde nur auf das Äußere geachtet. Die Arbeit besteht darin, 20 Schritte zu laufen, sich herumzudrehen und wieder zurückgehen. Das ist keine Kunst.

Sie haben einmal getwittert: „Frauen suchen Männer, die es nicht gibt, und Männer suchen Frauen, die es nicht mehr gibt."
Das muss ich irgendwo gelesen haben. Die von den Männern gesuchten „Vorzeigefrauen" existieren ebenso wenig wie die idealen Männer. Die gibt es nur im Kino.

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