Umweltschutz auf Mallorca: "Ich kämpfe gegen niemanden"

Lluis Amengual füllt seit Jahren jeden Sonntag im „Diario de Mallorca" eine Doppelseite mit Umweltthemen. Erst in jüngster Zeit hat er das Gefühl, dass er damit auch etwas bewegt

08.05.2017 | 12:14
Lluis Amengual mit seiner Skizze, auf der er die Bedrohungen zeigt, mit denen Mallorca von vielen Seiten fertigwerden muss.

Lluis Amengual macht sich Sorgen um seine Heimat. Der Mallorquiner sitzt in der MZ-Redaktion an einem Tisch und zeichnet den Umriss der Insel. Dann schreibt der 35-Jährige drumherum Worte wie Abgase, Müll, Abwässer, Besucher, Hafen, Flughafen. Wer an grenzenloses Wachstum glaube, sei entweder ein Idiot oder ein Wirtschaftswissenschaftler, sagt er dazu. Amengual ist natürlich kein Ökonom, sondern Umwelttechniker und ein unermüdlicher Warner für den Natur- und Umweltschutz. Seit 2008 füllt er jeden Sonntag zwei Seiten im „Diario de Mallorca" – mal geht es um die Müllproblematik auf der Insel, dann um den vernachlässigten Schutz des Meeres oder auch um bedrohte Vogelarten.

Umweltschutz hat in Spanien immer noch nicht denselben Stellenwert wie in Mitteleuropa. Fühlen Sie sich manchmal wie ein einsamer Kämpfer?
Ich kämpfe gegen niemanden. Aber es ist schon so, dass sich Mallorca verändert hat. Und zwar nicht in den vergangenen 25 Jahren, sondern in den vergangenen drei Jahren. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass wir uns des Raubbaus bewusst werden, den wir an der Insel betreiben. Und an dem der Tourismus einen großen Anteil hat. Das Problem sind aber auch die Einheimischen. Wir Mallorquiner sind extrem individualistisch, wir lassen uns sehr schwer für ein gemeinsames Ziel gewinnen, wie etwa die Umwelt zu schützen.

Es dürfte ein langwieriger Prozess sein, die Mallorquiner umzuerziehen. Aber bei den Touristen könnte man doch was machen?
Wir müssen vor allem damit anfangen, auf der Insel und für einzelne Orte Obergrenzen für Besucher einzuführen. Der Platz auf der Insel ist nun mal begrenzt. Mehr haben wir nicht, wir werden hoffentlich nicht wie in Dubai künstliche Inseln im Meer erbauen, um die Fläche zu vergrößern. Nie gab es auf Mallorca irgendeine Art von Regulierung. Es ist höchste Zeit, das anzugehen, wenn wir wollen, dass Orte wie Sa Calobra, Formentor oder Ses Fonts Ufanes zu bestimmten Zeiten nicht kollabieren. Das Problem ist, dass die Menschen in einer Kultur wie unserer, wo Einschränkungen so verhasst sind, das nicht wahrhaben wollen. Die Urlauber aus den nördlichen Ländern kennen das aus ihrer Heimat.

Aber sie würden an Flexibilität einbüßen. Glauben Sie wirklich, dass Touristen bereits Wochen oder gar Monate vor ihrem ­Urlaub Tickets für den Torrent de Pareis oder Es Trenc reservieren wollen?
Warum denn nicht? Die Leute buchen ja auch Flüge oder Mietwagen mit zwei, drei Monaten Vorlauf. Klar ist, dass es nicht so weitergehen kann. In Sa Calobra beispielsweise sind die Häuser in den vergangenen Jahren um etwa 30 Prozent im Wert gefallen, weil der kleine Ort sich vor Reisebussen, Mietwagen oder Radfahrern kaum noch retten kann. Wir sind an einem gefährlichen Punkt angelangt, an dem der Tourismus Gefahr läuft, seine eigenen Reize zunichtezumachen. Das ist ja nicht mehr attraktiv, wenn Hunderttausende quasi durch deinen Garten laufen.

Warum kommen Sie denn mit Ihren Warnungen bei der Politik nicht durch?
Weil es an Politikern mangelt, die auf die Fachleute hören. Und da ist es fast egal, welche Partei gerade am Ruder ist. Wir Mallorquiner sind uns außerdem immer noch nicht im Klaren darüber, wo wir hier leben. Wenn 14 Millionen Touristen im Jahr kommen, dann hat das seinen Grund, und da brauchen wir eine Regierung, die etwas tut. Und damit meine ich nicht, rund um Es Trenc einen Naturpark einzurichten. Das ist doch Symbolpolitik, Es Trenc ist bereits bestens geschützt, hier darf ohnehin nicht gebaut werden. Man muss stattdessen die Nutzung des Strandes limitieren.

Indirekt geschieht das schon mit Parkgebühren oder Shuttlebussen. Reicht das nicht?
Das sind doch alles Aktionen, um noch mehr Geld einzunehmen. Nein, es muss ein System geben, mit dem man die Besucherströme begrenzen kann. So wie es auf Cabrera ein System gibt. Da müssen die Leute ja auch Monate vorher reservieren, wenn sie dort übernachten wollen.

Der Tourismus und der Verkehr zwischen Insel und Festland hat auch Schädlinge und Krankheiten wie Palmrüssler oder jetzt die Xylella fastidiosa eingeschleppt. Wer trägt die Schuld daran?
Es gab bisher viel zu wenige Kon­trollen in den Häfen und ­Flughäfen. Wer in Australien oder die Vereinigten Staaten einreist, wird genau gefilzt. Das wurde hier über Jahrzehnte schleifen gelassen. Und auch auf der Insel selbst geht man mit Seuchen und auch mit schädlichen Tieren viel zu lasch um.

Welche Tiere meinen Sie?
Ich weiß, dass das jetzt nicht politisch korrekt ist: Aber wenn man in der Serra de Tramuntana die Hälfte der Ziegen erschießen muss, um das Ökosystem zu retten, dann muss man das eben tun. Die Ziegen sind dort komplett außer Kontrolle geraten und lassen keinen Grashalm auf dem anderen. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum es in der Serra de Tramuntana keine kleinen Bäume gibt? Weil die Ziegen sie abfressen. Das Schlimmste sind dann aber die Tierschützer, die das nicht sehen wollen. Tierschützer sind das wahre Übel unserer Gesellschaft. Sie reden mit, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben. Walt Disney hat viel Schaden angerichtet mit der Verniedlichung von Tieren. Putzige Tiere werden in den Filmen auf eine Stufe mit dem Menschen gestellt. Aber es sind letztlich ja doch Tiere.

Wie sieht es mit dem Thema Recycling auf der Insel aus?
Die Situation hat sich verbessert, aber wir sind immer noch meilenweit vom Ziel entfernt, bis 2020 50 Prozent des Mülls zu recyceln. Wir produzieren im Jahr 600.000 Tonnen Müll, Tendenz steigend. Derzeit stehen wir bei einer Recyclingquote von 15 Prozent. Aber zurzeit sind viele Gemeinden dabei, hier tatsächlich große Anstrengungen zu unternehmen. Was vor allem schnell kommen muss, ist ein Biomüll-System. 42 Prozent des Mülls, der in privaten Haushalten anfällt, ist Biomüll. Und bisher wird der kaum gesondert abgeholt.

Hätte ein Pfandsystem wie in Deutschland auf der Insel eine Zukunft?
Vor 30 Jahren gab es schon einmal ein ähnliches System. Und im Hotel- und Restaurantgewerbe gibt es das noch. Wer aber glaubt, ein Pfandsystem sei das Allheilmittel, der irrt. Nur acht Prozent der Verpackungen würden in dieses System fallen. Was wirklich hilft, ist beim Einkaufen Verpackung zu sparen.

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