So funktioniert Auswandern im wahren Leben

Tierarzt Gordon Schier und seine Frau Susanne leben und arbeiten seit 20 Jahren auf Mallorca. Drama wie im Privatfernsehen gab es bei ihnen nie. Warum sie so zufrieden sind, hat gute Gründe

17.06.2017 | 13:16
Susanne und Gordon Schier wohnen seit 20 Jahren auf Mallorca

Vorsichtig hört Gordon Schier die Katze ab, die auf seinem Behandlungstisch sitzt. „Das sieht nicht gut aus, sie hat Wasser in der Lunge", sagt er. Seine Frau Susanne assistiert ihm, als er dem Tier eine Spritze gibt. „Hoffentlich kommt sie durch", sagt Schier.

Seit 1997 hat der Gelsenkirchener seine Tierarztpraxis in Colònia de Sant Pere, nur wenige Meter von der Promenade des kleinen Küstenorts im Nordosten von Mallorca entfernt. Die Schiers sind ein Auswandererpaar, das in Sendungen wie „Goodbye Deutschland" oder anderen Privatsender-Programmen sicherlich niemals vorkommen würde: keine bösen Überraschungen bei der Ankunft auf der Insel, kein Bürokratie-Krieg mit den spanischen Behörden, keine Intrigen in der Nachbarschaft. „Bei uns gab es niemals Drama, und wir haben unsere Entscheidung, nach Mallorca zu kommen, nicht einen Tag bereut", so Schier.

Wenn er von den Auswanderern à la Jens Büchner hört, verdreht er die Augen. „Wir gehören nicht zu diesen Glücksrittern, die ohne Vorbereitung kommen und sich dann wundern, dass nicht alles glatt läuft." Es war im Jahr 1994, als Susanne und Gordon Schier, die bereits damals ein langjähriges Paar waren, nach Mallorca kamen. „Nur für ein halbes Jahr: Ich wollte eine Auszeit, um in Ruhe an meiner Doktorarbeit zu schreiben", erinnert sich Schier. „Wie viele andere Deutsche auch landeten wir zunächst in Andratx." Doch schnell wurden den beiden klar, dass man hier entweder sehr viel Geld besitzen oder sich mit „Bruchbuden" zufriedengeben musste. Also bereisten sie die Insel auf der Suche nach einer Bleibe, die ihnen für ihren Aufenthalt zusagt. „Dass es schließlich Colònia de Sant Pere wurde, war ein absoluter Zufall."

Eigentlich hatten die beiden schon aufgegeben, erzählen sie, doch dann schlugen sie den Weg ein in Richtung Betlém, der kleinen Urbanisation in der Nähe. „Damals war hier alles noch ganz anders. Die Straße war nicht ausgebaut, und es lebten nur wenige Menschen hier, kein Vergleich zu heute." Die Einwohnerzahl habe sich seitdem verdreifacht, immer mehr Ferienhäuser wurden gebaut und andere ausländische Residenten zogen zu. Susanne und Gordon Schier verliebten sich sofort in die ruhige Idylle, mieteten eine Wohnung. „Da kam bei mir der Gedanke auf: Warum sollen wir nicht langfristig hier bleiben?", so der Tierarzt. Doch seine Frau, studierte Juristin, konnte sich mit der Idee nicht ­anfreunden. „Hier hätte ich nicht arbeiten können und das war mir damals wichtig", so Susanne Schier.

Also ging es zunächst wieder zurück nach Deutschland, ins Allgäu. Doch der Gedanke an das schöne Wetter und die traumhafte Natur auf der Mittelmeerinsel blieb bestehen. Als Susanne 1996 schwanger wurde und ohnehin erst einmal in ihrem Beruf pausieren musste, fingen die beiden an, ihre Auswanderung konkret zu planen. „Alle haben uns für bekloppt erklärt", erinnern sie sich. Doch Gordon Schier ließ sich nicht entmutigen. Er lernte an der Volkshochschule Spanisch und informierte sich über die Möglichkeiten, eine Praxis auf Mallorca zu eröffnen. 1997, drei Monate nach der Geburt ihres Sohns Calum, brachen die Schiers dann auf gen Süden. „Wir kauften ein Haus in Betlém, im Juli 1997 eröffnete ich die Praxis in Colònia." Dass er sämtliche deutsche Titel und Dokumente übersetzen lassen, seine Aprobation in Madrid beantragen und auch eine Genehmigung in Palma und bei der zuständigen Gemeinde Artà einholen musste, war ihm im Vorhinein klar. „Und es hat dann auch alles reibungslos funktioniert."

Eigentlich hätten sie damals geplant, nur fünf Jahre zu bleiben und zu Calums Einschulung nach Deutschland zurückzukehren, erzählt Susanne Schier. Doch spätestens als Ende 1998 der zweite Sohn, Cathal, das Licht der Welt erblickte, war den Schiers klar: Wir bleiben auf Mallorca. Beide Söhne besuchten die öffentliche Schule in Artà, lernten wie selbstverständlich Mallor­quinisch und Spanisch. „Sie
wurden nie gemobbt, sie fühlen sich als Deutsch-Mallorquiner", berichten die Eltern. Zu Hause brachte Susanne Schier den
beiden mit deutschen Schul­büchern auch die deutsche Schriftsprache bei, dank einer Kooperation mit dem British Council lernten die zwei an der Schule in Artà sogar bei Muttersprachlern Englisch. „Als Vergleich hatten wir immer unseren Neffen in Deutschland, der im gleichen Alter wie
unsere Jungs ist. Und wir hatten das Gefühl, dass die in Spanien immer einen Schritt voraus sind", loben die Schiers das hiesige Bildungssystem.

Mittlerweile hat Gordon Schier die Praxisräume gekauft, Calum (20) studiert in Palma Biochemie an der UIB, Cathal (18) in Barcelona Mediendesign. „Natürlich verdiene ich hier weniger als in Deutschland, aber es reicht. Wir haben weder den Wunsch noch die Notwendigkeit, zurück nach Deutschland zu gehen. Auch wenn man natürlich niemals nie sagen soll."

Der Bekannten- und Kundenkreis der Schiers schließt andere ausländische Residenten, aber auch Spanier und Mallorquiner ein. „Die Mallorquiner beäugen einen zunächst einmal. Es fängt an mit freundlichem Nichtkontakt. Aber irgendwann kommen sie dann von selbst auf einen zu, wenn sie merken, dass man nicht zu diesen Glücksrittern gehört, die versuchen, eine Kneipe aufzumachen, obwohl sie von Gastronomie keine Ahnung haben."

Was das Auswanderungs-Erfolgsrezept der Schiers ist? „Nicht alles mit Deutschland zu vergleichen und sich für die ersten ein bis zwei Jahre Geld mitzubringen, bis man beruflich Fuß fasst." Und, ganz wichtig: „Das zu tun, was man auch gelernt hat."

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