Zum Tod von Helmut Kohl: Als der Altkanzler auf Mallorca Popstar war

Drei Insel-Besuche des Politikers sind bekannt - ein Rückblick auf seinen letzten im Jahr 2006

17.06.2017 | 10:38
Helmut Kohl Anfang 2006 auf Mallorca.

Helmut Kohl ist tot - der Altkanzler verstarb am Freitagmorgen (16.6.) in seinem Haus in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren.

Kohl war von 1982 bis 1998 Bundeskanzler - länger als alle seine Vorgänger. Mallorca besuchte er mindestens drei Mal – zuletzt im Jahr 2006 im Rahmen eines Vortrags im Pueblo Español, der zu einem Mega-Event wurde. Wir veröffentlichen hier den Text aus der Printausgabe 4/2006 der Mallorca Zeitung des damaligen Chefredakteurs Nikolaus Nowak.

Auf Mallorca ist Kohl Popstar

Pfälzer, Kanzler, Visionär: Wie Helmut Kohls Vortrag im Pueblo Español zum deutsch-sprachigen Mega-Event wurde

Später beim Dinner wird einer sagen, dass es der hochkarätigste Abend seit Jahren auf Mallorca war. Dass es einen Event mit dieser Bedeutung eigentlich noch nie gegeben habe, ein Ereignis, zu dem ebenso aus der spanischen Society wie aus der deutschen Inselgemeinde alle Vertreter mit Rang und Namen erschienen sind.

Ein Who is Who Mallorcas, und tatsächlich hatten sich in der Sala Magna des Pueblo Español in Palma am 12. Januar 2006 Ministerpräsident Jaume Matas und Real-Mallorca-Präsident Vicenç Grande begrüßt, die Chefin des Balearen-Senders IB3 Maria Umbert und Umweltminister Jaume Font, der Regierungsdelegierte Ramón Socías und Palmas stellvertretende Bürgermeisterin Francisca Benássar, Air-Berlin-Spanien-Chef Álvaro Middelmann und TV-Regisseur Dieter Wedel, FC-Barcelona-Präsident Joan Laporta und Immobilien-Unternehmer Matthias Kühn.

Die Liste ließe sich fortführen, im Detail bis zu 1.100 Namen – so viele Menschen waren an diesem Donnerstag im Festsaal erschienen, um Altkanzler Helmut Kohl zu hören, der auf Einladung der Deutschen Bank, der Stiftung Iberostar und von Kühn&Partner über „Deutschland im Europa des 21. Jahrhunderts" sprach.

Mit all den Kontrollen, den Hostessen und dem Presserummel fühlte man sich unwillkürlich ins Bonn der 80er oder 90er Jahre zurückversetzt, vielleicht zur KSZE-Konferenz ins Maritim-Hotel oder einen Parteitag in der Godesberger Stadthalle. Palma, an Einwohnern ebenso groß wie die alte Bundeshauptstadt, war plötzlich Metropole, und der Auftritt der Macht identisch wie seinerzeit am Rhein, mit dem Gedränge und all dem Blitzlichtgewitter über stehenden Ovationen. Vielleicht macht es ja süchtig, und Kohl war an diesem Abend wieder anzumerken, wie er es genießt, im Rampenlicht zu stehen, wieder zurück zu sein, als hätte es ein 1998 nie gegeben, als seien Abwahl und die Ehrenwort-Debatte nach der CDU-Parteispenden-Affäre Schreckgespenster einer schlaflosen Nacht. Behäbig, gealtert gewiss, aber dann doch mit dem angriffslustigen Lächeln stieg er die Stufen zum Redner-Pult hinauf: „Trotz all der genannten Ehrungen für meine Person – ich bin doch noch ganz lebendig", eröffnet er sein Plädoyer für das geeinte Europa an diesem Abend.

„Für mich war es immer eine Selbstverständlichkeit, dass Europa ein Thorso bleibt ohne Iberien", hebt der 75-Jährige an. Wo sonst wenn nicht in Spanien könnte Kohl auch ein besseres Comeback feiern? Mallorca hat er nur zweimal besucht, einmal noch als Kanzler, ein andermal vor Kurzem mit seiner neuen Partnerin Maike Richter, doch das Festland war Schauplatz der wichtigsten europäischen Verbrüderungsszenen Anfang der 90er Jahre. Ohne die bedingungslose Zustimmung von Premier Felípe González, das betont Kohl ausdrücklich, hätte es in einem Ambiente, in dem Margret Thatcher und François Mitterrand ein Viertes Reich heraufbeschwörten, nie eine deutsche Einheit gegeben. Ein Umstand, den vor allem die anwesenden spanischen Unternehmer sehr genau kennen, denn sie sind es, die von den Vorzügen des spanischen Euro-Beitritts und dem Geldsegen der EU-Fonds profitieren, der nicht zuletzt als Dankeschön an González bis 2007 auf ihr Land niederprasselt.

„Lassen Sie sich nicht von diesem dümmlichen Gerede anstecken, dass Europa vor dem Ende steht", donnert der Altkanzler. Und er zitiert sich selbst, wenn er nun auf der Urlaubsinsel auf die Altstadt von Krakau oder die Prager Moldau-Brücke zu sprechen kommt („Ich habe immer gesagt, das ist auch Europa") und wenn er sich auf Bismarck beruft und seinen Satz vom Mantel Gottes, dem man beispringen müsse, wenn er durch die Geschichte geht.

Kohl, das zeigt der Abend, erlebt seine dritte Akme, wie es im Altgriechischen heißt, sein drittes Entwicklungshoch im Leben. Nach der Oppositionsführerschaft und dem Sieg über Helmut Schmidt, der deutschen Einheit im Rahmen der europäischen Einigung ist er nun als Elder Statesman, als Mahner und Zeitzeuge wieder da. Er ist als Vortragsreisender buchbar, wie Clinton oder Gorbatchow, und was er hier auf Mallorca nach einem Flug in der Air Berlin mit Übernachtung im Arabella Sheraton Son Vida verbreitet, ist Zuversicht: „Deutschland wird sich erholen", prophezeit Kohl und erfüllt damit auch einen sehnlichen Wunsch der Banker und Hoteliers auf den Stühlen der Sala Magna, die um die Wirtschaftslokomotive und den Urlauber-Quellenmarkt nördlich der Alpen fürchten.

Wie jüngst noch Papst Johannes Paul II. wendet sich der Visionär Kohl auch mehrfach ostentativ an die Jugend: „Ich sage den jungen Leuten: Das ist euer Jahrhundert, lasst euch von niemandem einreden, die Zukunft sei düster!" Europa stehe erst am Beginn eines großartigen Miteinanders, das 21. Jahrhundert werde Prosperität bringen, der geeinte Kontinent sei der Garant, „dass wir nie wieder Soldatenfriedhöfe in Europa einrichten".

„Wer keine Vision hat, der wird auch im Alltag nicht weiterkommen", so Kohl, und es überrascht in der Tat, als er seine rhetorisch glänzend bis zum Ende aufgesparte Pointe vorträgt, dass man in einigen Jahren in der Londoner City mit dem Euro bezahlen werde. Und dann setzt er gleich noch eins drauf: Dass die Schweizer „vielleicht nach drei Abstimmungen" der EU beitreten werden. Und dass die Türkei, und da watscht er dann auch die spanische Regierungspolitik selbst unter dem konservativen Ex-Premier Aznar ab, dass die Türkei „in zehn bis 15 Jahren nicht die Voraussetzungen für einen EU-Beitritt erfüllen wird".

(erschienen in Printausgabe 04/2006)

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