Verrottende Landshut: "Die Maschine wiederzusehen war hart"

In letzter Sekunde entkam Diana Müll dem Tod im entführten Mallorca-Flieger. Sie besuchte das Flugzeug in Brasilien

30.08.2017 | 02:30
Die ehemalige Lufthansa-Maschine Landshut verrottete jahrelang auf dem Airport im brasilianischen Fortaleza. Nun wird sie auseinandermontiert und nach Deutschland gebracht.

„Ich zähle jetzt bis zehn. Wenn bis dahin nicht aufgetankt wird, werde ich Diana, 19 Jahre alt, aus Deutschland, erschießen." Das Leben von Diana Müll wird nicht ausreichen, um diesen Moment zu verarbeiten. Der Anführer des Terror-Kommandos, das 1977 die mit Mallorca-Urlaubern besetzte Landshut kurz nach ihrem Start in Palma entführt hatte, setzte ihr die Pistole auf die Schläfe. Zohair Youssif Akache, der sich „Kapitän Märtyrer Mahmud" nennen ließ, zählte langsam hoch. Souhaila Andrawes, eine weitere Kämpferin im Terrorkommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP, hielt neben ihr eine Handgranate im Anschlag. „Ich hörte, wie Mahmud die Zehn zählte, schloss die Augen und wartete auf den Knall."

Dass Müll im Jahr 2017, inzwischen 59 Jahre alt, diese Erinnerungen in einem im Oktober erscheinenden Buch veröffentlichen und im Telefon-Interview mit der MZ erzählen kann, grenzt an ein Wunder. Der ­Tower hatte in letzter Sekunde „Stopp" geantwortet. Die „Landshut" wurde in Dubai erneut aufgetankt. Der in Palma de Mallorca begonnene Irrweg – Rom, Zypern, Bahrain, Dubai – ging weiter: erst nach Südjemen, dann in die somalische Hauptstadt Mogadischu.

Der Rest gehört zum Grundwissen deutscher Nachkriegs-Geschichte: In der Nacht auf den 18. Oktober 1977 stürmte die Spezialeinheit GSG 9 die Lufthansa-Maschine, erschoss die Terroristen – die Handgranatenhalterin Andrawes überlebte schwer verletzt. Minuten später verkündete Bundeskanzler Helmut Schmidt die Befreiung aller Geiseln. Stunden später begingen die inhaftierten RAF-Mitglieder Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und ­Andreas Baader, die durch die Entführung freigepresst werden sollten, Selbstmord. Die RAF erschoss daraufhin den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Schönheitsköniginnen

Seither trifft sich die Reisegruppe, mit der Müll damals vor dem Geiseldrama auf Mallorca war, immer ­wieder auf der Insel. Beim Strandurlaub in Peguera erinnern sich die Frauen auch an die tollen Tage vor dem Trauma. Müll hatte wenige Wochen zuvor ihren ersten Mallorca-Urlaub aus eigener Tasche bezahlt. Als älteste von vier Geschwistern war sie gerade von zu Hause ausgezogen und jobbte als Verkäuferin.

Bei dem Urlaub gewann sie in der damals legendären Diskothek Graf Zeppelin einen der wöchentlichen Miss-Wettbewerbe. „Das kannte damals jeder. Es gab ja eigentlich nur ein paar Hotels, das Graf Zeppelin und ein bisschen Altstadt ­damals", berichtet Müll der MZ. Der Preis bestand in einem einwöchigen Palma-Urlaub im Oktober, zu dem auch alle anderen Schönheitsköniginnen der endenden Saison eingeladen wurden. Durchgefeierte Nächte, Wassersport, Tanz und Flirt. Viele heutige Mallorca-Urlauber können sich wohl vorstellen, in welchem Zustand die Mädels am Ende der Woche verspätet am Flughafen Palma ankamen.

Die deutschen Betreiber des Graf Zeppelin hatten so viel Einfluss, dass am Ende der durchgefeierten Woche der Flieger für die verspäteten Schönheitsköniginnen auf der Rollbahn wartete. Zu ihrem Pech. Denn mit ihnen sollten noch zwei weitere verspätete Passagiere zusteigen, ein Mann und eine Frau. Beim hastigen Einsteigen gab es fast keine Sicherheitskontrolle. Die noch immer ausgelassenen Frauen lästerten albern über das auffällige lila karierte und viel zu warme Sakko des Mannes. Später sollte er daraus die Pistole ziehen, die Müll an ihrer Schläfe zu spüren bekam. Das merkwürdige Outfit tauschten die Geiselnehmer vorher gegen einheitliche Che-Guevara-Shirts.

Schweiß und Blut

Über viele Einzelheiten des erlebten Albtraums konnte sich Müll jahrzehntelang nur mit denjenigen austauschen, die bei dem Drama mit dabei waren. Zum Beispiel der unvorstellbare Gestank, in dem die über 80 Passagiere in der kleinen Maschine fast erstickten. Wer die Toilette besuchen durfte, entschieden die Terroristen willkürlich. Als das Flugzeug in Dubai drei Tage lang in der Sonne stand und wegen Treibstoffmangels die Klimaanlage ausfiel, vergoren in den feuchten Flugzeugsitzen Angstschweiß, Urin, Fäkalien und Blut.

Später sollte Leichengestank dazukommen. „Bitte tun Sie mir den Gefallen und vergessen Sie in Ihrem Artikel nicht den Piloten Jürgen Schumann", bittet die Interview-Partnerin am Telefon. „Ich glaube bis heute, dass er uns retten wollte." Schon bei dem Aufenthalt in Dubai war es dem Piloten per Funk gelungen, die Behörden über die Anzahl der Terroristen an Bord zu informieren. Die Entführer drohten, ihn sofort zu erschießen, sollte er weitere Informationen mitteilen. Nach einer Notlandung in Aden ließen sie ihn dennoch aussteigen, um die Schäden am Flugzeug zu inspizieren. Dabei war er aus niemals restlos geklärten Umständen auch im Flughafengebäude. Als er wieder in die Landshut stieg, erschossen die Terroristen Schumann vor den Augen aller Passagiere.

Es wächst kein Gras

Trotz des Leids könnte vier Jahrzehnte später Gras über die Geschichte gewachsen sein. Die fast 60-jährige Hessin betreibt ein Kosmetikstudio in Gießen, das schon bald die Tochter übernehmen könnte. Nur bevor sie ins Flugzeug steigt – zum Beispiel, um nach Mallorca zu fliegen –, muss sich die Landshut-Überlebende noch immer mit einer guten Dosis Valium beruhigen. Ansonsten sei der Alltag ziemlich normal.

Aber auf Geschichte – vor allem auf unverdauter Geschichte – gedeiht eben kein Gras. Warum bekommen manche Überlebende des Geiseldramas eine Art ­staatliche Rente? Während sie sich drei Jahre nach dem Schock sogar ihre Psychotherapie aus eigener Tasche zahlen musste? Den dafür aufgenommenen Kredit stotterte sie jahrelang mit einem Wochenendjob ab. „Ich verdiente damals 800 Mark im Monat. 100 Mark pro Woche zahlte ich für die Therapie." Warum wurde die überlebende Terroristin zwar zweimal zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, verbrachte aber nur wenige Jahre in Haft und lebt inzwischen frei in Oslo?

Dass 40 Jahre nach dem Geiseldrama viele Fragen wieder ­hochkommen, liegt auch am Interesse der Medien. Terrorismus ist in Deutschland wieder brandaktuell. Für den Oktober sind Gedenkveranstaltungen zum Heißen Herbst 1977 geplant. Dazu lässt die Bundesregierung sogar die zurzeit im brasilianischen Fortaleza ­verrottende Landshut abbauen und nach Deutschland verfrachten, um sie im Luft- und Raumfahrtmuseum in Friedrichshafen aufzubauen.

Wie schon vor 40 Jahren gerät auch Müll dabei wieder ins Rampenlicht der Medien. Die ARD interviewte sie zusammen mit ­anderen Zeitzeugen auf Mallorca. Die ausführliche Dokumentation zur Landshut wird am 9. Oktober ausgestrahlt. Die „Bild-Zeitung" hat Diana Müll zusammen mit dem damaligen Kopiloten Jürgen Vietor, dem beteiligten GSG-9-Mann Dieter Fox und weiteren Beteiligten nach Fortaleza begleitet, um dort gemeinsam die Unglücksmaschine zu besuchen.

„Als ich jetzt die Maschine wiedergesehen habe, das war hart", erzählt Müll am letzten Reisetag (Montag, 14.8.) per Telefon. Das Angebot der Journalisten hätte sie zunächst gar nicht annehmen wollen. Doch nach den intensiven Tagen in Brasilien war sie nun zufrieden und erschöpft. „Es ist gut, von anderen Beteiligten immer mehr Details von damals zu erfahren. Jeder hat das anders erlebt und kennt andere Einzelheiten, technische oder politische Zusammenhänge."

Denn am Ende – das wisse sie inzwischen sicher – könne man das Erlebte nicht verdrängen. Sie wisse auch, dass sie nicht als Einzige mit solchen Traumata leben muss. „Einmal suchte mich ein sehr verstörter Mann in meinem Kosmetikstudio in Gießen auf und wollte von mir wissen, wie man die Vergangenheit bewältigen könne", erinnert sie sich. Der Mann hatte 1998 den ICE-Unfall von Eschede überlebt, aber nicht verwunden. „Man muss einen Therapeuten finden und seine eigene Geschichte aufarbeiten, sonst wird man krank."

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