"Mircea" statt "Gorch Fock": das schwimmende Klassenzimmer in Palma

Die Bundeswehr bildet einige Marinesoldaten zurzeit auf einem rumänischen Schiff aus. Ein Besuch an Bord

04.09.2017 | 10:31
"Mircea" statt "Gorch Fock": das schwimmende Klassenzimmer in Palma

König Mircea (ausgesprochen Mirtscha) grüßt vom Bug des gleichnamigen Segelschulschiffs der rumänischen Marine mit ernstem Blick. Sein Oberlippenbart ist kunstvoll nach unten gebogen. Der Galionsfigur des 82 Meter langen Segelschiffs sieht man nicht an, dass sie schon 78 Jahre auf dem Buckel hat. Immer wieder ist sie seit dem Stapellauf 1939 der „Mircea" in Hamburg nachgestrichen worden. Noch bis Montag (4.9.) liegt das Schiff am Dique del Oeste von Palma de Mallorca. An Bord sind rund 160 Besatzungsmitglieder, davon knapp 100 Kadetten, die auf der „Mircea" ihre Ausbildung erhalten. Das Besondere an dieser Fahrt: Insgesamt 93 deutsche Soldaten der Marineschule Flensburg-Mürwik machen hier ihre ersten Gehversuche auf einem Großsegler. Das eigentliche Ausbildungsschiff der Bundeswehr, die „Gorch Fock", steht wegen Reparaturarbeiten zurzeit nicht zur Verfügung.

Mit an Bord der „Mircea" sind 13 deutsche Ausbilder, darunter medizinisches Personal wie Flottillenarzt Malte Huber und Sanitätsmeister Benjamin Lammert, die die Mallorca Zeitung an Bord empfangen. An diesem Mittwochvormittag (30.8.) ist die Stimmung hier entspannt, die Ausbilder bereiten den Wechsel der Mannschaft vor. 47 Kadetten haben am Morgen nach drei Wochen Ausbildung das Schiff verlassen, 47 neue kommen am Nachmittag an, um die zweite Etappe bis zum 22. September bis ins rumänische Constanza mitzumachen. Das Schiff wird 9.887 Seemeilen im Atlantik und im Mittelmeer zurücklegen.

Noch am Dienstag hatten die Verantwortlichen deutlich angespannter in ihren Uniformen gesteckt, denn der deutsche Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), schaute an Bord vorbei. Seit mehreren tödlichen Unfällen auf der „Gorch Fock" steht die Marine im Fokus der deutschen Aufmerksamkeit. „Sein Besuch verlief sehr harmonisch, die Kadetten allerdings waren ein wenig nervös", erzählt Malte Huber bei einem Rundgang über Deck.

Die Holzplanken glänzen, als seien sie gerade neu eingesetzt worden. „Die jungen Leute schrubben das Deck jeden Morgen um 7 Uhr." Das Programm ist für alle gleich, egal ob Deutsche, Rumänen oder die jeweils zwei Polen, Bulgaren und Chinesen, die auch noch bei der Ausbildungsfahrt mit dabei sind. Um 6 Uhr beginnt auf See der Tag an Bord, um 8 Uhr gibt es Flaggenparade - das heißt, unter Anwesenheit aller Besatzungsmitglieder wird die rumänische Flagge gehisst. Dann steht die Ausbildung der Kadetten an: Navigation, Wetterkunde, Segelsetzen, Wache, teambildende Aufgaben. „Wichtig ist vor allem auch das Bewerten von Naturgewalten und das richtige Einschätzen von Gefahren", sagt Marine-­Sprecher Alexander ­Gottschalk am Telefon. Im Grunde sei es ein „schwimmendes Klassenzimmer". Der Alltag an Bord ist vielfältig - und macht hungrig. „Bis zu 5.000 Kalorien müssen die Kadetten am Tag aufgetischt bekommen", so Huber. In der Küche blubbert ein Kochtopf mit dem Umfang eines Autoreifens vor sich hin: Gemüsesuppe für 60 Leute. Daneben steht eine noch größere Gulaschkanone. „In der Woche verbrauchen wir an Bord etwa 420 Kilogramm Fleisch", sagt einer der Köche. Die traditionelle rumänische Ernährung an Bord sei ohnehin sehr fleischlastig, merken Huber und Lammert an. Sie bleiben höflich, aber man merkt ihnen an, dass sie die deutsche Küche vermissen.

Auch sonst ist an Bord so einiges anders als auf der „Gorch Fock". Angefangen bei den Sicherheitsvorschriften („Da haben die Rumänen andere Vorstellungen als die Deutschen") bis hin zur Kleidung. „Die Rumänen laufen manchmal mit kurzer Hose und Flipflops über Deck. Bei der Bundeswehr gelten ganz klare Vorschriften, was die Uniform angeht", fügt Lammert an. Aber so könne eben auch der eine vom anderen lernen - ein wichtiger Teil der Kooperation zwischen Bundeswehr und rumänischer Marine. „Denn schließlich sind wir ja nur zu Gast auf deren Schiff", sagt Huber. „Und als solche wurden wir sehr herzlich aufgenommen."

Die Bundeswehr war auf eine Kooperation angewiesen, weil die „Gorch Fock" seit eineinhalb Jahren generalüberholt wird. „Wir hoffen, dass sie bis Mitte 2018 wieder einsatzfähig ist", sagt Huber. Einmal hatte bereits die norwegische Marine mit einem Schiff ausgeholfen, auf dem die deutschen Kadetten ausgebildet werden konnten - unter denen inzwischen auch einige junge Frauen sind. Vereinzelte Kontakte zur Männerwelt lassen sich da nicht vermeiden. So habe sich bereits die ein oder andere Beziehung ent­wickelt. Und ein junges Paar, das sich auf der „Gorch Fock" kennengelernt hatte, habe kürzlich im Rahmen einer Fernsehshow geheiratet.

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