Natalia Klitschko: "Ich will mein Publikum finden"

Die Frau von Vitali Klitschko, der heute Bürgermeister von Kiew ist, im Interview über das Älterwerden, das Leben als "First Lady" und ihr Engagement für benachteiligte Kinder in der Ukraine

08.10.2017 | 11:39
Natalia Klitschko bei ihrem Auftritt in der Finca Sa Canova.

Natalia Klitschko (43) ist Stiftungsbeirätin der Kinderhilfsorganisation Leon Heart. Sie hat selbst drei Kinder, die heute 17, 14 und 12 Jahre alt sind. Alt genug, damit sich die Mutter nebenbei um ihre Gesangskarriere kümmern kann. Am 12. Februar 2016 erschien ihr Debütalbum „Naked Soul" bei Sony Music. Ein melancholisch-nachdenkliches Erstwerk mit vielen Jazz-Adaptionen. Ihren Lebensschwerpunkt hat sie in Hamburg, auf Mallorca leben zwei ihrer besten Freundinnen. Am Samstag (30.9.) sang Klitschko bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung auf dem Mustergut Sa Canova.

Sie waren Model, Ihr Mann ist Politiker, Sie treten als Sängerin auf. Was haben Sie sonst noch mit der ehemaligen französischen First Lady Carla Bruni gemeinsam?
(lacht) Ich glaube nichts. Aber ich vergleiche mich auch nicht mit anderen Menschen, das ist meine Regel. Vielleicht lasse ich mich inspirieren, aber mehr auch nicht. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, jeder Mensch ist unterschiedlich.

Aber liegt es den Menschen nicht nahe, sich an anderen zu orientieren?
Nein, das mache ich gar nicht. Ehrlich.

In einem Interview mit der „Welt" haben Sie gesagt, dass Sie kein Lampenfieber haben.
Nein, habe ich nicht. Ich habe sehr früh angefangen zu modeln und hatte auch schon als Kind in der Schule nie Angst vor der Bühne. Es hat mich da eher hingezogen. Vielleicht hilft es mir, dass ich mich nicht mit anderen vergleiche (lacht).

Keine Angst vorm Scheitern?
Die Kunst ist es, mit dem Verlieren­ umzugehen und daraus etwas zu lernen. Wenn man scheitert, geht man einen Schritt zurück, analysiert, lernt und macht weiter. Das macht einen Mensch stärker. Früher habe ich immer versucht, mich zu rechtfertigen. Jetzt rechtfertige ich mich gar nicht mehr. Das ist das Tolle, wenn man eine gewissen Reife erlangt hat und älter wird.

Sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen – ein schöner Aspekt des Älterwerdens?
Ja, ich genieße mein Alter absolut. Ich habe mich nie so glücklich gefühlt wie ab 40 und aufwärts. Aber natürlich, gerade als Frau, manchmal gibt es Tage, da entdeckt man eine neue Falte ? (lacht). Vielleicht ist man mit 20 physisch wunderschön, aber man hat leider nicht die Weisheit, die man ab 40 hat. Das ist vielleicht ein bisschen schade, aber die Zeit zurückdrehen würde ich auch nicht wollen. Ich bin so, wie ich bin, sehr glücklich.

Und den Schritt zur Musik haben Sie gemacht, weil es schon immer ein Wunsch war?
Ich habe seit meiner Kindheit immer gesungen, im Schulchor zum Beispiel. Ich komme aus einer musikalischen Familie. Mein Vater hat Schlagzeug gespielt, meine Mutter gesungen. Ich war als Kind auf verschiedenen Gigs, kleinen Konzerten. Und ich bin Ukrainerin, bei uns singt man immer. Die Slawen singen einfach gerne.

Aber nicht jeder nimmt ein Album auf. Wie kam es dazu?
Ich habe mir den Freiraum geschaffen. Als Mutter von drei Kindern hatte ich lange keine Zeit, aber als die Kinder größer wurden und nicht mehr so viel Aufmerksamkeit brauchten, habe ich Gesangsunterricht genommen und bin bei kleineren Gigs aufgetreten.

Wann war das erste größere Konzert?
Das war 2013. Da habe ich zum ersten Mal neben Coversongs auch eigene Lieder gesungen. 2014 hatte ich ein weiteres Konzert und habe gemerkt, dass ich keine Coversongs mehr singen, sondern meine eigenen Lieder schreiben will. Dann habe ich den Pianisten und Komponisten Oliver Grindel kennengelernt, mit dem ich schließlich das Album gemacht habe. Oliver ist ausgebildeter Jazz-Schlagzeuger, er hat in New York Musik studiert. Im Februar 2016 erschien dann Ihr Album „Naked Soul". Nur ein Lied singen Sie auf Englisch.
Ich singe auf Ukrainisch und Russisch, weil das meine Muttersprachen sind, da bin ich dickköpfig. Warum muss alles immer auf Englisch sein? Musik versteht man auch so.

Alle Ihre Lieder sind Liebes­lieder?
Ja, alle. Aber ich singe über Liebe in allen Farben. Es geht nicht nur um Schmetterlinge im Bauch.

Wie wichtig ist es Ihnen, als Musikerin erfolgreich zu sein?
Ach wissen Sie, wenn man sagt, man will überhaupt keinen Erfolg haben, dann macht das keinen Sinn. Aber das ist nicht meine Priorität. Ich will mein Publikum finden. Das ist nicht einfach, gerade weil ich auf Russisch und Ukrainisch singe. Aber ich glaube an meine Musik und an meine Musiker. Schlager und Popsänger gibt es schon genug.

Sie haben mit Ihrem Mann an den ukrainischen Bürgerprotesten 2013 auf dem Maidan teil­genommen. Sind Sie ein politischer Mensch?
Nein, eigentlich bin ich kein politischer Mensch, aber ja, natürlich habe ich mitdemonstriert. Wenn so etwas mit deinem Land passiert, dann kann man nicht außerhalb der Politik stehen. Aber ich will mich mit meinen Lieder nicht politisch engagieren.

Wie würde Sie Ihre Familie beschreiben? Als politische, musikalische oder sportliche Familie?
Alles drei. Dazu kommt noch, dass wir eine sehr sozial engagierte Familie sind. Eine gesunde Mischung, jeder von uns bringt etwas ein. Ich bringe das Musikalische, das Künstlerische mit ein.

Wenn Vitali von seinem Job als Bürgermeister nach Hause kommt, sprechen Sie über Politik?
Natürlich spricht er darüber, was da alles passiert, aber um ehrlich zu sein, wenn wir alle zusammenkommen, wünschen wir uns am meisten, dass solche Themen draußen bleiben. Wir genießen lieber die kurze Zeit, die wir ­zusammen verbringen können.

Wie erleben Sie die Situation Ihres Landes?
Obwohl nichts oder kaum mehr in den Medien berichtet wird, ist im Osten immer noch Krieg. Menschen sterben jeden Tag. Doch es ist wie immer: Wenn etwas anderes passiert, richtet sich die Aufmerksamkeit woandershin. In der Zentralukraine und im Westen ist es ja auch ruhig. Eigentlich merkt man dort gar nichts. Es ist paradox. In Kiew kann man beobachten, dass die Menschen viel ins Theater gehen oder Musicals und Konzerte besuchen. Der Mensch sehnt sich nach etwas Positivem im Leben.

Auch Sie hatten schon einen Auftritt in Kiew. Wie hat das Publikum auf Sie reagiert?
Ich war überrascht. Das deutsche Publikum war viel herzlicher und offener als mein Publikum zu Hause. Klar, die haben gedacht, jetzt kommt die Frau vom Bürgermeister, die First Lady von Kiew – das vergesse ich auch manchmal, dass ich die First Lady von Kiew bin. Es war sehr schwer, diese Skepsis zu durchbrechen. Aber am Ende habe ich die meisten auf meiner Seite gehabt. Bei diesem Auftritt war sogar ich
nervös.

Gefällt Vitali Ihre Musik?
Ja, aber für ihn ist es auch nichts Besonders. Er hört mich schon seit 21 Jahre singen. Aber er hat seine Favoriten, er mag es am liebsten, wenn ich ukrainische Volkslieder singe. Bei jedem Auftritt, wo er dabei ist, ruft er von seinem Platz aus: „Und jetzt bitte mein ukrainisches Volkslied!" Manchmal tue ich ihm den Gefallen. Zum Beispiel beim Vorentscheid zur Eurovision in Kiew, da war ich eingeladen und durfte zwei Lieder singen. Da rief er: „Und jetzt bitte mein ukrainisches Volkslied." Da musste ich dem Bürgermeister einen Gefallen tun (lacht). Da war er natürlich sehr glücklich.

Können Sie sich vorstellen, einmal beim Eurovision Song Contest mitzumachen?
Nein, sie haben mich schon gefragt, ob ich an den Vorentscheidungen teilnehmen will, aber das ist nichts für mich.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages vielleicht First Lady der Ukraine zu werden?
Ich weiß ganz genau, dass mein Mann weiter Politik machen wird. Aber welche Pläne er hat, dass kann ich nicht sagen. Er ist mindestens noch zwei Jahre Bürgermeister. Er hat sich durchgesetzt, die Menschen lieben ihn, er hat ganz viel geschafft, und ich bin sehr stolz auf ihn. Aber was er weitermacht, das ist seine Entscheidung, und ich werde ihn darin immer unterstützen.

Wie kam es zu Ihrem Engagement bei der Leon Heart Foundation?
Michael Popp hat 2010 in der Ukraine eine Kampagne gegen Brustkrebs gestartet und mich gefragt, ob ich Schirmherrin werden möchte. Das war ich dann drei Jahre. Danach hat er mit mir über seine Kinderhilfsprojekte gesprochen, und ich war sofort dabei. Heute bin ich Stiftungsbeirätin, treffe die Kinder, mache Öffentlichkeitsarbeit – und singe.

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