Bei diesem Schäfer werden alle Frauen schwach

Der Mallorquiner Jaume Coll hatte in Hamburg Erfolg als Fotomodel. Bis er beschloss, lieber wieder auf die Insel zurückzukehren und seine wahre Berufung zu leben

10.11.2017 | 16:43

Jaume Coll aus Alaró war Model in Hamburg, bevor er beschloss, Bauer zu werden. Auf dem Laufsteg ist jetzt nur noch seine Hütehündin unterwegs. So ganz aus dem Rampenlicht ist der 33-Jährige damit aber noch nicht

Herr Coll, beschreiben Sie uns, wie Sie als Model lebten ...
An einem Mittwoch im Jahr 2009 sah mich eine Frau, die für eine Agentur arbeitete. Sie fragte mich, ob sie einige Fotos von mir machen könne. Ich sagte Ja. Sie schickte die Bilder in der gleichen Woche an die Agentur Kult Models in Hamburg. Die riefen mich an und fragten, ob ich schnell dort sein könnte. Ich war nur 25 Jahre alt und wusste wenig von der Welt. Ich packte also meine Koffer, reiste nach Deutschland und zog in das Haus eines Musikers im Ruhestand, das mir die Agentur vermittelt hatte. Jeden Tag machten wir drinnen und draußen Fotos. Die Frau, die mich auf der Insel angesprochen hatte, fungierte auch als Übersetzerin, weil ich kein Englisch und schon gar kein Deutsch konnte. Am Ende machte ich den ein oder anderen Werbespot und erschien in einer italienischen Zeitschrift. Ich war Mitglied einer Agentur, alles wurde bezahlt, ich hatte Fotografen und Visagisten. Klar, ich fühlte mich als etwas Besonderes.

Warum kamen Sie zurück auf die Insel?
Ich blieb einige Monate in Hamburg, aber es hat mich fertiggemacht: diese Stadt, Diät einhalten zu müssen, das Fitnessstudio, die Fotoshootings. Ich hielt mich an die Vorgaben, aber wenn ich ausging, dann immer ins Can Manolo, ein spanisches Restaurant. Ich aß dann immer, was ich wollte. Nach einiger Zeit kaufte ich ein Flugticket
und kehrte zurück. Auch auf der Insel bot man mir an, als Model zu arbeiten. Ich versuchte es, arbeitete mit einem Fotografen aus Mailand zusammen, aber am Ende war auch das nicht mein Ding. Nachdem ich mich schon der Landwirtschaft zugewandt hatte, rief man mich noch einmal an, aber ich wollte nicht ous amb caragols vermischen (Eier mit Schnecken, mallorquinische Redewendung, Anm. d. Red.)

Wie begann Ihr Leben als Bauer?
Ich kehrte nach Mallorca zurück, zog dann aber nach Asturien weiter. Ich gründete ein Unternehmen und ritt Springpferde, um die ich mich auch kümmerte. Dann beschloss ich, sesshaft zu werden. Ich zog wieder nach Mallorca, wusste aber noch nicht, was ich genau machen wollte. Klar war mir nur, dass es mit Landwirtschaft und Tierhaltung zu tun haben sollte. Mir haben Tiere und die Natur immer gefallen. Dann sprang ich ins kalte Wasser: Ich pachtete eine ziemlich große Finca, kaufte Maschinen und wurde Nachwuchsbauer. Wenn du dich in diese Welt hineinbegibst, fängst du mit wenig Fläche an und hörst mit sehr viel auf.

Was gab den Ausschlag dafür, dass Sie sich auf dieses Abenteuer einließen?
Als ich anfing, gab es nicht viele junge Leute, die in der Landwirtschaft aktiv waren. Ich hatte einen Bauern als Freund, der mir Ratschläge gab. In meiner Familie hat keiner damit zu tun. Wenn du loslegst, merkst du bald, dass das alles nicht so einfach ist. Es ist eine Welt, in der du nichts verloren hast, wenn sie dir nicht gefällt. Es gibt keine freien Tage, und das nicht einmal stundenweise. Du musst eine Firma gründen, Maschinen kaufen, Finca-Besitzer suchen, deren Eigentum du bewirtschaften darfst und dann zusehen, dass du Gewinn machst. Als die Wirtschaftskrise begann, gab es auf einmal mehr Konkurrenz, weil viele Leute auf dem Lande ihre Zukunft sahen. Jetzt, da sich alles stabilisiert, versuchen sie, anderweitig Geld zu verdienen.

Sie nehmen als Hirte auch an Wettbewerben teil.
Weil ich so viel arbeite, wollte ich etwas Zeit für mich haben. Ich suchte ein Hobby und interessierte mich fürs Schafehüten. Ich schrieb mich bei Wettbewerben ein. Momentan mache ich bei der spanischen Hüte-Liga ABCT mit und auch in der Balearenliga. Bei einem Wettbewerb in Asturien schaffte meine Hündig Lamby kürzlich Platz 13 unter 33 Teilnehmern. Ich habe sie vor zwei Jahren in England gekauft, und da sie Engländerin ist, spreche ich Englisch mit ihr.

Gestaltet sich Ihr Dasein als Bauer momentan schwierig?
Nun, im vergangenen Jahr haben mir Hunde bei acht Attacken etwa 100 meiner Schafe gerissen. Die Regierung hilft zwar mit Subventionen, aber das war´s auch schon. Statt Subventionen zu erhalten, würde ich es vorziehen, dass man mir meine Produkte zu einem angemessenen Preis abkauft. Während du das Saatgut, das du kaufst, sofort bezahlen musst, bekommst du das Geld für die Schafe oder Mandeln, die du verkaufst, erst in einem Monat.

Glauben Sie, dass die Menschen und die Regierung diesen Beruf genügend würdigen?
Ich glaube, dass sich die Mallor­quiner bewusst darüber werden sollten, was wir hier alles haben. Die Deutschen oder Engländer zum Beispiel kommen zur Mandelblüte. Sie würdigen unsere Arbeit und die Produkte, die wir verkaufen. Manchmal halten sie an, um Fotos von uns zu machen. Sehr viele Insel-Mandeln werden nach Deutschland exportiert, aber wir hier essen welche aus Kalifornien. Und mit den Schafen passiert das Gleiche, da die von hier nicht ausreichen. Wir importieren Schafe, und der Preis für die unsrigen geht nach unten. Die Angriffe auf meine Tiere prangerte ich in einer Zeitung an. Der TV-Sender IB3 interviewte mich, und da ich den Mitarbeitern mein Modelleben ausbreitete, verpflichteten sie mich für die Landwirtschafts-Sendung „Uep, com anam?"

Wie bewerten Sie Ihren Sprung ins Fernsehen?
Einen Tag nach der Geburt meines Sohnes bot man mir an, die Reihe zusammen mit Toni Ballador zu moderieren. Ein doppeltes Geschenk! Ich nutzte die Gelegenheit, weil ich mich damit beruflich beschäftige. Ich will den Zuschauern neue Methoden der Landwirtschaft nahebringen und mehr Kollegen aus der Branche kennenlernen. Ich will den Leuten vermitteln, womit wir Bauern uns wirklich beschäftigen. Das Fernsehen eignet sich dafür am besten.

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Dieser Beruf wird in ein paar Jahren nicht mehr derselbe sein. Es wird nur noch darum gehen, die Fincas in Schuss zu halten. Ich wünschte, es gäbe weniger Beton und mehr Felder, und ich würde gerne von Tag zu Tag leben und immer Bauer sein.

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