Glovo auf Mallorca: Bleiben Sie ruhig sitzen

Ein Art Uber für den schnellen Transport in der Stadt: In Palma expandiert ein neuer Lieferdienst

14.11.2017 | 01:00
Knallgelber Freiberufler: ein Glovo-Kurier bei der Arbeit.

Ob mal eben schnell ein Medikament aus der Apotheke, ein Geburtstagsgeschenk für die Tochter, ein Mittagessen oder ein neues Buch – mit der neuen Android- und IOS-App des Unternehmens Glovo kann man sich in Palma seit September täglich von 9 bis 23 Uhr diese Dinge in höchstens 35 bis 40 Minuten oder zu einem bestimmten vereinbarten späteren Zeitpunkt bringen lassen. Sie dürfen allerdings nicht mehr als 9 Kilogramm wiegen.

Und es klappt bestens! Beim MZ-Test – der Verfasser dieser Zeilen bestellte sich ein McDonalds-Menü in die Redaktion – brachte einer von derzeit etwa 50 freiberuflichen Fahrern des im Jahr 2015 in Barcelona gegründeten Start-ups die Ware in weniger als einer halben Stunde zum Ziel.

Der Online-Bestellvorgang war in Minutenschnelle über die Bühne gegangen: Erst war die Registrierung mit Passwort zu erledigen, dann wurden die Zustell-Adresse, eine Telefonnummer, eine Kreditkartennummer und eine E-Mail-Adresse verlangt. Schließlich konnte Online bei ausgesuchten Unternehmen auf der Webseite von Glovo bestellt werden, kurze Zeit später standen die Tüten mit dem Essen vor der Bürotür. Nutzt man die App auf dem Smartphone, lässt sich die Lieferung in Echtzeit auf einer digitalen Straßenkarte verfolgen. Vom Konto wurden innerhalb von zwei Stunden der Preis der Bestellung und eine Liefergebühr in Höhe von 1,90 Euro abgezogen. Außerdem könnten Aufschläge für Nachtfahrten und besonders lange Strecken verlangt werden.

Mehr als Pizzaservice
Glovo ist nicht nur ein Kurierdienst oder ein etwas größerer Pizzaservice, sondern – wie Mit-Gründer Sacha Michaud der MZ am Telefon sagt – „eine bewusst nicht auf nur eine Produktlinie konzentrierte Internetplattform zum schnellen Transport von Objekten in einer Stadt". Glovo ähnelt der schon länger existierenden Internet-Plattform Uber, bei der man Autos mit freiberuflichen Fahrern bestellen kann, die einen überall hinbringen.

Los ging es für den seit Jahrzehnten in Spanien lebenden und bereits als Vorstandschef von Firmen wie LatinRed, Jdigital oder Betfair Iberia aktiven britischen Geschäftsmann Sacha Michaud und seinen katalanischen Kollegen Óscar Pierre im März 2015 zunächst in Barcelona. Dann wurde Glovo auf andere spanische und später auf italienische Großstädte wie Mailand, Palermo, Catania oder Rom und auf die französische Hauptstadt Paris ausgeweitet. Mittlerweile sind es in Spanien zehn und in anderen Ländern 16 Städte. Zuletzt kam Lissabon hinzu, seit 2016 operiert der Dienst in Palma.

„Wir können unseren Fahrern, den glovers, deutlich mehr als die vom Kunden pro Bestellung beglichenen 1,90 Euro pro Transport zahlen, weil die inzwischen Tausenden Geschäfte und Restaurants, mit denen wir zusammenarbeiten, ihrerseits Beträge an uns überweisen", erklärt Sacha Michaud das Geschäftsmodell.

Die Erfolgsgeschichte begeistert Investoren. „Der japanische Handelsgigant Rakuten, der französische Investitionsfonds Cathay Capital und andere schossen Ende September 28,5 Millionen Euro hinzu", sagt Michaud. Nunmehr ist das Unternehmen, das seinen Sitz mit inzwischen 140 angestellten Beschäftigten in Barcelona hat, schon 70 Millionen Euro wert – kein Vergleich zu den lediglich etwas mehr als 100.000 Euro, mit denen alles angefangen hatte. Rakuten hat genügend Geld, um seit dem vergangenen Jahr Trikotwerbung für den Top-Fußballverein
FC Barcelona machen zu können.

Virtueller Einkauf
In den einzelnen Städten wie Palma gibt es keine Firmenzentren mit Festangestellten, sondern nur die freien Kuriere. Die fahren auf Rädern oder Motorrädern, sind per GPS lokalisierbar und werden kontaktiert, wenn gerade eine Bestellung in ihrer Nähe getätigt wurde. „Dadurch bekommen wir es hin, dass wir so schnell sind", sagt Sacha Michaud. Die glover sind flexibel verfügbar. „Manch einer arbeitet nur zwei Stunden pro Tag, andere wiederum montags, dienstags oder mittwochs." Jeder muss sich einen gelben Rucksack oder einen ähnlichen Behälter, in die er die Ware platziert, bei einer Spezialfirma selbst kaufen. Ausnahmen beim Liefern: Lebende Tiere dürfen sie zum Beispiel nicht transportieren.

Hilfreich ist der Service von Glovo besonders bei Einkäufen in Supermärkten, ein bekanntlich gerade für Familien anstrengendes Ritual. Das Start-up-Unternehmen arbeitet mit den bekannten spanischen Ketten Supercor, Mercadona, Dia und El Corte Inglés zusammen. Bei Mercadona sind beispielsweise allein beim Haustierfutter 129 Produkte verfügbar, bei Getränken 953 und bei Milchprodukten 455 – mehr als man im echten Supermarkt finden kann. Um die knapp bemessene Zeit einhalten zu können, werden die Kuriere bei den Vertragspartnern bevorzugt bedient.

Glovo hat Sacha Michaud zufolge derzeit keine Pläne, etwa nach Deutschland und in sonstige mitteleuropäische Staaten zu expandieren, dort sei der Markt bereits eng besetzt. „Wir konzentrieren uns auf Südeuropa, wo nach und nach noch mehr Städte hinzukommen werden."

glovers.glovoapp.com

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