Hans-Joachim Aubert: So schreibt man heute einen Mallorca-Reiseführer

Der Reisebuchautor ist seit 40 Jahren auf Achse. Er erklärt warum Reiseführer manchmal floppen und was der Reisende will

20.12.2017 | 11:09
Hans-Joachim Aubert hat schon viele Mallorca-Führer veröffentlicht. Derzeit arbeitet er an einer Neuauflage.

Wo geht man heutzutage los? Nicht mehr an der Kathedrale. Der moderne Reisende sitzt auf der Plaza in einem Café, beobachtet die enschen und nimmt die Atmosphäre auf, bevor er sich durch Palmas Altstadt treiben lässt. Rundwege durch die Stadt beschreiben? Überholt. Adressen der schönsten Innenhöfe nennen? Nö. Der dauervernetzte Tourist findet sie selbst und guckt zur Not im Smartphone nach. „Nichts mehr vorschreiben, sondern Entdeckerfreude wecken", sagt Hans-Joachim Aubert. Der gebürtige Berliner mit Wohnsitz Bonn hat für eine Woche in einem Hotel in Palma eingecheckt, um erste Ideen für die Neuausgabe „Mallorca" für den DuMont-Reisebuchverlag zu sammeln.

Der Schwerpunkt ändert sich, weniger Geschichte, Sehenswürdigkeiten und Strände heißt das Motto. Stattdessen werden die kleinen Dinge am Rand beleuchtet und weniger bekannte Ziele vorgestellt, wo der Urlauber den Einheimischen trifft. Über Kritisches auf der Ferieninsel will Hans-Joachim Aubert ebenfalls ausführlicher berichten als bisher, dazu gehören Themen wie Palmas Müllverbrennungsanlage, Betrügereien im Immobilienmarkt und Umweltverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe.

„Der moderne Durchschnitts­urlauber ist gebildet und kulturell interessiert, hat zu Hause viel um die Ohren und möchte daher auch entspannen – eben ein Individual­tourist", so der Reisebuchautor. Seit 1977 hauptberuflich im Geschäft, hat Hans-Joachim Aubert zahlreiche Bücher und Reisebildbände über Indien, Fernost, Mittelamerika und eben auch Mallorca veröffentlicht.

Gereist ist er schon immer gern, für seine Promotion über Teebaum- und Kokosplantagen in Sri Lanka fuhr er Anfang der 70er-Jahre mit einem ­Kommilitonen und dessen VW-Bus über den Landweg von Bonn nach Sri Lanka. Eineinhalb Jahre waren sie unterwegs. „Wegen des Bürgerkriegs in Sri Lanka mussten wir sechs Monate länger bleiben als geplant", erzählt Hans-Joachim Aubert. Aus Zeitvertreib machte er Tausende Fotos, daraus entstand 1972 seine erste Buchveröffentlichung. Der Bildband und Kunstreiseführer über Sri Lanka wurde zum Initialzünder, danach kam ein Auftrag nach dem anderen. Der Doktor der Wirtschaftsgeografie schlug eine Karriere im väterlichen Dunstkreis aus und entschied stattdessen, für namhafte Verlage durch England, in die USA und nach Mexiko zu reisen.

Was sich so vielversprechend anhört – um die Welt reisen, fotografieren, Reisebücher schreiben – ist ein knallhartes Geschäft, wie Hans-Joachim Aubert schnell lernte. Er muss bis heute sämtliche Reisekosten für Flüge, Hotels, Essen und Mietwagen aus eigener Tasche finanzieren. Es gibt kein Garantiehonorar, ­stattdessen wird der Autor prozentual am Buchverkauf beteiligt. Ob sich ein Reiseführer gut verkauft oder nicht, liegt dabei nicht an der Kunstfertigkeit des Schreibers, sondern am Reiseverhalten des Urlaubers. So hatte Hans-Joachim Aubert gerade einen neuen Reiseführer über Tunesien veröffentlicht, als in dem nordafrikanischen Land ein terroristischer Anschlag verübt wurde und plötzlich niemand mehr dort hinfuhr. „Kein Verkauf, kein Honorar", fasst er schlicht zusammen. „Immerhin konnte ich damals noch ein paar Fotos einzeln verkaufen", so der autodidaktische Fotograf.

Wird ein Reiseführer neu aufgelegt, findet viel Recherche im Internet und per Telefon statt. Die Vorgabe heißt bereits seit einigen Jahren: Zu allen Hotels und Restaurants, die im Reiseführer stehen, muss eine Website angegeben werden. Echte Geheimtipps und private Adressen, etwa eines Olivenbauern auf Mallorca, kommen bei ihm nicht in den Reiseführer. Er entscheidet von Fall zu Fall, ob ein Eintrag die wirtschaftliche Lage vor Ort verbessert oder eher gefährdet. „Der Tourismus macht nicht per se alles schlechter", so Hans-Joachim Aubert, „manchmal bewahrt er Traditionen auch vor dem Vergessen." Die Schattenspiele in Indonesien seien dafür ein Beispiel. Erst durch Aufführungen vor Touristen wurden sie wieder in Erinnerung gebracht und nebenbei lukrativ vermarktet.

Fragt man ihn nach seinem nächsten Wunschreiseziel, erzählt er mit leuchtenden Augen von einer geplanten Autotour durch Georgien, Armenien und Iran. Seine Frau besitzt wie er das Entdecker-Gen und reist an seiner Seite. Auch Mallorca möchte der Reisebuchautor so schnell nicht aufgeben, die Insel gehört zu seinen liebsten Zielen. Für den neuen Band, der 2019 erscheinen soll, rechnet er mit drei Wochen Recherche vor Ort sowie sechs bis acht Wochen Arbeit am heimischen Schreibtisch. Dass er den richtigen Ton für den jungen Individualtouristen trifft, daran zweifelt der heute 75-jährige nicht. Schließlich käme es nicht auf das Alter, sondern auf die Einstellung zum Reisen an. Für ihn ist Reisen noch immer das probateste Mittel, den Horizont zu erweitern und einen toleranten Blick für andere Kulturen zu bekommen. „Ein guter Reiseführer", so Hans-Joachim Aubert, „weckt die Faszination für das Fremde und verwandelt Ängstlichkeit in pure Neugierde."

www.achimaubert.info

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