Neuer Selbsthilfeverein für Alkoholiker auf Mallorca: Vom Süchtigen zum Helfer

17-09-2009  
"Erweiterte Therapie": Udo Mühmer mit Dr. Herzog.  Foto: Feldmeier

FRANK FELDMEIER Das Handy klingelt, der Anrufer ist nicht mehr nüchtern. „Ich weiß nicht mehr weiter, ich kann nicht aufhören“, sagt er – und Udo Mühmer weiß nur zu genau, wovon der Mann spricht. Er bietet dem Verzweifelten an, sich zu treffen und über seine Probleme mit dem Alkohol zu sprechen.

Und auch wenn der Anrufer dann nicht zum vereinbarten Termin kommt, hat Mühmer
vollstes Verständnis. „Das ist ein typisches Suchtverhalten“, so der Deutsche, der über seine frühere Alkoholabhängigkeit inzwischen offen sprechen kann. „Wenn sie anrufen, sind sie verzweifelt, doch am nächsten Morgen fühlen sie sich schon wieder besser.“ Zumindest so lange, bis sie sich Tage oder Wochen später wieder bei ihm melden.

Seit Mühmer vor einigen Monaten eine Kleinanzeige in der Mallorca Zeitung aufgegeben hatte, melden sich beständig Insel-Deutsche, die ihren Alkoholkonsum nicht mehr im Griff haben. „Das Telefon klingelt inzwischen mehrmals am Tag“, sagt der 54-Jährige. Mit 14 Personen trifft er sich derzeit regelmäßig zu Gesprächen im Café.

Doch dabei soll es nicht bleiben: Zwar gibt es auf Mallorca inzwischen auch zwei deutschsprachige Gruppen der Anonymen Alkoholiker. Mühmer will jedoch einen eigenen Selbsthilfeverein gründen, in dem er seine Erfahrungen mit der Sucht weitergeben kann. Er will der erste Ansprechpartner für Betroffene sein und sie in Zukunft zu einem Gesprächskreis in ein eigenes Vereinslokal einladen.

Mit medizinischem Rat steht bei dem Projekt die Ärztin Dr. Heike Herzog aus Peguera zur Seite – etwa bei der Frage, wo und auf welche Weise eine Entziehungskur in Angriff genommen werden soll. „Der vollständige Entzug ist auch hier auf der Insel möglich“, sagt Herzog, eine deutschsprachige Betreuung sei in jeder Phase sichergestellt. In jedem Fall rät sie zu einer stationären Entgiftung, um Patienten bei möglichen Nebenwirkungen wie etwa Krampfanfällen besser helfen zu können.

Dass besonders auf Mallorca Handlungsbedarf besteht, liegt für Mühmer wie Herzog auf der Hand. Neben den üblichen Suchtrisiken seien viele Deutsche auf der Insel durch das Umfeld besonders anfällig. Das fange damit an, dass Alkohol auch schon am Morgen oder Mittag gesellschaftsfähig sei – vom carajillo, dem Kaffee mit Schuss, über den vino tinto beim Mittagsmenü bis hin zum Kräuterschnaps hierbas zur Verdauung. „Man sollte sich jedenfalls Gedanken machen, wenn man jeden Abend zwei Flaschen Wein trinkt“, so Herzog. Die Alkoholmenge, die eine Person vertrage, sei zwar individuell sehr verschieden. Doch eine Grenze sei eindeutig überschritten, wenn man
ohne Alkohol nicht mehr „runterfahren“ könne.

Bei den bisherigen Betroffenen seien alle Gesellschaftsschichten der Mallorca-Deutschen vertreten, sagt Mühmer, „vom Handwerker bis zum Millionär“. Bei einem seien es die Schwierigkeiten bei dem Versuch, sich auf Mallorca eine Existenz aufzubauen, beim anderen ein fehlender Lebensinhalt, nachdem die Luxusfinca vollständig eingerichtet ist. Acht der 14 derzeitigen Gesprächspartner seien im Übrigen Frauen. „Viele zeigten schon in Deutschland ein Suchtverhalten und werden dann hier auf Mallorca ganz aus der Bahn geschmissen“, so Herzog.

Auch für Touristen bieten die bereits bestehenden deutschen Gruppen der Anonymen Alkoholiker auf der Insel ihre Hilfe an. Eine erste Gruppe besteht schon seit dem Jahr 2000 und trifft sich wöchentlich an der Playa de Palma, eine zweite Gruppe hat sich vor zwei Jahren in Santa Ponça gegründet. „Wer sich als Alkoholiker fühlt und aufhören will, ist bei uns jederzeit willkommen“, heißt es bei der Gruppe.

Mühmer kennt alle Probleme eines Alkoholikers aus eigener Erfahrung, wie er sagt: „Ich bin selbst auf allen Vieren durch die Wohnung gekrochen, ich habe die ganze Palette durch.“ Nach dem Tod seiner Frau erlitt er einen Rückfall und lag im Krankenhaus Son Dureta im Koma – ein Alkoholexzess, den er nur knapp überlebte. Nach der Entgiftung und Entziehung in Deutschland fasste er schließlich den Entschluss, selbst zu helfen. „Das ist meine erweiterte Therapie.“

Dabei versucht er, den Betroffenen vor allem klarzumachen, dass sie offen mit dem Problem umgehen müssen statt weiterhin zu verstecken, was das soziale Umfeld, allen voran der Partner, in der Regel längst wisse. Mühmer jedenfalls kennt in dieser Hinsicht keine Hemmungen und weist ohne Umschweife auf seine frühere Abhängigkeit hin, wenn ihm beispielsweise ein Glas Sekt gereicht oder er zum Wein eingeladen wird: „Das war und ist harte Arbeit.“

Betroffene können sich bei Udo Mühmer unter der Telefonnummer 660-17 36 86 melden sowie unter suchthilfe-mallorca-udo@web.de. Die Anonymen Alkoholiker treffen sich wöchentlich an der Playa de Palma und Santa Ponça.

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