Borreliose: Wirklich gefährlich oder nur Panikmache?

Auch auf Mallorca ist wieder Zeckenzeit. Experte Joachim Kühlwein über die Risiken der Borreliose

15.05.2013 | 16:32
Die Tierchen können richtig gefährlich werden
Die Tierchen können richtig gefährlich werden

Was sind Borrelien?
Borrelien sind kleine, schraubenförmige Bakterien. Sie wurden erst in den 70er Jahren von Wilhelm Burgdorfer entdeckt. Sie sind erstaunlich widerstandsfähig und lassen sich sehr schlecht anzüchten, was erhebliche Probleme in der Diagnostik einer Borreliose macht. Außerdem zeigen sie erstaunliche Ähnlichkeit mit Treponemen, dem Erreger der Syphilis.

Wie werden Borrelien über­tragen?
Borrelien werden in der Regel von Zecken auf den Menschen übertragen. Eine Übertragung von anderen Insekten oder eine Übertragung von Mensch zu Mensch konnte bislang noch nicht nachgewiesen werden. Zecken von Mittelskandinavien bis Nordafrika können Borrelien übertragen. Je nach Region sind circa 10 bis 30 Prozent aller Zecken mit Borrelien infiziert. Zecken leben in der niederen Vegetation. Durch Abstreifen gelangen die Tiere auf die Haut und suchen sich eine geeignete Bissstelle. Da die Zecken den Erreger im Darm tragen, kommt es nach dem Biss erst nach einigen Stunden zur Übertragung der Borrelien. Wenn eine Zecke frühzeitig entfernt wird, ist eine Infektion sehr unwahrscheinlich.

Wo kommt Borreliose vor?
Die Verbreitung der Borreliose zieht sich wie ein Gürtel über die nördliche Erdhalbkugel. Borreliose kommt vor in USA und Kanada, großen Teilen von Russland, China und Japan. In Europa sind die Borrelien von Mittelskandinavien bis nach Nordafrika beheimatet. Auch auf Mallorca ist Borreliose präsent. Man schätzt circa 70.000 bis 130.000 Neuerkrankungen jährlich in Deutschland, genaue Zahlen fehlen, da die Borreliose in den meisten Bundesländern nicht meldepflichtig ist. Es handelt sich also um ein häufiges Krankheitsbild.

Stadien einer Borreliose
Die klassische Stadieneinteilung ist überholt. Man unterscheidet nun ein frühes Lokalstadium (der Erreger ist in der Umgebung der Bissstelle)und ein spätes generalisiertes Stadium (der Erreger verteilt sich im gesamten Organismus). Bei Befall von Nervengewebe (Gehirn und Rückenmark) spricht man dann auch von einer Neuroborreliose. Bei einer Krankheitsdauer länger als drei Monaten spricht man dann von einer chronischen Borreliose. Die Stadien müssen nicht alle auftreten. Ein Lokalstadium kann ausfallen. Es bildet sich auch nicht immer die typische Erythema migrans oder Wanderröte (siehe unten), an dem sich eine Borrelieninfektion relativ leicht erkennen lässt. Eine Betrachtung von circa 1000 Borreliosefälle ergab, dass nur in 50 bis 60 Prozent der Fälle eine Wanderröte beobachtet werden konnte. 20 Prozent der Patienten konnten sich nicht an einen Zeckenbiss erinnern. Dies mag daran liegen, dass Zecken in frühen Entwicklungsstadien (Larve oder Nymphe) oft kleiner als ein Millimeter sind und schnell übersehen werden.

Symptomatik
Das Frühstadium ist gekennzeichnet durch das Erythema migrans. Es handelt sich hier um eine Rötung um die Bissstelle von 3 bis zu 30 Zentimeter mit typischer zielscheibenartiger Struktur. Nach Ausbreitung des Erregers im Körper kommt es häufig zu Gelenk- und Muskelschmerzen und einer ausgeprägten Erschöpfung und Müdigkeit. Die Symptomatik der chronischen Borreliose ist unglaublich facettenreich. Chronisches Müdigkeitssyndrom, Gelenk- und Muskelschmerzen, Rückenschmerzen vor allem nachts, Lähmungen und Taubheitsgefühle besonders im Gesicht, Schwindel, Sprachstörungen sind häufige, aber nur einige der möglichen Symptome. Sehstörungen, Konzentrationsstörungen, Depressionen, ja sogar Wesensveränderungen und Psychosen können durch Borreliose ausgelöst werden.

Diagnostik
Durch eine Blutuntersuchung kann eine Borreliose nicht sicher bewiesen beziehungsweise ausgeschlossen werden. Bei dem handelsüblichen Test werden lediglich Antikörper im Blut bestimmt, welche mit Oberflächenproteinen der Borreliose zusammenpassen. Abgesehen von der hohen Fehlerquote dieses Testes, kann keine Aussage darüber getroffen werden, wie alt und wie aktiv eine etwaige Infektion ist. Modernere Testmethoden inklusive dem Nachweis von Borrelien-DNA aus Gewebe oder Körperflüssig­keiten kommen leider nur selten zur Anwendung. Die Diagnose der Borreliose kann nur im Zusammenhang aller Informationen gestellt werden: genaue Erfassung der Symptomatik, körperliche Untersuchung, ausführliche Krankenvorgeschichte (Anamnese), Ausschluss anderer Erkrankungen und zur Verfügung stehende Laborwerte. Erst nach Zusammensetzen aller Mosaiksteinchen ergibt sich das Krankheitsbild.

Therapie
Die Studienlage der einzelnen Therapien ist stellenweise noch sehr dünn. Die Meinungen auch innerhalb der Ärzteschaft sind oft kontrovers.Nach amerikanischem Vorbild hat sich in Deutschland eine größere Gruppe von Mediziner und Wissenschaftler zur Deutschen Borreliose-Gesellschaft zusammengeschlossen. Diese Gesellschaft hat zum Ziel, die Borreliose bekannter zu machen, die Forschung auszubauen und auf Grundlage dieser Forschungsergebnisse aktuelle Behandlungsleitlinien zu erstellen, frei von wirtschaftlichen Interessen.

Ist die Diagnose einer Borreliose gestellt, wird von der Deutschen Borreliose-Gesellschaft eine Therapie empfohlen, welche den langfristigen Einsatz von Antibiotika zugrunde legt. Eine Therapiedauer von drei bis sechs Monaten, oder sogar in Einzelfällen bis zu einem Jahr, ist oftmals erforderlich, um eine chronische Borreliose erfolgreich zu behandeln. Begleitet wird diese Antibiotika­therapie durch die Gabe immunstärkender Präparate und bestimmter Vitamingaben. Neben der Antibiotika­therapien gibt es eine Reihe von Alternativtherapien wie Bioresonanztherapie, Einsatz der Kade-Wurzel etc. Selbst eine Behandlung in einer Hochdruckkammer scheint sich positiv auf den Krankheitsverlauf auszuwirken.

Schutz
Auch auf Mallorca gilt:
– Tragen sie in der freien Natur möglichst lange Kleidung.
– Suchen sie Ihren Körper nach jeden Aufenthalt in der Natur gründlich ab und entfernen sie Zecken umgehend selbst (Zeckenkarte oder Zeckenzange).
– Beobachten sie eine Zeckenbissstelle mindestens 14 Tage lang und suchen sie einen Arzt auf, falls sich eine Rötung bilden sollte.
– Suchen sie ebenfalls einen Arzt auf bei unklaren Fieberschüben und Gelenkschmerzen in Zusammenhang mit einem Zeckenbiss.
– Wird eine Borreliose im Frühstadium nicht ausreichend therapiert, kann sich eine chronische Borreliose entwickeln.
Ebenso gilt:
– Leiden sie unter chronischen Beschwerden, welche sich bislang nicht erklären lassen? Lassen sie sich auf Borreliose untersuchen.
– Wurde eine Borreliose diagnostiziert? Führen sie eine Therapie durch analog den Empfehlungen der deutschen Borreliosegesellschaft.

Joachim Kühlwein ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Mitglied der deutschen Borreliosegesellschaft. Er führt eine Praxis in Korbach. www.praxis-kuehlwein-korbach.de

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