Tattoos nach dem Krebs: der letzte Schritt zur Normalität

Jaume Espases tätowiert Frauen nach der Erkrankung ihre Brustwarzen zurück

21.11.2015 | 01:00
Nutzt auch Facebook, um seine Rekonstruktionstechnik bekannter zu machen: Jaume Espases.

Heute scherzen Xisca Salva und Jaume Espases oft, dass sie seine Erste war. Xiscas Tochter hatte sich von Jaume Espases tätowieren lassen und ihn gefragt, ob er sich zutrauen würde, ihrer an Brustkrebs ­erkrankten Mutter zu helfen. Er bejahte. So kam auch Xisca Salva 2012 in das Studio mit den dekorativen Buddha-Figuren und Bronze-Skulpturen des Künstlers. Sie war die erste Frau, der Jaume Espases nach einer Krebserkrankung mithilfe von neun Nadeln wieder eine Brustwarze mit der typischen rötlichbraunen Farbe einstach.

Seither hat der Mallorquiner 60 weiteren Frauen dabei geholfen, den letzten Schritt bei der Rekonstruktion ihrer Brust zu gehen, auf Spanisch el último paso. Danach hat er auch seine Website benannt: ultimopaso.com. Der 43-Jährige ist der einzige Tätowierer auf den Balearen, der sich auf die Rekonstruktion von Brustwarzen spezialisiert hat. Seine erste Kundin findet nur lobende Worte für sein Gesellenstück: „Es ist jetzt nicht so, dass ich mich auf der Straße entblöße, aber meine Brüste sind so schön geworden, dass ich sie gerne und ohne Scheu zeige", sagt Xisca Salva.

Um ein optimales Ergebnis zu erzielen, achtet Jauma Espases streng auf die Details. Die Mischung seiner Tattoo-Farben müssen den Ton der nicht-operierten Brust treffen. „Ich bin Perfektionist", sagt der Autodidakt. Er hat nie Kunst studiert, das Tätowieren schaute er sich vor fünf Jahren von einem Freund ab. In der Krise war die Nachfrage nach seinen Bronze-Skulpturen gesunken, der Künstler musste sich nach zusätzlichen Einkommensquellen umsehen.

Das Handwerk mit den Nadeln hat er inzwischen derart gemeistert, dass er es schafft, die Illusion einer Brustwarze zu zaubern, wo gar keine ist. „Manchmal bleibt die Brust nach der Operation flach", sagt er, während er auf das Beweisbild zeigt und hinzufügt: „Jeder hat eine besondere Begabung, ich glaube, das ist die meine."

Das Geheimnis liege in der Qualität der Farben und der Nadel, sagt Espases, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt: „Ich verwende eine
Maschine mit neun Nadeln. Das Ende ist breiter, und ich kann es wie einen Pinsel verwenden." Das Gewebe werde so weniger verletzt und könne die Farbe besser aufnehmen. „Was ich mache, geht nicht mit kleinen Nadeln wie die, die etwa im Landeskrankenhaus Son Espases für die Rekonstruktion verwendet werden." Der Service dort wird von der Krankenkasse übernommen. Doch die Warteliste ist lang, und die Qualität – zumindest laut Xisca Salva – auch nicht so gut.

Der Tätowierer verlangt 400 Euro für eine Brust, sind beide Seiten betroffen, gibt er einen Rabatt und berechnet etwa 650 Euro. „Mein größtes Problem ist, den Kontakt zu den betroffenen Frauen herzustellen", sagt Espases. Die Krankenhäuser müssen die Daten der Patientinnen schützen, er ist also auf Empfehlungen der Ärzte und Mundpropaganda angewiesen. Doch die meisten Frauen sprechen nicht gerne darüber: „Wenn man sich ein normales Tattoo machen lässt, erzählt man das allen. Bei einer Bruswarzenrekonstruktion ist das etwas anderes", sagt Espases.

Kommt der Kontakt doch zustande, führt er zunächst ein Vorgespräch. Erst beim zweiten Termin macht er sich direkt an die Arbeit. Etwa anderthalb Stunden braucht er, um eine Brustwarze zu tätowieren. Die Arbeit erfordere viel Fingerspitzengefühl, gebe ihm aber wegen des zwischenmenschlichen Austauschs viel zurück. „Von allen meinen Jobs, ist das die Arbeit, die mich am zufriedensten macht", sagt Espases.

Und sie wird gebraucht: 389 Frauen auf Mallorca erkrankten allein zwischen 2009 und 2011 an Brustkrebs. Soweit Espases weiß, gibt es auf dem spanischen Festland nur zwei Tätowiererinnen, die sich ebenfalls auf die Rekonstruktion von Brustwarzen spezialisiert haben. Eine lebt in Madrid, die andere in Galicien. „Ich finde, das Angebot sollte größer sein", sagt Espases. Er kann sich gut vorstellen, auch Kurse zu geben. Bei einer Konferenz in Alcúdia hat er seine Arbeit bereits vorgestellt. Vor Kurzem kam auch schon eine Anfrage aus Chile.

Auch wenn Ultimopaso ursprünglich so entstanden ist: Mit seiner Arbeit als regulärer Tätowierer will er das Konzept nicht vermischen: „Das eine machst du, um deinen Körper zu dekorieren. Das andere soll das Ende einer ­Erkrankung markieren." Xisca Salva würde jedenfalls allen Betroffenen zu einer tätowierten Brustwarze raten. „Bis dahin musst du kommen. Ultimo paso bringt es auf den Punkt: Ein bisschen noch, und du hast es geschafft", sagt sie.

In Kooperation mit der spanischen Krebshilfeorganisation AECC verlost Ultimopaso am 6. Januar drei Brustwarzenrekonstruktionen per Tätowierung. Infos und Teilnahme unter: www.ultimopaso.com

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