Der Therapeut in der Hosentasche

Psychologen und Entwickler aus Palma arbeiten an einer innovativen App: Mentalcheck soll die direkte Kommunikation mit Patienten vereinfachen

14.12.2015 | 14:21
Findet Eigenprotokolle mit Papier und Stift peinlich: Mercedes Martínez.

Ihre Basis hat die Neuropsychologin Mercedes Martínez in einer Gemeinschaftspraxis namens Mentalment im Zentrum von Palma. Die Räumlichkeiten sind hell und modern eingerichtet, die obligatorische Therapeuten-Couch ist schwarz und ergonomisch-schnittig. Gemeinsam mit der Psychiaterin Marian Batle und der Psychologin Clara Viesca behandelt Martínez hier seit einem Jahr. Jetzt wollen die Frauen ihre Arbeit mit der App Mentalcheck von der analogen Couch auf eine digitale Plattform heben.

Das Projekt könnte auf dem spanischen wie internationalen Markt für Furore sorgen. Dahinter steht die Firma Bipsin, die technische Lösungen im medizinischen Bereich entwickelt. Mitte November hat sie sich für das Programm Finodex Fiware qualifiziert, mit dem die Europäischen Union webbasierte Unternehmen fördert. Bipsin erhält dadurch Schützenhilfe in betriebswirtschaftlichen Fragen und 10.000 Euro. Der Betrag könnte noch auf 170.000 Euro wachsen, wenn sich die Firma für das Finale qualifiziert. Das spanische Wirtschaftsministerium unterstützt Mentalcheck ebenfalls.

Die App ermöglicht Patienten, über ihr Smartphone oder Tablet sogenannte Selbstprotokolle zu führen. Dadurch bekommen Therapeuten direktes Feedback zu Symptomen, Gemütszustand und Verhalten in Echtzeit. Der Fachbegriff dafür lautet ecological momentary assessment, kurz EMA. Der große Vorteil der Methode: Die Angaben sind nicht durch Verarbeitungsprozesse und Interpretationen der Erinnerung verfälscht.

„Mentalcheck ändert den Ablauf einer psychologischen Behandlung von Grund auf", sagt Martínez. Denn: Die Psychologen können jederzeit direkt mit ihren Patienten kommunizieren und gegebenenfalls sogar im Notfall eingreifen. „Zum Beispiel bei Schizophrenie-Kranken kann man den Aufenthaltsort per GPS lokalisieren, das ist ein wichtiges Indiz für den Zustand der Betroffenen", sagt Martínez. Die Therapeuten könnten so Rückfälle verhindern, statt diese nachträglich zu behandeln. Die Patienten wiederum haben ihren Therapeuten quasi immer in der Hosen­tasche dabei.

Den Gemütszustand selbst einzuschätzen und zu protokollieren sei eine klassische psychologische Methode. Mentalcheck hat in einer Marktstudie ermittelt: 98 Prozent aller Therapeuten und Coaches nutzen sie, 98,6 Prozent davon – allem technischen Fortschritt zum Trotz – per Stift und Papier. „Allein die Notizen helfen, weil die Betroffenen sich mit ihrer Situation auseinander setzen", sagt Martínez. Allerdings füllen Patienten die Fragebögen häufig wie eine lästige Hausaufgabe erst kurz vor Terminen aus oder vergessen sie ganz. Der behandelnde Psychologe wiederum erhält die Ergebnisse erst mit entsprechender Verzögerung und müsste die Daten mühsam digitalisieren, um sie auszuwerten.

Mentalcheck soll einige dieser Schwierigkeiten aus dem Weg räumen und zudem neue Möglichkeiten bieten: Von persönlichen Erinnerungen und Ermutigungen für die Patienten über dynamische Daten, anschauliche Grafiken und Auswertungen für die Therapeuten bis hin zur Option, die Werte im großen Stil für wissenschaftliche Zwecke zu verwenden. Dementsprechend wichtig ist das Thema Datensicherheit: „Viele der Coaches und Therapeuten, die wir befragt haben, stehen der Technologie skeptisch gegenüber", sagt Martínez. Deshalb müssten alle Daten so verschlüsselt sein, dass nicht mal die Entwickler sie einer Person zuordnen können. Schließlich gehe es für deren Kunden um sehr sensible Informationen.

Martínez und ihre Kolleginnen von Mentalment füttern ihren IT-Partner Bipsin mit dem nötigen therapeutischen Fachwissen. Die Firma Apploading kümmert sich darum, die Plattform auf mobile End­geräte zu bringen. „Es hat einfach alles gepasst: der Bedarf, die Idee und die Möglichkeit zur Umsetzung", sagt die 30-jährige Neuropsychologin. Bislang hat Mentalcheck auf nationaler Ebene einen Konkurrenten, auf internationaler zwei.

Derzeit befindet sich das Projekt kurz vor der ersten Pilotphase, in der Therapeuten die Plattform einem Praxistest unterziehen. Diese muss spätestens im Juni beendet sein, damit Bispin die Auflagen von Finodex erfüllt. Die Plattform soll künftig zu verschiedenen Tarifen erhältlich sein: für Gesundheitszentren, einzelne Coaches und Therapeuten sowie – zu besonders günstigen Konditionen – für Klienten. Mercedes Martínez freut sich jedenfalls darauf, ihr eigenes Produkt verwenden zu können. „Mir ist es peinlich, Patienten Papierfragebögen vorzulegen", sagt sie.

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