Entgiften ohne erhobenen Zeigefinger

Chinesische Medizin, Yoga, Zitronen: eine Österreicherin und ihre Detox-Angebote

21.04.2016 | 11:18
Vom Golfplatz unter den Zitronenbaum: Ursula Peer.

Ursula Peer hat ein Ziel: „Ich möchte zeigen, welches Potenzial in dem liegt, was wir uns auf den Teller legen." Vor acht Jahren beschloss die Österreicherin aus Villach, gesunde Urlaube auf Mallorca anzubieten, „um die Leute spüren zu lassen, wie sich das anfühlt." Peer kombiniert traditionelle chinesische Medizin (TCM) mit Yoga und ihren eigenen zitronigen Rezepten. „Zitronen haben mich schon immer fasziniert, ursprünglich aus optischen Gründen", sagt die 44-Jährige.

Zuvor hatte die Wirtschafts- und Sportwissenschaftlerin 17 Jahre für einen Golfplatzanbieter gearbeitet. Gesundheitliche Probleme brachten sie zur traditionellen chinesischen Medizin (TCM), zunächst als ­Patientin. „Das hat mir die Augen geöffnet", sagt Peer. Es sei nichts Ernstes gewesen, wahrscheinlich eine Lebensmittelunverträglichkeit. Doch während Schulmediziner zwei Monate lang weder die Ursache fanden noch ihre Beschwerden linderten, half ein Besuch beim TCM-Arzt sofort. Peer war so beeindruckt, dass sie berufsbegleitend eine Ausbildung in chinesischer Medizin absolvierte.

Die Ernährung nach TCM interessierte sie dabei besonders. Die chinesische Medizin basiert auf der 5-Elemente-Lehre: Jedes Organ und Nahrungsmittel lässt sich einem der fünf Grundelemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zuordnen. „Jedes Lebensmittel wird wertfrei in seiner Wirkung eingeschätzt und angewendet", sagt Peer. Das Prinzip ähnelt den Doshas der indischen Heilkunst Ayurveda und verlangt vor allem eines: Selbstverantwortung, den Willen, nur oder vor allem das zu essen, was einem guttut und: regelmäßig entgiften.

Du bist, was du isst. „Wir können uns gesund oder krank essen", sagt Ursula Peer. Eigentlich eine Binsenweisheit, die viele trotzdem ignorieren, und sei es aus purer Gewohnheit. „Ich biete meinen Kunden an, eine Änderung zu bewirken – ohne erhobenen Zeigefinger", sagt Peer, „in der Wirtschaft wäre das ein partizipativer Führungsstil."

Entgiften, Entschlacken, Fasten. Ein Dreiklang, der bei so manchem Bilder von Grünkernbratlingen und Öko-Fanatikern nebst spontanem Magenknurren hervorruft. Seit Jahren stehen sich zwei Lager eher feindlich gegenüber: Während Heilpraktiker, Alternativmediziner und Yogis den bewussten Verzicht auf bestimmte oder zeitweise alle Lebensmittel propagieren, erklären zumeist klassisch schulmedizinisch geprägte Vertreter, das sei alles Humbug.

2011 trafen die französischen Dokumentarfilmer Thierry de Lestrade und Sylvie Gilman russische und amerikanische Wissenschaftler sowie Ärzte an der Berliner Charité. In „Fasten und Heilen – altes Wissen und neueste Forschung" stellen sie Studien vor, die vereinfacht gesagt zu dem Schluss kommen: Daueressen ist von der Evolution nicht vorgesehen und periodische Zurückhaltung fördert die Gesundheit. Ende März 2015 verkündete die Verbraucherzentrale NRW hingegen, dass es keine zuverlässigen wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit von Detox gebe.

Es ist eine Debatte, die Ursula Peer gut kennt. Es gebe viele Zweifler, sagt sie. „Kritik soll und darf sein, vor allem, wenn es um die eigene Gesundheit geht." Die Erfahrung aber gebe ihr recht: „Mir sind 200 freudig strahlende Menschen pro Jahr Beweis genug."

Einmal im Monat bietet sie ihre einwöchigen Lemon-Detox-Wochen an, zu 80 Prozent in einer Finca in Porreres, aber auch auf Formentera und in Österreich. Für etwa 1.500 Euro kocht sie dann drei Mahlzeiten am Tag und hält Vorträge. Externe Partner übernehmen den Yoga-Unterricht am Morgen und Abend und TCM-Behandlungen. Inselresidenten gibt Peer kürzere Workshops mit Kochkurs und einem Vortrag. Ihre Rezepte haben dabei immer mindestens einen Hauch Zitrone. „Sie wirken ausleitend, was wichtig fürs Entgiften ist", erklärt Peer. Die Frucht helfe dabei, belastende Stoffe aus dem Körper zu transportieren.

Skeptiker begegnen Peer auch bei der Arbeit immer wieder. „Meine Feuertaufe war ein retreat mit lauter Ärzten", sagt sie. Die jungen Schulmediziner hatten TCM-Kurse belegt und wollten zusammen Urlaub machen. „Detox war für sie eher ein Randprodukt, und sie waren eher kritisch. Bis heute sind einige von ihnen aber treue Kunden von mir."

Überhaupt soll der gewisse Sonnenfaktor dabei helfen, auch Kunden anzulocken, bei denen allein das Wort detox sonst eher Widerstände hervorrufen würde. Der englische Begriff für entgiften klingt in den Ohren der Lifestyle-Gemeinde womöglich funkiger und hat sich in den letzten Jahren durchgesetzt.

Peer selbst ernährt sich hauptsächlich vegan. Wenn sie eingeladen wird, esse sie aber, was auf den Tisch kommt. Eine fanatische Hardlinerin ist sie ohnehin nicht, sie agiert eher nach dem Prinzip essen und essen lassen. Deshalb empfiehlt sie auch auszuprobieren, wie man sich nach einer Detox-Woche fühlt. Das gehe durchaus auch in einem kleinen Selbstversuch: „Einfach mal eine Woche raffinierten Zucker, Brot und Gebäck und Milchprodukte weglassen – das macht schon einen Unterschied", sagt die Zitronen­liebhaberin.

www.detoxmallorca.com

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