Cholesterin: eine These, die an Körperverletzung grenzt

Warum die Behauptung, gegen zu hohe Werte müsse man nichts unternehmen, fahrlässig ist

31.08.2016 | 12:34
Pommes sind ungesund, so viel steht fest.
Pommes sind ungesund, so viel steht fest.

Ich möchte heute über ein Thema berichten, das mir schon seit einiger Zeit sehr am Herzen liegt. Es ist nichts Neues, es handelt sich schlicht und einfach um das Cholesterin in unserem Blut. Fast täglich habe ich als Kardiologe mit Patienten zu tun, die ein teils erhebliches Risikoprofil für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in sich tragen. Neben Nikotinkonsum, Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht tragen vor allem auch zu hohe Cholesterinwerte zu einer vorzeitigen Entwicklung von Gefäßverkalkungen bei.

Die sogenannte „Laienpresse" (Fernsehen, Frauenzeitschriften, Zeitungen und Bücher) wird scheinbar nicht müde zu betonen, dass cholesterinsenkende Medikamente (Statine) nicht erforderlich, ja sogar schädlich seien. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass ich es sehr begrüße, informierten Patienten gegenüberzusitzen. Doch sollte immer wieder betont werden, dass für eine endgültige Urteilsbildung auch die Quelle der Informationen wichtig ist.

Als wichtigste Quelle wird immer wieder das von Professor Dr. Walter Hartenbach im Jahr 2002 veröffentlichte Buch „Die Cholesterinlüge" erwähnt. Hier sollte zunächst festgestellt werden, dass der Autor Chefarzt der Chirurgie in Wiesbaden war. Aus meiner Sicht sind Chirurgen nur selten über Details in Stoffwechselstörungen informiert.

Es handelt sich immer um dieselbe Grundaussage: „Cholesterin ist entgegen den Behauptungen ihres Arztes ungefährlich. Es ist kein Risikofaktor für den Herzinfarkt. Lassen Sie sich nicht beunruhigen. Genießen Sie weiter Schwarzwälder Kirschtorte, Pommes frites, Sahnesaucen und vergessen Sie die Medikamente zur Cholesterinsenkung. Die sind überflüssig." Auf Seite 104 des Buches behauptet Hartenbach sogar, dass zwischen Rauchen und Krebs kein Zusammenhang bestehe.

Man mag mich hier als radikal schimpfen, aber ich behaupte, dass solche Aussagen eine Beihilfe zur schweren Körperverletzung darstellen. Sicher, die Cholesterinsenkung ist für Pharma­firmen ein Milliardengeschäft. Was aber nicht erwähnt wird ist, dass der volkswirtschaftliche Nutzen durch Senkung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Einnahme der Statine wesentlich höher ist. Statistisch belaufen sich die Kosten für einen durch Statine vermiedenen Todesfall auf lediglich 1.340 Euro, ein sehr geringer Preis für das Leben eines Menschen! Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die damit verbundene Verbesserung der Lebensqualität durch eine signifikante Senkung von Schlaganfällen und Herzinfarkten.
Doch welches Argument haben die Cholesteringegner? Die Argumentation in dem oben erwähnten Buch ist simpel: „Cholesterin ist ein für den Organismus unverzichtbarer Baustein, weil er für den Zellstoffwechsel und als Grundsubstanz für Hormone benötigt wird. Cholesterin kann deshalb kein Risikofaktor für Gefäßerkrankungen und den Herzinfarkt sein. Ein hoher Cholesterinwert ist vielmehr ein Zeichen von ­Vitalität.

Jede Senkung des Cholesterinspiegels bedeutet eine Schwächung des Organismus, die schwere Gesundheitsstörungen vor allem aber Krebs nach sich zieht." Nun, dies mag eine in sich logisch erscheinende Aussage sein. Jedoch eine Aussage, die anhand zahlreicher Studien mit Millionen Patienten mehrfach widerlegt wurde. Dies zeigt die unzureichende Informationslage des Autors Prof. Hartenbach. Erster Meilenstein war die 1994 in der renommierten Zeitschrift „Lancet" veröffentlichte 4-S-Studie, an der 94 Krankenhäuser in Skandinavien beteiligt waren. Hier wurde eine eindeutige Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse bestätigt. Eine weitere Langzeitstudie über einen ­Zeitraum von 20 Jahren (WOSCOP-Studie, 2014) bestätigte: „Statine bieten offenbar einen bemerkenswerten kardiovaskulären Langzeitschutz." Beruhigend ist die Tatsache, dass auch in der Langzeitbetrachtung kein „Signal" für eine Begünstigung von Krebs­erkrankungen durch Cholesterinsenkung zu erkennen war.

Unbestritten ist das Cholesterin ein wichtiger Bestandteil der ­Zellen und die Grundsubstanz für verschiedene Hormone. Dies lernen Studenten im ersten ­Semester des Medizinstudiums. Doch der Körper ist sehr wohl in der Lage, das benötigte Cholesterin vollständig selbst herzustellen und nicht auf die Zufuhr von außen angewiesen. Es geht deshalb bei dieser Diskussion lediglich um die Menge des im Blut zirkulierenden Cholesterins und die sich daraus ergebenden Ablagerungen in den Arterien. Statine senken genau diese Menge des im Blut zirkulierenden LDL-Cholesterins, nicht aber das in den Zellen verfügbare Cholesterin, welches letztendlich für die Bildung wichtiger Bausteine benötigt wird.
Liebe Zweifler, eines sei noch gesagt: Es gibt wenige Erkenntnisse in der Medizin, die besser gesichert sind als die Tatsache, dass man durch eine Cholesterinsenkung nicht nur die Lebensqualität verbessert, sondern auch das Leben verlängern kann.

Zuletzt möchte ich noch auf ein völlig neues cholesterinsenkendes Medikament hinweisen. Seit Mitte 2015 ist ein Antikörper zur Hemmung eines bestimmten Proteins zugelassen, was zu einer weiteren, erheblichen Senkung der LDL-Konzentration im Blut führt. Bisherige Erkenntnisse haben keine signifikanten Auswirkungen auf die Hormonspiegel und auf die Gedächtnisleistungen zeigen können. Die Nebenwirkungen sind, im Gegensatz zu den Statinen, zu vernachlässigen. Ein großer Nachteil ist jedoch der hohe Preis von circa 500 Euro monatlichen Therapiekosten.

Dr. Luai Chadid ist Internist und Kardiologe an der Clinica Picasso in Palma. Tel.: 971-22 06 66. www.clinica-picasso.eu

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