Wandern und Yoga: Das Ich am Berg fokussieren

Eine Berliner Reiseveranstalterin bietet mehrtägige Touren in der Tramuntana an

14.10.2016 | 12:06

Um 8 Uhr morgens sind die Parkplatzreihen leer und die Bewohner im Kloster Lluc noch unter sich. Wir sitzen vor der kleinen Bäckerei im Hof, sehen der Sonne beim Steigen zu und stimmen uns ein auf die nächsten drei Tage: wandern, Yoga, meditieren. Uns bewegen und zur Ruhe kommen gleichzeitig. So lautet jedenfalls das Angebot von Karmahike, einer kleiner Reiseagentur aus Berlin, die Claudia Gellrich (38) im vorletzten Frühjahr gründete. Seitdem wandert sie mit Gruppen durch die Uckermark, bietet die Kombination aus Wandern, Yoga und Meditation auch in den Alpen, in Griechenland und eben auf Mallorca im Kloster Lluc an.

Noch vor dem ersten Kaffee steigt die Gruppe schweigend hinter der Klosterkirche die kurze Strecke zum Camí dels Misteris, dem Mysterienweg hoch. Und macht es sich auf dem Plateau vor der Rosenkranz-Station im Schneidersitz bequem. Claudia Gellrich leitet eine kleine Morgenmeditation an. „Ich ermuntere die Teilnehmer schon am Abend zuvor, morgens aus der Nacht heraus schweigend bei sich zu bleiben und den üblichen Floskeln wie ´Hallo´, ´Guten Morgen´ und ´Wie geht´s´ zu widerstehen."

An jedem Reisetag zeigt sie der Gruppe eine andere Meditationstechnik, mal konzentriert man sich dabei auf ihre Worte, lauscht dem eigenen Atem oder fokussiert einen Punkt in der Natur, beobachtet zum Beispiel zehn Minuten lang ein Blatt und nimmt es in all seinen Facetten wahr. „Oft merken die Menschen erst bei solchen Übungen, welche Kraft die Natur hat", sagt Claudia Gellrich.

Mit dieser Urenergie wollte sich auch die gelernte Kommunikations- und Medienfachfrau wieder stärker verbinden. Zwölf Jahre arbeitete sie mit Feuereifer in der Marketingabteilung zweier großer E-Commerce-Unternehmen, dann stellte sich ihr die Sinnfrage: Wie kostbar ist meine Zeit? Sie verdiente zwar gutes Geld, wollte ihre Zeit aber wieder bewusster erleben und öfter in der Natur verbringen. In ihrem früheren Job ging´s viel um Konsum – das sei eigentlich gar nicht ihr Ding gewesen, sagt die studierte Geisteswissenschaft­lerin heute. In Berlin, wo sie seit 15 Jahren wohnt, lebt sie eher puristisch, braucht nicht ständig etwas Neues. Vor zwei Jahren stieg sie aus dem Bürojob aus, ohne zunächst einen Plan zu haben, wie es weitergehen sollte.

Nach mehreren Reise-Monaten brachte sie die simple Frage eines Freundes – was kannst du denn noch außer Marketing? – auf die Idee zu Karmahike. „Yoga und Wandern, das mache ich seit über zehn Jahren", erzählt Claudia Gellrich. Gebürtig aus dem Siegerland wanderte sie schon als Kind mit den Großeltern durch die hügelige Heimat. Mit Mitte 20 ließ sie sich zur Bergführerin durch den Alpenverein ausbilden und nutzte jahrelang ihre Urlaubstage dazu, Freunde und andere Gruppen kostenlos durch die Alpen zu führen. Nach einer Yoga­ausbildung in Berlin und New York fing sie an, Yoga in einem Studio in Berlin zu unterrichten. „Es war dann trotzdem ein großer Schritt, meine zwei Lieblingsaktivitäten zu kombinieren und mich selbstständig zu machen", erzählt die studierte Kunsthistorikerin.

Nach der 30-minütigen Meditation am Klosterberg läuft sie mit der Gruppe zum Klosterrestaurant, für ein ausgiebiges Frühstück, danach startet man zur ersten Wandertour. Heute wird sie mit den Gästen rund ums Kloster laufen, in den folgenden Tagen auch zum Dorf Selva sowie den Puig Ruig besteigen oder den 1.364 Meter hohen Puig de Massanella. „Wer auf Mallorca mitwandern möchte, sollte tritt­sicher sein und Kondition für fünf bis sechs Stunden haben", so die Wanderexpertin, die mit verschiedenen Routen und deren Schwierigkeitsgrad vertraut ist, sich mit Wetterwechsel, Sonnenstich und Himmelsrichtungen auskennt. Zur Wanderung steht täglich noch eine Yoga-Einheit auf dem Programm. Beim Wandern werden Herz und Kreislauf gestärkt, Yoga verbindet Körper und Geist – „eine perfekte Kombination", findet Claudia Gellrich.

Freilich, neu ist das Angebot aus Wander- und Yogareise nicht, inzwischen gibt es etliche Reiseveranstalter, die ähnliches im Programm haben. Wie hebt sich die Wahl-Berlinerin von der Konkurrenz ab? „Ich reise mit nur vier bis acht Teilnehmern, so kann ich zu jedem einen persönlichen Kontakt aufbauen, und die Gäste lernen sich auch untereinander entspannt kennen", sagt Claudia Gellrich. Ihre Unterkünfte sind einfach und liegen mitten in der Natur, meist in den Bergen oder am Wasser.

Das bedeutet auch, dass man für ein verlängertes Wochenende nur einen kleinen Rucksack packen muss, bewusst auf Luxus und Ablenkungen wie Fernsehen, Telefon und Internet verzichtet. „Manchmal brauchen meine Gäste, die oft einen anstrengenden Job haben und auch im Familienalltag funktionieren müssen, eine Art Absolution", sagt die Unternehmerin. Also jemanden wie Claudia Gellrich, der ihnen sagt, dass sie dasTelefon ruhig mal ausschalten dürfen – um sich laufend auf die Natur einzustimmen.

Das scheint im Tramuntana-Gebirge rund ums Kloster Lluc fast von allein zu funktionieren: weite Ausblicke ins Tal lassen befreit durchatmen, der Wind streichelt angenehm die Haut und das Laub raschelt beruhigend unter den Schuhsohlen. Die bizarren Karstfelsen und Kiefernwälder geben dem Ort zudem eine ganz eigene spirituelle Aura. Manchmal stellt sich dem Wanderer auch ein Olivenbaum in den Weg und scheint leise zu wispern: „Hallo du, pass mal auf!"

Die Gruppendynamik, sagt Claudia Gellrich, sei auf ihren Reisen ganz wichtig. Jeder habe das sicherlich schon einmal selbst erlebt: Unter Gleichgesinnten gelingt vieles leichter, weil man sich mit seinem Anliegen nicht allein fühlt. „Kollektiv ist man auch eher bereit, sich auf Kurioses einzulassen", weiß sie aus Erfahrung. Während einer Wanderpause soll sich beispielsweise jeder Teilnehmer einen Baum aussuchen, ihn betrachten und den Stamm umarmen. Anschließend setzt man sich neben den Baum, lehnt sich an den Stamm und hält einfach mal zehn Minuten inne. Auch das bedeutet für Claudia Gellrich Yoga: den Moment wahrzunehmen und das kleine Ich mit dem großen Ganzen zu verbinden.

Zum Abschluss der ersten Tages­tour legt die Gruppe noch einen Stop am Aussichtspunkt Es Camell ein. So heißt eine Felsformation in der Nähe von Lluc, die mit ihrem Höcker an ein in Stein gemeißeltes Kamel erinnert. Und plötzlich tauchen sie doch auf, die Handys, und die Teilnehmer schießen ein Erinnerungsfoto von dem wundersamen Kamel.

Karmahike. Die nächsten Termine: 31.10.–4.11.2016 im Kloster Lluc, inkl. Übernachtung im Doppelzimmer, Frühstück, drei geführten Wanderungen, je vier Yoga- und Meditations­stunden ab 499 Euro. Infos: www.karmahike.com

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