Nur noch Bioessen in Schulen und Spitälern auf Mallorca

Das sieht ein neues Gesetzesvorhaben der Landesregierung vor. Ganz so einfach wird sich die Umsetzung aber nicht gestalten

28.11.2017 | 14:29
Nur noch Bioessen in Schulen und Spitälern auf Mallorca

"Ernesto, was ist das", fragt ein kleiner Junge, greift zu Demonstrationszwecken schamlos in seinen Essensteller vor ihm, fischt eine helle Kugel heraus und hält sie in die Höhe. „Kichererbsen", antwortet Ernesto Serrano geduldig, unterdrückt ein Schmunzeln und ignoriert die rote Suppe, die an der Hand des Kleinen herunterläuft. Eine Aufseherin ist mit einem Tuch bewaffnet schon auf dem Weg, um weiteres Malheur zu verhindern. Seit September 2016 ist Serrano Koch in der Schulmensa der öffentlichen Pere-Rossello-Grundschule in Alaró auf Mallorca. Koch zum Anfassen, könnte man sagen. Täglich verlässt er die Küche, um zu sehen, ob es den kleinen Kunden der Übermittagsbetreuung schmeckt – und um Lob und Kritik entgegenzunehmen.

„Am Anfang war es vor allem Kritik, Kinder sind da gnadenlos ehrlich", erzählt Serrano, der zuvor in gehobenen Restaurants arbeitete, und lacht. „Das war eine harte Zeit." Doch nicht seine Kochkünste sind schuld daran, dass die Kleinen zunächst skeptisch auf sein Essen reagierten, sondern die Zutaten: Mit Serrano kam auch ökologisches und bewusst gesundes Essen aus vorwiegend lokaler Produktion an Alarós Grundschule. So wollte es die Elternpflegschaft, die den comedor betreibt und dem Catering-Service, der die Schule zuvor jahrelang mit Essen beliefert hatte, kündigte. „Uns hat nicht gefallen, dass unseren Kindern damals so viel Fertigprodukte und Frittiertes aufgetischt wurde", erinnert sich die Vorsitzende der Elternpflegschaft, Anabelen Petro. Es war ihr Vorgänger Tolo Noguera, der die Elternschar davon überzeugte, auf einen eigenen Koch und Produkte von hier zu setzen.

Wenn es nach der balearischen Landesregierung geht, werden bald alle Institutionen in öffentlicher Trägerschaft, die Essen anbieten, auf lokale Bioprodukte zurückgreifen müssen, sprich: alle Schul- und Unimensen sowie Cafeterien in staatlichen Krankenhäusern und Kantinen in Behördengebäuden. Entsprechende Vorgaben sind im Entwurf eines neuen Agrargesetzes enthalten, das in den kommenden Monaten in Kraft treten soll.


Das Essen von nebenan

„Es geht uns vor allem um Umweltschutz, wir wollen weite Transportwege für Lebensmittel vermeiden", so Immaculada Munar vom Landwirtschaftsministerium auf MZ-Anfrage. Außerdem, fügt sie hinzu, wolle man natürlich lokale Landwirte fördern – denn die dürften die großen Gewinner sein, wenn plötzlich Dutzende von Kantinen ihre Ware nachfragen müssen. „Bei manchen Produkten wie Kartoffeln wird das kein Problem sein", so Munar zuversichtlich. Andere, wie beispielsweise Hühnchen, müssten im großen Stil aber auch weiterhin vom Festland bezogen werden, da es keine Schlachtereien auf der Insel gibt. „Wobei lokale Bioprodukte in der Regel gesünder sind, da man auf Konservierungsmittel und Pestizide weitestgehend verzichten kann", so Munar.

Im Agrarministerium hat man allerdings weder parat, über wie viele öffentliche Einrichtungen da eigentlich geredet wird, noch, um wie viele Tonnen Essen es ungefähr geht. Das erweckt den Eindruck, dass der Wille beim Linkspakt da zu sein scheint, die konkrete Umsetzung aber noch in weiter Ferne schwebt. Wie soll beispielsweise kontrolliert werden, dass sich auch alle Einrichtungen an die neuen Vorgaben halten? Zumal die Essensausgabe – wie auch in der Grundschule von Alaró – häufig von Elternverbänden und nicht von der Schulleitung ­verwaltet wird. Und wie soll die Auftragsvergabe an lokale Vertreiber organisiert werden? „Das ist alles noch nicht geklärt", gibt Munar zu. Man wolle daher zunächst mit Pilotprojekten an einzelnen Einrichtungen anfangen. „Dann können wir das alles besser einschätzen."

Bis es tatsächlich flächendeckend Bioessen für alle Schüler Mallorcas gibt, dürfte es also noch dauern. „Wir wollen aber ab sofort mit gutem Beispiel vorangehen", so Munar. Auf Regierungs-Veranstaltungen werde nur noch auf öko und lokal gesetzt.

Auch in Alaró waren nicht alle Eltern von vornherein von der Idee der Essensumstellung begeistert – obwohl die Initiative damals nicht vom Ministerium ausging, sondern aus den eigenen Reihen kam. „Wir waren erst mal skeptisch, vor allem, weil wir nicht wollten, dass die Preise steigen", gibt Petro zu. Letztlich gelang es, den Preis von 5,40 Euro pro Essen im ersten Jahr beizubehalten. Erst zu Beginn des laufenden Schuljahrs habe man um 25 Cent erhöht, um Koch Ernesto Serrano und seinem Gehilfen eine würdige Entlohnung zu garantieren. Zwei Euro pro Essen gibt dieser maximal für die Zutaten aus. „Etwa 60 Prozent davon sind ökologisch und von hier, das geht", sagt Serrano. Viele Produkte bezieht er von einer Bauernvereinigung aus Santa Maria, andere von einem Landwirt in Alaró selbst.


Nicht die Bohne

„Das Schöne ist, dass sich die Kinder mit der Zeit an die gesunden Zutaten gewöhnen. Mittlerweile akzeptieren sie schon Vollkorn­nudeln und -reis. Und ich habe mich natürlich auch angepasst und dazugelernt", so Serrano. Anfängerfehler, wie den Kindern ganze Bohnen vorzusetzen, passieren ihm nach gut einem Jahr an der Schule nicht mehr. „Wenn man das macht, hat man keine Chance, dann gibt es einen Aufstand im Essenssaal. Aber wenn man sie püriert, kommen sie super an – zumindest solange keiner merkt, dass es
Bohnen sind."

Serrano ist sich sicher, dass gesundes Bioessen für alle langfristig ein gutes Ziel ist. Ob dieses durch eine gesetzliche Vorschrift zu erreichen ist, sei eine andere Frage. „Ich glaube, noch wichtiger ist der Wille von Eltern und Koch", sagt er. „Unter Zwang wird es schwer."

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