Christian Boltanski zu Gast in der Galerie Jule Kewenig in Palma

14-03-2008  
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Alter, Tod, Vergänglichkeit: Boltanskis Arbeit kreist um große Themen menschlicher Existenz. Hier vor Selbstporträts in der Galerie Kewenig.   Foto: Sebastián Terrassa

Die Schatten der Vergangenheit, die inneren Dämonen, scheinen von Christian Boltanski Besitz ergriffen zu haben, seitdem er sich im Jahr 1967 erstmals mit seiner Person und Familiengeschichte künstlerisch auseinandergesetzt hat.

Von Brigitte Kramer

Formal und konzeptuell unter dem Einfluss von Joseph Beuys stehend, montierte der 1944 in Paris geborene Künstler am Anfang seiner international erfolgreichen Karriere beispielsweise Zuckerstücke und Spielzeugwaffen in eine Glasvitrine, um so seine abgeschirmte, bürgerliche Kindheit darzustellen - inmitten des Gräuels, das er seit den 90er Jahren mit unterschiedlichen Techniken künstlerisch thematisiert.

Boltanski ist im literarischen Sinn eine tragische Figur, sein Leben ist eng mit der Zeitgeschichte verkettet. In der Arbeit des 64-Jährigen jüdischer Abstammung geht es um Boltanskis Familie und deren Schicksal, um die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und die großen Themen der Menschheit. Ein Teil seiner Verwandten fiel dem Nazi-Terror zum Opfer, noch heute zerschneidet und klebt der Sohn eines ukrainischen Juden und einer Korsin Fotos zusammen, auf denen Nazi-Embleme neben lachenden Frauen und spielenden Kindern auftauchen. ýDer Teufel steckt in allem, wir sehen ihn nur nicht immer", sagte der elegant gekleidete Künstler bei der Präsentation seiner aktuellen Ausstellung in Palma.

Galeristin Jule Kewenig zeigt bis 9. Mai fünf Skulpturen und Installationen in der Kapelle und dem angrenzenden Raum ihrer Galerie (C/. Sant Feliu). Thematisch bilden die Arbeiten ein Netz, gewoben aus Begriffen wie Tod, Alter, Vergänglichkeit, Seele, Individuum.

Herzstück der Ausstellung namens ýLes Ombres" (Die Schatten) ist eine kunsthandwerklich - mit ýalten" Mitteln, so Boltanski - erstellte Installation rund um den Altarraum der Kapelle aus dem 13. Jahrhundert. Teelichter werfen die Schatten von fragilen Blechfigürchen an die Wand. Sie tanzen und zucken im Schein der flackernden Flämmchen, wirken kindlich, gruselig, erbärmlich zugleich - man bekommt Mitleid mit der gesamten Menschheit.

Im selben Raum zeigt Boltanski ein Video, das er auf eine Art semitransparenten Duschvorhang projiziert. Sein eigenes Gesicht im Lauf der Jahre ist in einem Endlos-Loop zu sehen - Alterung auf faltig fallendem Plastik. Thematisch nah dran ist eine Foto-Collage im Nebenraum, die aus zusammengesetzten Selbstporträts des Künstlers besteht. Alter Mund, junge Augen, in endlosen Variationen. ýEin Teil unserer Gesichts bleibt immer kindlich", sagt er dazu und lacht. Und: ýMan sollte dem Tod freundlich begegnen."

Sein Werk dreht sich um das Individuum im Angesicht des Todes. Boltanski sieht sich als obsessiver Archivar verlöschter Existenzen. Er hat schon Installationen mit Kleidern von Verstorbenen und anonymen Fotos aus Familienalben geschaffen. ýIn den Geschichtsbüchern wird die große Erinnerung gewahrt, mich interessiert aber die kleine, die individuelle Erinnerung", sagt er. Und fügt an: ýWer erinnert sich eine Generation später noch an einen Verstorbenen?"

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