Jazz zum Herbstbeginn

18.09.2008 | 02:00
Auch nach dem Sommer swingt die Insel: Deborah J. Carter; Avishai Cohen, Paul Kuhn (von links).
Auch nach dem Sommer swingt die Insel: Deborah J. Carter; Avishai Cohen, Paul Kuhn (von links).

Der Sommer auf Mallorca war gut, der Herbst wird es auch werden. Zumindest für die Freunde des Jazz. Mit einem Konzert im Auditorium von Alcúdia beginnt die dritte Jahreszeit: Am 20. September steht dort Deborah J. Carter auf der Bühne. Ihr Stil ist gekennzeichnet von einem Mix aus Jazz, Latin, Blues und Gospel, ihr Repertoire reicht von Klassikern über eigene Kompositionen bis hin zu Arrangements von Popsongs und Liedern der Beatles. Das ýJ" in Carters Namen steht übrigens für Joyce. Ihren Zweitnamen hat die Sängerin eingefügt, nachdem sie erfahren hatte, dass sie eine Kollegin gleichen Namens hat.

Carter ist im wahrsten Sinne des Wortes international. 1959 in den USA geboren, wuchs sie auf Hawaii und in Japan auf. Ihre nächste Station war Spanien. Eigentlich hatte sie dort nur ihre Mutter für drei Wochen besuchen wollen. Es wurden mehrere Jahre daraus; Jahre, in denen sie neben ihrer Karriere mit eigener Band auch mit Musikern wie Max Sunyer, Carles Benavent, Joan Bibiloni und Salvador Niebla zusammenarbeitete.

Carter gehört zu den US-amerikanischen Künstlern, die sich in Europa einen Namen gemacht haben, in den USA degegen kaum bekannt sind. Zum einen liegt dies an ihren Auftritten unter anderem mit Ensembles wie der Bigband des Hessischen Rundfunks, dem Berlin Jazz Orchestra und der Swing College Band sowie bei zahlreichen europäischen Jazz-Festivals und TV-Sendungen. Ein weiterer Grund ist rein geografischer Natur: Seit längerem lebt Carter in den Niederlanden, wo sie ihr eigenes Quartett hat, mit dem Bassisten und Ehemann Mark Zandveld, dem Pianisten
Coen Moleenar und dem Schlagzeuger Enrique Firpi. Mit dieser Formation wird Carter auch in Alcúdia auftreten.

Am 27. September gastieren gleich zwei Schwergewichte des Jazz auf Mallorca: der deutsche Pianist Paul Kuhn und der israelische Bassist Avishai Cohen. Dennoch wäre es verfehlt, von der Qual der Wahl zu sprechen. Zu unterschiedlich sind die Stile und mithin auch das Publikum beider Musiker. Auch wenn dies Kuhn vielleicht nicht unwidersprochen stehen lassen würde. In einem Interview erklärte der Wahl-Schweizer jedenfalls einmal, dass sich der Jazz seit Charlie Parker nicht mehr grundlegend verändert habe: Es gebe nur Jazz. Und genau bei dieser Musik hat das Inselpublikum die Gelegenheit, den Geburtstag Kuhns nachzufeiern, der im März 80 Jahre alt wurde und in Son Bauló in Lloret de Vistalegre mit seinem Trio auftritt.

Wie wenige andere prägte Kuhn die Unterhaltungsmusik der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik. Zwar war bei weitem nicht alles Jazz, was er im Lauf der Jahre machte, aber den Swing ließ er selbst in den Schlager einfließen, und sein erster Hit im Jahr 1954 trug einen Titel, der bis heute in einem Atemzug mit dem Namen Kuhn genannt wird: ýDer Mann am Klavier".

Mit 80 Jahren blickt Kuhn auf eine Karriere mit Höhen und Tiefen zurück: Goldene Kamera und Deutscher Schallplattenpreis auf der einen Seite, keine Vertragsverlängerung bei der SFB-Bigband und bei seiner Plattenfirma auf der anderen Seite, und obendrein eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung im Jahr 1994, wobei Kuhn sagt, er sei vom Finanzamt betrogen worden. Dem Jazz und dem Klavier ist er allen Widrigkeiten zum Trotz bis heute treu geblieben.

Auch aus Avishai Cohen hätte ein Mann am Klavier werden können. Doch der heute 38-jährige Musiker stieg im Alter von 14 Jahren auf den Bass um, inspiriert hatte ihn dazu der Jazz-Bassist Jaco Pastorius. Die Wahl hat Cohen nie bereut, denn heute gehört er zu den international gefragtesten Bassisten. Die Zeitschrift ýDownBeat" bezeichnete ihn als ýJazz-Visionär globalen Ausmaßes" und das ýBass Player Magazine" nannte ihn ýeinen der 100 einflussreichsten Bassisten des 20. Jahrhunderts".

So viel Lob kommt nicht von ungefähr. Immerhin hatte Cohen die Gelegenheit, sich an der Seite von Größen wie Chick Corea, Herbie Hancock, Paquito D´Rivera und Bobbie McFerrin zu profilieren. Daneben ging er mit der Pop-Sängerin Alicia Keys ins Studio und stand mit Orchestern wie den Londoner und den Israelischen Philharmonikern auf der Bühne. Im Auditorium von Alcúdia wird er Latin und Jazz gemischt mit nahöstlichen und klassischen Elementen präsentieren.

Konzert mit Deborah J. Carter am 20. September um 22 Uhr im Auditorium in Alcúdia; Eintritt: 15 Euro. Konzert & Buffet mit Paul Kuhn am 27. September um 20 Uhr in Son Bauló in Lloret de Vistalegre; Eintritt: 85 Euro; telefonische Anmeldung unter 971-52 42 06 erforderlich. Konzert mit dem Avishai Cohen Trio am 27. September um 22 Uhr im Auditorium in Alcúdia; Eintritt: 20 Euro.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Theaterfestival in Manacor
- Fitzners Kunststückchen
- Klassiker der Moderne


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