Kultur

Friedensstein auf Bunkerhügel

Rolf Schaffner wählte Santanyí zum Ausgangspunkt eines europaweiten Kunstprojekts

19-12-2008  
Equilibrio Süd in Santanyí, Ost in Wolgograd, Mitte bei Köln, Nord in Trondheim (von links nach rechts).
Equilibrio Süd in Santanyí, Ost in Wolgograd, Mitte bei Köln, Nord in Trondheim (von links nach rechts).  Braun / Klütsch / Kirchenzeitung Köln / Schaffner

VON THOMAS FITZNER In Ladehammeren bei Trondheim sind es vier Blöcke aus Silbergranit, die zu einem sechs Meter hohen T aufgetürmt sind, auf einem Hügel, auf dem sich im Krieg eine Flakstellung der ­Hitler-Truppen befand. Initiator und Urheber des Mahnmals war der deutsche Künstler Rolf Schaffner, er schenkte es den Norwegern, doch die Stadt Trondheim beteiligte sich an den Kosten, bezahlte den Aufbau und feierte im Jahr 2000 die Einweihung. Ladehammeren ist der nördlichste Punkt eines riesigen Kreuzes, das Schaffner über ganz Europa legte und dessen Linien er die "Meridiane des Friedens“ nannte. Als der Bildhauer im vergangenen März auf Mallorca starb, fehlte nur der westlichste Punkt, im irischen Cork. Der Mittelpunkt hingegen, eine Stele in Bensberg bei Köln, steht seit 1997, und acht Jahre später wurde der östlichste Punkt an einem Ort geschaffen, der zum Symbol für den Wahnsinn des Krieges wurde: Wolgograd, das frühere Stalingrad. Den Grundstein, im doppelten Wortsinn, legte Schaffner 1995 in seiner Wahlheimat Santanyí auf Mallorca. Auf einem Gelände am Fußweg nach Es Pontás (Cala Santanyí) platzierte er eine Stele, die den südlichsten Punkt, den Ausgangspunkt des Kreuzes markiert. Und ebenso wie er es später in Köln, Trondheim und Cork tat – allerdings nicht in Wolgograd –, verwendete er Stein der Region. Schaffners großes Werk, das bedeutendste seines Lebens, nennt sich "Equilibrio“ (Gleichgewicht), und hat in seiner mehr als dreizehnjährigen Geschichte so viele Sympathisanten und Förderer gefunden, dass es heute ein Eigenleben hat. Die Hartnäckigkeit des Bildhauers, der in seiner Jugend prägende Erlebnisse als Luftwaffenhelfer und Kriegsgefangener verarbeiten musste, der später als Künstler dem Rummel und dem Kommerz fernblieb, der in Santanyí mit unglaublich wenig Geld ein Auskommen fand, weil er den Ertrag aus seinem Schaffen stets in neue Projekte steckte, überzeugte manchen Skeptiker. Wenngleich sich Schaffner keine Illusionen machte, denn er notierte: "Man hält mich für einen Spinner, da ich vorwiegend auf eigene Kosten und ohne materiellen Nutzen Steine in die Landschaft stelle.“ Tatsache ist: Der "Spinner“ schaffte es. Im ehemaligen Stalingrad steht seine "Stele Ost“ im Freilichtmuseum für Geschichte, Volkskunde und Architektur in Krasnoamejsk, einem im 18. Jahrhundert von Deutschen unter dem Namen "Sarepta“ gegründeten Dorf, das 1926 den weniger prosaischen Namen "Roter-­Armee-Bezirk“ erhielt und 1931 als Stadtteil eingegliedert wurde, bevor die Volksdeutschen bei Ausbruch des Krieges in die Verbannung mussten. Sieben Jahre lang bemühte sich Schaffner um die Aufstellung seiner Stele, behilflich waren ihm dabei – auch finanziell – die Stadt Köln, Partnerstadt von Wolgograd, sowie einige Privatpersonen. Weil Schaffner die Idee der Russen, aus der Ukraine das nötige Steinmaterial heranzuschaffen, wegen möglicher Radioaktivität nicht gefiel, mussten am Ende 12 Tonnen Granit von Köln nach Wolgograd transportiert werden. Die Enthüllung war ein symbolbefrachtetes Ereignis, aus Köln reiste der Erste Bürgermeister an, zum Zeitpunkt wurde der 8. Mai 2005 gewählt, der 60. Jahrestag des Kriegsendes. Es war ganz in Schaffners Sinn: "Diese Stele war mir besonders wichtig. Dort war der Anfang vom Ende des Hitler-Deutschland.“ Zur Botschaft der Versöhnung, die das verloren gegangene Gleichgewicht – das "Equilibrio“ eben – wieder herstellen soll, gehört auch der Umstand, dass es in Krasnoamejsk nach den Jahren der Unterdrückung, der Religionsverbote und der Vertreibung heute wieder eine von Deutschland aus geförderte evangelische Kirchengemeinde gibt. Im irischen Cork, ebenfalls Partnerstadt von Köln, sollte die letzte Stele, die Schaffner vor seinem Tod noch fertiggestellt hatte, schon seit langem aufgestellt sein. Das Projekt verzögert sich jedoch. Ohnehin wäre das Werk mit dem Europa-Kreuz nicht abgeschlossen gewesen. Nora Braun aus Köln, die Schaffners Werk seit 1994 begleitete und ihn bei seinem "Equilibrio“-Projekt vor allem organisatorisch unterstützte, verriet der Mallorca Zeitung, dass der Künstler bereits weiter gehende Pläne geschmiedet hatte: er wollte seine "Meridiane des Friedens“ über die ganze Welt ausbreiten. Hätte er mehr Zeit gehabt, der "Spinner“ hätte auch das geschafft.


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