Fitzners Kunststückchen: Eine Büste für den Bierkönig

31-12-2008  
Auch manche Kopien sind echte Kunstwerke - und immerhin 200 Jahre alt.
Auch manche Kopien sind echte Kunstwerke - und immerhin 200 Jahre alt.  Foto: Nele Bendgens

THOMAS FITZNER Wenn Sie das nächste Mal dänisches Bier trinken, denken Sie an einen Kardinal aus Mallorca und seine Sammlung römischer Antiquitäten. Die Verbindung läuft über einen bankrotten Inseladeligen, einen deutschen Archäologen und einen Bierbrauer aus Kopenhagen. Und wenn Sie einen kultursinnigen Mallorquiner auf die Geschichte ansprechen, besteht Gefahr, dass er in Tränen ausbricht.

Denn die Geschichte der Sammlung Despuig ist eine der großen Kulturtragödien der Insel. An ihrem Ursprung steht Antoni Despuig i Dameto aus dem Haus der Grafen von Montenegro. Deren Familiensitz war Raixa, das prächtige Landgut an der Straße nach Bunyola. Als Despuig 1803 zum Kardinal ernannt wurde und in Rom seinen Dienst antrat, verfiel er einer kultivierten Sammelwut. Es war die Geburtsstunde der Archäologie, Pompeji wurde ausgegraben und in Rom begann man, den Figuren und Fragmenten, auf die man bei jedem Spatenstich stieß, erstmals Aufmerksamkeit zu schenken. Inspiriert von Scipione Borghese, einem römischen Kleriker und Adeligen, dem Informanten über Funde berichteten und die interessantesten Stücke zuschanzten, machte sich auch der Kardinal aus Mallorca daran, eine Sammlung anzulegen. Wie es damals üblich war, bestand diese aus original altrömischen Skulpturen und Fragmenten, aber auch aus unwissenschaftlich aus Originalfragmenten und Neuteilen zusammengefügten Statuen sowie aus Kopien, wie sie damals Heerscharen von Bildhauern für ein begeistertes Publikum anfertigten.

Nur wenige Schritte sind es für Magdalena Rosselló, Konservatorin der Burg Bellver in Palma, von ihrem Büro bis zum ersten Saal, der die Reste der Despuig-Sammlung beherbergt, seinerzeit eine der beiden bedeutendsten Sammlungen klassischer Skulpturen in Spanien, Fundus des damals einzigen kunsthistorischen Museums der Insel. "Das Beste ging gleich zu Beginn weg", erzählt sie. "Der Käufer wusste genau, was er wollte, er war gut beraten und er hatte Geld."

Der Käufer: Carl Jacobsen, Eigentümer der Bierbrauerei Carlsberg in Dänemark, daneben Kunstmäzen und Sammler. Ende des 19. Jahrhunderts kommt ihm zu Ohren, dass die fabelhafte Sammlung Despuig zum Verkauf steht. Paul Arndt, ein deutscher Archäologe und Kunsthändler, macht sich auf den Weg nach Mallorca, um das Terrain zu sondieren. Doch der Graf von Montenegro knallt ihm die Tür vor der Nase zu: Er hält Arndt für einen Spion seiner Gläubiger.

Denn Montenegro ist bankrott. Es ist die Zeit des Niedergangs des Landadels, der seine Besitztümer an das aufstrebende Bürgertum verscherbelt. Bei Montenegro kommt hinzu, dass er sich von der Gräfin getrennt und in eine junge Frau verliebt hat, deren Ansprüche keine Grenzen kennen. So wirft der Mallorquiner die gesamten von seinem Vorfahren zusammengetragenen Sammlungen auf den Markt: Neben den römischen Skulpturen und Fragmenten sind es Gemälde, Münzen und eine erlesene Bibliothek. Nachdem Arndt das Missverständnis geklärt hat, kann er eine Liste der zum Verkauf stehenden Objekte anfertigen. Darin aufgeführt: "Original einer Weltkarte von Amerigo Vespucci".

Mallorcas Kulturkenner raufen sich die Haare, wenn die Sprache auf Despuig und den lüsternen Grafen kommt. Denn unabhängig davon, dass der Insel Kunstschätze abhanden kamen, mit denen man heute ein Museum von Weltrang einrichten könnte - der Notverkauf war zudem in doppelter Weise illegal. Erstens, erklärt Bellver- Direktorin Rosselló, hatte Despuig in seinem Testament verfügt, dass seine Sammlung der Öffentlichkeit erhalten bleiben sollte. Und zweitens, berichtet der ehemalige Direktor des "Museu de Mallorca", Guillem Rosselló Bordoy, in seinem Buch "Die Desintegration der Sammlung Despuig klassischer Skulpturen", ließen schon damals die Gesetze nicht zu, kulturell wertvolles Gut ins Ausland zu schaffen. Tatsächlich war die erste derartige Verordnung schon 1779 in Kraft getreten und im Lauf der Zeit erweitert und bekräftigt worden.

Es kümmerte niemanden. Zielsicher pickte sich Carl Jakobsen das Beste aus der Sammlung, heute stehen die Stücke - darunter eine Adriansbüste - in der "Ny Carlsberg Glyptothek", einem Kunstmuseum von internationalem Rang in Kopenhagen. Andere Stücke aus dem Despuig-Fundus wurden in Boston und Berlin geortet.

Der endgültige Zerfall der Sammlung ist präzise datiert: 11. Juli 1900, 14.30 Uhr, Hotel Drouot in Paris. Montenegro lässt Gemälde und Skulpturen versteigern. Doch auf Mallorca ist man aufgewacht. Die Llullianische Archäologische Gesellschaft beginnt zu zetern. Weil die Behörden weiter schnarchen, springen zwei Privatleute in die Bresche und erstehen, was von der Sammlung übrig ist. 1923 kauft dann das Rathaus die Stücke, doch erst seit 1995 sind diese in der Burg Bellver permanent ausgestellt.

Was ist geblieben? Magdalena Rosselló deutet auf die verbliebenen Originale: zwei Büsten, drei sitzende Figuren - Fragmente alt-römischer Skulpturen, ausgegraben vor gut 200 Jahren in den wilden Geburtsjahren der Archäologie. Doch auch manche Kopien haben für Rosselló erheblichen Wert. Eine mit dem "Hermaphroditen" im Bellver vergleichbare, seinerzeit in Rom von Velázquez in Auftrag gegebene Nachbildung ist heute im Prado ausgestellt. Andere hingegen sind zu vergessen, wie die Statuen im Burghof. "Miserable Qualität", urteilt Rosselló. "Wahrscheinlich auf Mallorca angefertigt."

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