Kultur

Jordi Savall und die Viola da Gamba

08.01.2009 | 01:00
Jordi Savall: Der Pionier der Alten Musik tritt in Artà mit seinem Sohn Ferran und dem Perkussionisten Pedro Estevan auf.
Jordi Savall: Der Pionier der Alten Musik tritt in Artà mit seinem Sohn Ferran und dem Perkussionisten Pedro Estevan auf.

Wohl kaum jemand erwartet ernsthaft von einem Schauspieler, dass er eigens für eine Rolle lernt, ein Musikinstrument zu spielen. Und so dürfte es die wenigsten gestört haben, dass die fingierten Fingerfertigkeiten, die Gérard Depardieu 1991 in "Die siebente Saite" an einer Viola da Gamba vollführte, nicht dem entsprachen, was ihr an virtuosen Tönen entlockt wurde. War ja auch nur ein Film.

Der Mann, der das Instrument hinter den Kulissen gestrichen hatte, heißt Jordi Savall. Der damals 50-jährige Katalane genoss in Fachkreisen längst einen hervorragenden Ruf als Musiker und Forscher auf dem Gebiet der Alten Musik. Mit dem Soundtrack des Films wurde er auch einem breiten Publikum bekannt. Und so dürfte er, wie fast überall, auch am 10. Januar im Teatre d´Artà für ein volles Haus sorgen, wenn er dort mit seinem Sohn, dem Sänger und Theorbe-Spieler Ferran Savall, und dem Perkussionisten Pedro Estevan auftritt. "Folias & Romanescas" ist das Programm überschrieben, das Werke der Renaissance und des Barock, Improvisationen und traditionelle Musik vor allem aus dem Mittelmeerraum enthält.

Schon bei der Wahl seines Instrumentes zeigt sich Savalls Faible, auf vergessenen Pfaden zu wandeln. Ursprünglich strebte er eine Laufbahn als Cellist an, wie sein Landsmann Pablo Casals. Doch 1965 brachte ihn ein Cembalist auf die Idee, die Cellosuiten von Bach auf einer Viola da Gamba zu spielen, einem Instrument, dass in der Zeit der Renaissance und des Barock den adligen Amateurmusikern vorbehalten war und mit der Zeit vom "proletarischen" Violoncello verdrängt wurde. Zu den wenigen, die in den 60ern die weitgehend vergessene Gambe spielten, gehörte August Wenzinger. Bei ihm nahm Savall an der Schola Cantorum ­Basiliensis das Gambenstudium auf und wurde 1973 gar Nachfolger auf dessen Lehrstuhl.

Heute kann sich Savall mit Fug und Recht auf die Fahnen schreiben, an der Wiederbelebung des Gambenspiels den bedeutendsten Anteil zu haben. Und was das Repertoire für dieses Instrument betrifft, hat er tief im Dunkel der Vergangenheit gewühlt. Ohne ihn wären Komponisten wie Marin Marais oder Mr. de Sainte-Colombe le fils und Mr. de Sainte-Colombe le père selbst vielen Musikern unbekannt. Ganz zu schweigen von Komponisten, die dem "Goldenen Zeitalter" der spanischen Musik angehörten. Ob Cristóbal Morales oder Tomás Luis de Victoria, Antonio Martín y Coll oder Diego Ortiz, ob mittelalterliche Lieder aus Katalonien oder Liedgut der spanischen Seefahrer: Zahlreich sind die Werke, die Savall aus verstaubten Archiven gezogen hat.

Als Musikarchäologe will sich der Maestro jedoch nicht bezeichnet wissen. Wenn schon ein Etikett, dann das des Entdeckers: "Archäologen interessieren sich für Ruinen, ich für vollständig erhaltene Werke." Dass es gerade auf der Iberischen Halbinsel noch viel zu entdecken gibt, daran besteht für ihn kein Zweifel. In Anspielung auf den Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, der im 19. Jahrhundert die Matthäus-Passion von Bach aus der Versenkung gezogen hatte und damit eines der größten deutschen Musikgenies der Öffentlichkeit wieder zugänglich machte, sagt Savall: "In Spanien hatten wir keinen Mendelssohn, und noch kennt niemand unsere Bachs."

Nein, einen Mendelssohn hatte Spanien nicht, aber immerhin einen Savall. Und dessen Rastlosigkeit, Musik der Vergessenheit zu entreißen, ist phänomenal. Er leitet drei Ensembles, die er alle selbst gegründet hat: Hespèrion XXI, La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations. Mit ihnen, allein mit Gambe sowie im Familienverbund mit seiner Frau, der Sängerin Montserrat Figueras, seiner Tochter, der Harfenistin Arianna Savall, und mit Sohn Ferran gibt er jährlich rund 140 Konzerte, hinzu kommen im Schnitt ein halbes Dutzend CDs pro Jahr, die bei seinem eigenen Label Alia Vox veröffentlicht werden. Was diesen Mann antreibt, ist nach eigenem Bekunden "jenes innere Bedürfnis, das sich auf halbem Weg zwischen Berufung und Leidenschaft befindet".

Das Konzert beginnt um 20.30 Uhr. Der Eintritt kostet 25 Euro. Karten im Vorverkauf sind an der Tageskasse des Teatre d´Artà erhältlich und können telefonisch unter 971-82 97 00 reserviert werden.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem

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