MARTIN BREUNINGER Der August ist der Festivalmonat in Valldemossa. An vier Sonntagen treten ausgesuchte Musiker in der Kartause auf. Im Mittelpunkt steht das Klavier, schließlich handelt es sich um das Chopin-Festival, benannt nach dem gleichnamigen Komponisten und Pianisten, der mit seiner Geliebten, der französischen Adligen und Literatin George Sand, den Winter 1838/39 auf Mallorca verbrachte. Nur wenige Jahre zuvor, 1835, war das Kartäuserkloster säkularisiert und waren die neun Zellen einzeln verkauft worden. In zwei dieser Zellen wohnte das ausländische Paar, das in wilder Ehe zusammenlebte und daher bei den Insulanern auf Ablehnung stieß.
Ausgerechnet ein Priester war es, der 1930 genau dort das erste Chopin-Festival der Welt ins Leben rief: Joan Maria Thomàs (1896-1966), Komponist und Organist der Kathedrale in Palma, holte namhafte Musiker nach Valldemossa: Der Cellist Pau Casals trat dort ebenso auf wie der Pianist Alfred Cortot. Auch den Komponisten Manuel de Falla konnte Thomàs für das Festival gewinnen. 1934 komponierte und dirigierte dieser ein Chorwerk über eine Ballade von Chopin.
Der Spanische Bürgerkrieg setzte dem Festival ein brüskes Ende. Erst 45 Jahre später, nämlich 1981, wurde es von einigen Mallorquinern wiederbelebt, darunter die ehemalige Balletttänzerin Rosa Capllonch und ihr Bruder Jaume. Sie gründeten den Verein „Festivals Chopin de Valldemossa“, deren Vorsitzende Rosa Capllonch ist. Als Veranstaltungsort lag die Kartause nahe, denn die Großmutter der Capllonchs, die gebürtige Pariserin Aina Maria Bourtroux, hatte 1917 den mallorquinischen Maler und Schriftsteller Bartolomé Ferrà geheiratet und sich mit ihm dort niedergelassen, wo gut 80 Jahre zuvor Chopin und Sand den Winter verbracht hatten: in der Zelle 2 der Kartause. Vier Jahre später erwarb das Paar die Zelle, die es bereits 1931 in ein Museum umwandelte.
Trotz des Festivalnamens geht es nicht nur um Chopin. Zum Zuge kommen in diesem Sommer auch die balearische, katalanische und spanische Kultur – begleitet von Jubiläen: dem 200. Geburtstag von Mendelssohn-Bartholdy, dem 100. Geburtstag von Jaume Mas Porcel, dem 200. Todestag von Joseph Haydn, dem 100. von Isaac Albéniz und dem 50. von Wanda Landowska.
9. August: Marta Zabaleta (Klavier)
Die Suite Iberia von Isaac Albéniz (1860-1909) wird beim Eröffnungskonzert von der baskischen Pianistin Marta Zabaleta interpretiert, einer ausgewiesenen Spezialistin für spanisches Repertoire. Albéniz gilt zusammen mit Granados als der spanische Komponist schlechthin. Genau genommen müsste man von einer katalanischen Schule sprechen: Ihr Lehrer Felip Pedrell, der den sogenannten nationalspanischen Stil begründete, war Katalane, seine beiden Schüler auch. Selbst sein dritter Meisterschüler, Manuel de Falla, der aus Cádiz stammt, hatte katalanische Wurzeln. Zum fertigen Komponisten vor allem von Klavierwerken reifte Albéniz allerdings in Paris. Zu seinen Nachfahren gehört die erste Frau von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, Cécilia Ciganier-Albéniz. Auch nach Mallorca führen familiäre Verbindungen. Zwei seiner Töchter heirateten Mallorquiner.
16. August: Nelson Goerner (Klavier)
Mit dem Argentinier Nelson Goerner, dessen familiäre Wurzeln sich u.a. in Italien, Spanien, Bolivien und im Sudetenland befinden, gastiert ein international bekannter Pianist in Valldemossa. Neben Haydn, Chopin und Lizst wird er den Zyklus „Météores“ des mallorquinischen Komponisten Jaume Mas Porcel (1909-1993) interpretieren. Obwohl nur wenigen bekannt, stellen Kenner Mas Porcel mit Komponisten wie Frederic Mompou auf eine Stufe. Wesentlich bekannter war Mas Porcel zu Lebzeiten als Pianist und als Pionier des Cembalo-Spiels in Spanien.
23. August: Matthias Kirschnereit (Klavier)
Bei diesem Konzert kommt Frédéric Chopin gebührend zur Geltung, ebenso Felix Mendelssohn-Bartholdy. Kämen nicht noch Stücke des impressionistischen Komponisten Claude Debussy hinzu, würde es sich um ein rein romantisches Programm handeln. Interpret ist Matthias Kirschnereit. Der 1962 geborene Westfale zählt zu den führenden deutschen Pianisten seiner Generation. Vom „Jubilar“ Mendelssohn hat Kirschnereit jüngst die Klavierkonzerte aufgenommen, wofür er mit dem ECHO Klassik der Deutschen Phono-Akademie 2009 ausgezeichnet wurde.
30. August: Silvia Márquez (Cembalo)
Mit nationalen und internationalen Preisen für Orgel und Cembalo hat die in Zaragoza geborene Silvia Márquez auf sich aufmerksam gemacht. Ihr Auftritt in der Kartause ist ungewöhnlich: Zum ersten Mal findet beim Chopin-Festival ein Konzert mit einem Cembalo statt, konkret mit dem von Jaume Mas Porcel. Das Programm ist dreigeteilt: Der erste Teil mit Werken von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach, Johann Wilhelm Hässler und Josep Gallés führt vom Barock bis zur Klassik, der zweite Teil ins 20. Jahrhundert und nach Mallorca, mit Werken von Joan Maria Thomàs und Jaume Mas Porcel. Den dritten Teil wird Márquez nicht allein gestalten: Mit Catalina Roig (Flöte), Pilar Fontalba (Oboe), Emili Ferrando (Klarinette), Vicenç Balaguer (Violine) und José Enrique Bouché sowie unter der Leitung von Bartomeu Jaume interpretiert sie das Cembalo-Konzert von Manuel de Falla. Falla hatte das Stück acht Jahre vor seinem Auftritt in Valldemossa geschrieben und der Cembalistin Wanda Landowska (1877-1959), der berühmten Lehrerin von Mas Porcel, gewidmet, die es in Barcelona uraufführte. Unter den Zuhörern damals: Festivalgründer Joan Maria Thomàs.
Konzertbeginn: sonntags, jeweils um 22 Uhr, Einlass ab 21.30 Uhr.
Eintritt: 15 und 25 Euro, Karten: Musicasa (Plaça Fortí, Palma), Abendkasse am Konzerttag ab 19 Uhr, Reservierungen: Tel. + Fax: 971-61 23 51 (10 - 13 Uhr).
In der Printausgabe lesen Sie außerdem
- Dialog in der Galerie Pelaires: Rebecca Horn und Jannis Kounellis
- Klingende Texte seit 58 Jahren: Leonard Cohen kommt nach Palma
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