Vom Wasserspeicher zum Kunstbehälter: ´aljub´ im Es Baluard

11-11-2009  
Die Portugiesin Joana Vasconcelos in ihrem „Garden of Eden #2
Die Portugiesin Joana Vasconcelos in ihrem „Garden of Eden #2": Illusion mit chinesischen Plastikblumen.   Foto: B. Ramón

THOMAS FITZNER „Einen Luxus" nennt Joana Vasconcelos die Gelegenheit, ihre Installation „Garden of Eden #2" im ­aljub des Kunstmuseums Es Baluard zeigen zu dürfen. Der in Paris geborenen portugiesischen Künstlerin mangelt es nicht gerade an Ausstellungsmöglichkeiten, ihre Werke sind in ganz Europa zu sehen. Doch der zum Kunstbehälter umgewidmete Wasserspeicher der ehemaligen Festungsanlage in Palma hat es ihr angetan. „Ich komme viel in Museen herum, aber dieser Raum ist außergewöhnlich. Einfach perfekt für Installationen."

Bis 7. Februar 2010 kann der aus 428 „Blumentöpfen" mit chinesischen Kitsch-Plastikblumen erstellte Kunst-Garten der Portugiesin besucht werden. Seit Eröffnung des „Museu d´Art Modern i Contemporani de Palma" im Jahr 2004 ist es die siebte Installation, die ein Künstler für dieses 35 Meter lange, 11 Meter breite und 8 Meter hohe Gewölbe angefertigt hat. Der aljub hat sich in diesen fünf Jahren zu einer regelrechten Avantgarde-Höhle entwickelt, zu einem Spielplatz für komplexe Ideen. Vasconcelos merkt an, dass sie erstmals keine Notwendigkeit sah, für ihre Installationsidee (in einer ersten Version 2007 in der britischen New Art Gallery verwirklicht) einen Raum zu verändern, denn der aljub biete alles: Dunkelheit, Größe, Neutralität, Inspiration.

Bevor der Wasserspeicher als Kunstbehälter entdeckt wurde, musste er als Raum gefunden werden. Zwar wusste man von der Existenz des Speichers: Eine Nebenlinie des städtischen Haupt-Aquäduktes hatte zu dem im 16. Jahrhundert errichteten Bollwerk geführt, von hier aus waren die in Palma vor Anker liegenden Schiffe mit Trinkwasser versorgt worden. Die genaue Lage und Größe des aljub aber waren bei Beginn der Bauarbeiten nicht bekannt, denn das Gewölbe war zur Gänze mit Schutt gefüllt. Als dieser im Zuge der Restaurierungsarbeiten entfernt worden war, staunten die Experten: Man musste lediglich den Kalk abklopfen, ansonsten war das Gewölbe perfekt erhalten, es fehlte nicht ein einziger Stein. Um den aljub zum Raum für avantgardistische Kunstprojekte zu machen, mussten nur ein Boden und elektrische Leitungen installiert werden.

Schon die Eröffnungsausstellung 2004 zeigte, welche Bedeutung man dem aljub zumaß: Rebecca Horn schuf eine Installation namens „Licht gefangen im Bauch des Wales". Die heute 65-Jährige, die schon im Pariser Centre Pompidou, in der Londoner Tate Gallery und im New Yorker Guggenheim Museum ausgestellt hat und die auf Mallorca einen Wohnsitz unterhält, ist Spezialistin für ortsspezifische Installationen und schuf gemeinsam mit anderen Künstlern ein aus Licht-, Ton- und Poesie-Elementen bestehendes Gesamtkunstwerk.

Ein Deutscher war es auch, der die bislang einzige Performance im aljub durchführte: Im Zusammenhang mit einer Gemäldeausstellung in einem anderen Saal des Museums zertrümmerte Erwin Bechtold im Jahr 2005 eine (eigens dafür aufgestellte) Mauer.

Eine weitere Installation entführte nach Indien, es war die erste, die einen direkten Bezug zum Thema Wasser herstellte: Der auf Mallorca lebende Italiener Fabrizio Plessi paraphrasierte mit seinem Werk „I lavatoi de l´anima" (Seelen-Wäscherei) die steinernen Waschanlagen, die er 1992 bei einem Besuch in Bombay gesehen hatte. Behälter mit weißen Kordeln und waagerecht gelegte Bildschirme, auf denen fließendes Wasser zu sehen war, ergaben in der dunklen Weite des aljub ein Spiel mit künstlicher Realität.

Eine mystische Komponente fügte der Katalane Jaume Plensa ein, der 2006 mit „Jerusalem" aus dem Wasserspeicher eine metaphysische Kathedrale machte. Mit verstörenden Realitäten konfrontierte hingegen die Mallorquinerin Glòria Mas im Jahr 2007 den Besucher: In ihrem Werk „Aporia" projizierte sie Szenen der jüngeren Geschichte auf einen mit hängenden Glasgefäßen dargestellten „Tränenwald". Gerade bei derartigen atmosphärisch dichten Installationen werden die Qualitäten des aljub deutlich: Die perfekte Isolation des Besuchers von der Außenwelt, von der weder Licht noch Klänge nach innen dringen, liefern ihn zur Gänze den Ideen des Künstlers aus. Hier könne man sogar die Zeit herunterbremsen, meinte auch Vasconcelos. „Das ist heute, da die Aufmerksamkeitsspanne des Betrachters für ein Kunstwerk in etwa der Länge eines Werbespots entspricht, eine Herausforderung."

„Echoes" im Jahr 2008, erstellt von der Mallorquinerin Francesca Martí, führte zurück in die Welt der römischen und griechischen Mythen. Mit „Memoria del agua" (Erinnerung an das Wasser) nahm im vergangenen Sommer mit dem ebenfalls aus Mallorca stammenden Joan Cortés ein Künstler nach langem wieder direkten Bezug auf den alten Verwendungszweck des Wasserspeichers: Gewaltige, tropfenförmige Skulpturen waren in dem Raum gruppiert.

Noch keinen Weg in den aljub gefunden hat hingegen experimentelle Kunst. Der Raum bleibt vorerst etablierten Größen vorbehalten und ist trotz seiner Lage eines bestimmt nicht: Underground.

Nur ganz selten schwindelt sich das Unerwartete, Ungeplante in diesen ansonsten perfekt kontrollierbaren Raum. Als Joana Vasconcelos am Donnerstag (5.11.) für die „Freunde des Museums" eine Führung durch ihren Plastikblumengarten veranstaltete, erklang das Zirpen einer Grille. Was die Besucher für einen gelungenen akustischen Effekt hielten, war in Wahrheit eine „reale Grille", die sich eingeschlichen hatte und die der Illusion des „Garten Eden" ebenso frönte wie dessen menschlichen Besucher.

„Garden of Eden #2", Joana Vasconcelos, Museum Es Baluard, Palma, bis 7.2.2010, Tel.: 971-90 82 01.

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