Friede, Freiheit, Gummi-Ente: Leo Bassi, Multikulti-Clown mit Wohnsitz Mallorca

"Utopia" zeigt, wie man die Welt verbessert: mit Passion und Gummi-Enten

02-12-2009  
Leo Bassi, Abkömmling einer italienischen Zirkusfamilie, Provokateur, Philosoph, Poet und Vollblut-Bühnenclown.
Leo Bassi, Abkömmling einer italienischen Zirkusfamilie, Provokateur, Philosoph, Poet und Vollblut-Bühnenclown.  Foto: Nele Bendgens

THOMAS FITZNER Es ist so weit: Aus dem Entertainment-Unternehmen Leo Bassi ist endgültig eine politische Bewegung geworden. Wer vor Jahren Shows wie „Verborgene Instinkte“ besuchte, fragte sich vor allem, welches Obst er wieder zermantschen und ins Publikum schleudern würde. Wenn er an die ersten Reihen Plastikplanen austeilte, damit die Zuschauer sich vor seinem wilden Zirkus schützen konnten, gehörte das genauso zum Spektakel wie die intellektuelle Provokation. Mit „Utopia“ jedoch geht der 58-jährige Nachfahre einer uralten italienischen Zirkusfamilie einen Schritt weiter. Was er seit Jahresbeginn auf dem Festland zeigt, und am Samstag (5.12.) mit einer einzigen Darbietung auf Mallorca – im kleinen Theater von Muro –, ist nichts anderes als ein politisches Programm. Verkleidet als originelles, poetisches und streckenweise bassi-typisches rabiates Spektakel.

Ausgangspunkt waren seine Erfahrungen mit der Show „Revelaciones“, die in ganz Spanien die katholische Rechte gegen ihn aufbrachte, bis hin zu Einschüchterung, Drohungen und einem versuchten Bombenanschlag. „Ich hatte wirklich das Gefühl, dass man mir an den Kragen wollte“, erzählt Bassi in seinem Landhaus bei Campanet, das ihm seit drei Jahrzehnten als Rückzugsort dient, während er praktisch weltweit auftritt. „In Europa, im 21. Jahrhundert, war mein Leben bedroht, weil ich ein Bühnenstück über Religion aufführte. Und was mir im Magen lag, war die Art, wie mich die Liberalen und Linken verteidigten: halbherzig, ohne Leidenschaft. Dabei zeigen gerade die Ereignisse seit der Pleite von Lehman Brothers, wie pervers, verheuchelt und angreifbar die Ideologie der Rechten ist.“

Damit sind wir beim ersten Teil von „Utopia“ angelangt. Bassi tritt auf, wie man es von ihm gewohnt ist: Gekleidet als Business-Mensch, mit Anzug und Krawatte, genau so – und dank einer Mischung aus Schauspielerei und Kaltschnäuzigkeit – schmuggelte er sich in der Vergangenheit unerkannt in Empfänge und Kongresse ein, um danach mit provokanten Aktionen die Teilnehmer bloßzustellen. (Bei einem diplomatischen Empfang überzeugte er die Anwesenden, dass es in seiner Heimat eine traditionelle Freundschaftsgeste sei, voll bekleidet in den Pool zu springen). Bassi schlüpft also in die Haut seiner Gegner, genauso wie er in „Revelaciones“ zunächst als Papst Benedikt auftrat und den Zorn der Kirche (und auf Mallorca den Boykott eines Theaters) auslöste. Diese Art von Beginn, wissen Bassi-Fans, ist die Ruhe vor dem Sturm. In „Revelación“ stand er am Ende in der Unterhose vor dem Publikum, eine Hommage an ein südamerikanisches Naturvolk, und fragte sich, warum er die Entkleidung nicht konsequent zu Ende führte. Was danach geschah, war kein Familienprogramm mehr.

Dieser Clown kennt keine Hemmungen, doch in „Utopia“ folgt der Satire auf Banken, Krise, Kapitalismus und religiöse Fanatiker eine wundersame Wandlung: Bassi, der die klassischen Zirkusmuster bislang peinlich mied, verwandelt sich in den „weißen Clown“, eine historische Figur, über die der Wahlmallorquiner Erstaunliches herausgefunden hat: „Als es noch keine Zeitungen, kein Fernsehen, kein Radio gab, war der Zirkus nicht nur Volksbelustigung – dort wurde auch über die Gesellschaft, über Politik gesprochen. Und der weiße Clown war dabei eine Schlüsselfigur: Der Clevere, während die anderen nur herumblödelten, der Gutmütige, der Philosoph, der Poet, ein heimlicher Revolutionär sogar, jemand, der intelligente Bemerkungen machte und dessen naiver Optimismus dem Publikum Hoffnung auf ein besseres Morgen gab.“

Erstmals in seiner Karriere setzt sich Bassi im zweiten Teil des Programms also den von seinem Großvater geerbten Clownhut auf und lädt das Publikum ein, „endlich wieder Enthusiasmus, Leidenschaft und Kampfgeist zu entwickeln“. Qualitäten, die er zu seinem Leidwesen momentan nur bei religiösen Fanatikern ortet.

Bassi wäre nicht Bassi, hätte er für seine Idee von „Utopia“ nicht ein simples Sinnbild. „Ich habe monatelang nachgedacht, ich wollte ein Symbol, das etwas Harmloses, Sympathisches, Positives, ja Lächerliches an sich hat, das niemandem Angst macht und die Aggressionen verpuffen lässt.“

So kam er auf die Idee mit der Gummi-Ente. Eine riesige, aufblasbare Gummi-Ente. Er verwendet sie für die Show und für Aktionen auf offener Straße in Barcelona oder Madrid. Doch Bassis Pläne gehen weit über Bühne und Straßentheater hinaus. Eine Werkstatt in Barcelona fertigt derzeit eine Mega-Ente an, ein aufblasbares Monstrum, 8 Meter hoch, 16 Meter breit, das er sogar zu Wasser lassen will. „Für Anfang kommenden Jahres habe ich eine Ankunft meiner Ente in Palma geplant. Später will ich als Friedensbotschafter Marokko und Nahost ansteuern.“

Trifft ihn die Krise als Performer? „Im Gegenteil“, sagt er. „Meine Art von Show ist nicht auf den Bildschirm übertragbar. Ich habe das Gefühl, dass die Leute, die zu mir ins Theater kommen, vom Computer die Nase voll haben und jemanden live vor sich sehen wollen. Meine Shows sind im Grunde genommen Blogs in drei Dimensionen.“

Live-Blogger mit internationaler Friedens-Ente. Die Zirkusdynastie der Bassis hat definitiv den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft.
„Utopia“, Leo Bassi, 5.12., 22 Uhr, Teatre municipal de Muro, Eintritt: 15 Euro, Tel.: 971-86 08 80.

In der Printausgabe lesen Sie außerdem:
- Jazz für die Augen: Klangbilder in Schwarz-Weiß
- Hobbymaler: Anmeldefrist für Ausstellung


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