Balearen 2016: Die ungeliebte Kandidatur

Die Privatinitiative eines Mallorca-Deutschen bringt die Inseln für die Europäische Kulturhauptstadt 2016 in Stellung. Zwei Monate vor dem ersten Stichtermin bietet sich jedoch ein verworrenes Bild

13-05-2010  
„Unnötige Aufregung
„Unnötige Aufregung": Zapateros Unterstützung für die Kandidatur von Córdoba sorgt für Unruhe unter den anderen Bewerbern. Efe

THOMAS FITZNER Während die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010 brummt, wird am 12. Juli in Spanien die erste Runde um die Kandidatur 2016 eingeläutet. 16 spanische Städte beziehungsweise Regionen bewerben sich um einen Titel, der ein Jahr lang Aufmerksamkeit, Subventionen und Aufbruchstimmung bedeutet, wovon man sich einen ähnlich gearteten Impuls erhofft wie etwa von der Ausrichtung Olympischer Spiele.

Wahrscheinlich mit dabei: die Balearen. Es wäre eine kuriose Bewerbung, nämlich die erste rein privat betriebene Kandidatur in der Geschichte der Europäischen Kulturhauptstädte. Außerdem wird die Bewerbung von einem Nichtspanier eingereicht, der sich mit Spaniern mangels Sprachkenntnissen am liebsten auf Englisch unterhält.
Die Bemühungen des deutschen Kulturmanagers Hubert Georg Feil, sieben Monate nach der Vorstellung des Projektes die wichtigen Institutionen wie Rathaus Palma, Inselrat und Balearen-Regierung doch noch für das Projekt zu begeistern, haben in den vergangenen Tagen keinen Durchbruch erzielt. Dass es ihm gelingt, bis zum Abgabetermin einen offiziellen Stempel für die Bewerbung zu ergattern, ist unwahrscheinlich. Unter anderem, aber nicht nur, weil Feil nicht viel mehr anzubieten hat als eine Idee, die gut klingt, über die aber wenig Konkretes bekannt ist. Und mitreden durften die Volksvertreter bislang ohnehin nicht.

Sollte die von Feil in Gang gesetzte „unpolitische Kandidatur" die Jury in Madrid tatsächlich überzeugen (die Entscheidung soll gegen Jahresende fallen), wird es unterhaltsam. Hanns-Dietrich Schmidt, bei der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 für internationale Beziehungen verantwortlich: „Alle fragen sich natürlich, was eigentlich passiert, wenn in die Endrunde um diesen wichtigen Titel eine Stadt oder Region gelangt, deren offizielle Vertreter keine Absicht geäußert haben, überhaupt teilzunehmen." Der Privatcharakter dieser „schrägen und interessanten" Kandidatur könne sich im Auswahlverfahren sowohl positiv als auch negativ niederschlagen. „Es gibt keinen Präzedenzfall, man weiß es einfach nicht."

In Hintergrundgesprächen äußern sich Behördenvertreter erstaunt darüber, dass Brüssel eine solche Kandidatur überhaupt zulässt. Pere Ollers, Präsident der Denkmalschutzvereinigung Arca, der der Kandidatur grundsätzlich positiv gegenübersteht, schlägt in dieselbe Kerbe: „Das Projekt soll die Balearen Europa gegenüber darstellen. Mir erscheint unlogisch, die Bewerbung ohne jene demokratischen Institutionen zu betreiben, die den Willen der Menschen dieser Region vertreten." Der Tenor in den Behörden lautet denn auch: Ein durchaus interessantes Projekt, aber nicht jedes interessante Projekt könne umgesetzt werden.

Finanziell fehle derzeit krisenbedingt ohnehin der Atem, um hoppladihopp jetzt auch noch eine Kulturhauptstadt auf die Beine zu stellen. Der Inselrat zum Beispiel, der das Projekt gar nicht kommentieren wollte, widmet derzeit alle Ressourcen einer Kampagne für die Erklärung der Serra de Tramuntana und des Gesangs der Sibil.la zum Unesco-Weltkulturerbe. Für mehr, ließ die Behörde durchblicken, sei momentan einfach keine Kraft da.

Das Thema Geld fegt Feil vom Tisch: Auch mit geringen Mitteln könne eine „interessante und spannende Kulturhauptstadt" entwickelt werden. Der Titel sei eine Chance, den sich eine Region wie die Balearen nicht entgehen lassen dürfe. Zum Beispiel könne sich die Region nachhaltig als Kultur-Reiseziel ins Gespräch bringen, nennt Feil einen Punkt aus einer langen Argumentationsliste.

Ganz allein steht er mit dieser Ansicht nicht da. Álvaro Middelmann, Air-Berlin-Chef für Spanien und Portugal, demonstrierte seinerzeit noch als Präsident des Tourismusförderungsvereins Foment de Turisme im Oktober 2009 seine enthusiastische Fürsprache. Auch ein weltweit renommierter Künstler wie der Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber warf sich für die Idee in die Bresche. Und Pilar Ribal, Präsidentin der Balearischen Kunstkritiker-Vereinigung, arbeitet leitend an der Ausarbeitung des Bewerbungsdossiers mit.

Inhaltlich gehören die Balearen wahrscheinlich zu den stärkeren Anwärtern. Feil schlägt den Archipel aufgrund des unterschiedlichen Charakters der vier Inseln als „Metapher für Europa" vor, und als „Labor des interkulturellen und interreligiösen Zusammenlebens". Slogan der Kandidatur: „Palma de Mallorca y las islas invisibles". Die „unsichtbaren Inseln" stehen für alles, was die Inseln hinter dem Sonne-Strand-Klischee bieten.

Dass der Archipel Europa überraschen könnte und Potenzial für ein gutes Kulturhauptstadt-Projekt aufweist, steht außer Frage. Themen wie die Zukunft des Tourismus, Nachhaltigkeit und Umweltschutz lassen sich – abseits eines Feuerwerks kultureller Veranstaltungen – auf den vier Inseln exemplarisch abhandeln.

Umso rätselhafter erscheint das Agieren Feils. Wie er mit einer Öffentlichkeit umgeht, die Impulsgebern von Auswärts mit Skepsis, bestenfalls mit Gleichgültigkeit begegnet – wie auch David Carreras, Initiator des abgesoffenen Mallorca International Film Festival, auf die harte Tour lernen musste –, ist denn auch ein entscheidender Schwachpunkt der Initiative. Feil spricht ungern über sich und seine Sponsoren (angeblich stehen ihm 2 Millionen Euro zur Verfügung, Oviedo muss mit einem Zehntel auskommen).

Auch über sein Team ist kaum etwas bekannt, nicht einmal über die Liste der bisherigen Unterstützer – bei anderen Kandidaturen frei einsehbar – gibt Feil Auskunft. In einem Telefongespräch sagte er vor kurzem: „Ich spreche nicht über Umstände, und nicht über Probleme. Ich spreche nur über Inhalte."

Hanns-Dietrich Schmidt bezeichnet diese Politik als „sehr ungewöhnlich". Eigentlich, meint der Ruhr-2010-Vertreter, müsse die Initiative gerade aufgrund ihres besonderen Charakters im Interesse des Projekts Wert auf Transparenz legen.

Davon kann keine Rede sein. In den sieben Monaten seit der Präsentation des Projektes hat es auch kaum Neuigkeiten gegeben, jedenfalls keine guten. Eine für Oktober angekündigte Internetseite ist bis heute nicht mehr als eine elektronische Visitenkarte. Ein Balearenkomitee, mit dem das Projekt in die Hände von Insulanern gelegt werden sollte, war für „spätestens März" angekündigt und ist bis jetzt nicht in Erscheinung getreten.

Auch was die Unterstützung von Schlüsselfiguren der Gesellschaft betrifft, sieht es düster aus. Im November bekundete der mallorquinische Medienunternehmer Pere A. Serra („Última Hora") offen seine Sympathien für die Kandidatur von Málaga, denn auf Mallorca, schäumte er, würde keine Institution dafür kämpfen, damit Palma Kulturhauptstadt wird. „Es gibt nur ein paar Deutsche, von denen ich nicht weiß, woher sie kommen und wohin sie wollen", sagte er der Zeitung „La Opinión de Málaga".

Auch als mit Miquel Barceló der wichtigste Gegenwartskünstler der Balearen seine Unterstützung für Oviedo erklärte, und nicht für seine Heimatregion, herrschte Schweigen. Feil begründet seine Diskretion allgemein mit Rücksichtnahmen auf insulare Empfindlichkeiten.

Trotz dieser Sensibilität vertritt er öffentlich eine Verschwörungstheorie, die speziell unter PP-
regierten Bewerberstädten kursiert: Seit sich Spaniens Regierungschef Zapatero offen für Córdoba ausgesprochen habe, scheuten viele sozialistische Amtsträger davor zurück, eine Gegenkandidatur auf die Beine zu stellen. Daher, so Feil, die Zurückhaltung seitens der Stadtverwaltung Palma.

Auch Oviedo behält sich einen Protest vor, sollte das Auswahlverfahren unsauber wirken. Laut Hanns-Dietrich Schmidt eine unnötige Aufregung: „Zapateros Haltung wäre kontraproduktiv, die Juroren reagieren auf politischen Einfluss allergisch." Córdoba sei ohnehin eine der schwächeren Kandidaturen, „die werden´s bestimmt nicht".

In der Printausgabe vom 13. Mai (Nummer 523) lesen Sie außerdem:
- Stahlsärge mit Glasscherben: Dörte Wehmeyers "Spuren"

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