Ausstellung zur ´Movida´: Horror im Supermarkt

Mit der Demokratie flippte Spaniens Kultur aus: Eine Ausstellung in Palma de Mallorca erklärt die "movida"

20-05-2010  
Kein Designprodukt, sondern in der Gruppe zusammengesponnen: Cover der LP „Passion
Kein Designprodukt, sondern in der Gruppe zusammengesponnen: Cover der LP „Passion" (Peor imposible, 1985). Veranstalter

THOMAS FITZNER Olvido Gara Jova war zehn Jahre alt, als sie mit ihren Eltern aus Mexiko nach Spanien kam. Es war heiß, und das Land war grau. „Heute sagen alle: Wie toll waren die 80er! Aber damals kam es uns vor, als wären wir auf dem Mars, umgeben von Eseln, die nichts verstanden", erinnert sich die Mexikanerin, die unter dem Künstler­namen Alaska die Szene aufmischte und mit Liedern wie „Horror en el hipermercado" zu einer Ikone der movida wurde. So nannte sich jener kulturelle Aufbruch, der dem politischen folgte und Spanien Anfang der 80er Jahre aus der Verkrustung der Franco-Diktatur in die Neuzeit katapultierte.

Eine Ausstellung mit Objekten der Privatsammlung des Musik-journalisten Jesús Ordovás im Kulturzentrum Misericòrdia in Palma entführt den Besucher in die ersten Gehversuche und Hüpfer einer neuen, frechen, absolut respektlosen Kulturszene.
Mit spanischen Texten, die auch bei holprigen Sprachkenntnissen verdaulich sind, vor allem aber mit LP-Covers, Plakaten und anderen Objekten zeigt „La movida", wie viel Lust auf Neues und Verrücktes sich in Francos verstaubtem Spanien angesammelt hatte.

Dass mit den Liedern, Filmen, Zeitschriften und sonstigen Kulturprodukten kaum Geld zu machen war, verlieh dem Aufbruch zusätzliche Frische. Die Musiker der Gruppen, die sich Namen gaben wie „Los fresones rebeldes" (Rebellische Erdbeeren), „Siniestro total" (Totalschaden) und „Kaka de luxe", gestalteten in der wilden Anfangszeit ihre Reklame-Flyer und Plakate selbst und verteilten sie oft auch eigenhändig.
Begleitet wurden sie von Fanzines, also Fanzeitschriften, die unter ähnlichen finanziellen Bedingungen produziert wurden und unter Titeln wie „Madrid Me Mata" (Madrid bringt mich um) das Publikum auf dem Laufenden hielten.

Wie frei die damalige Freiheit war, wird auch an Figuren wie Fanny McNamara deutlich, Alter Ego eines offen homosexuellen Künstlers, aber auch an Liedtiteln wie „Ayatolah, no me toques la pirola" (Aja-tollah, greif mir nicht an den …").

Wer traut sich so was heute?

Kurzum: Ein stimmiger Ausflug in Ästhetik, Philosophie und Verrücktheit eines Phänomens namens movida, das spanische Kulturgrößen wie Pedro Almodóvar hervorbrachte und bis heute erklärt.

„La Movida... del Diario Pop", La Misericòrdia, Palma, bis 26.5., Eintritt frei.

In der Printausgabe vom 20. Mai (Nummer 524) lesen Sie außerdem:
- Die Körper von Corpo: Brasilianisches Ballett in Palma
- Geburtstag mit Kopfstand: Sechs Jahre Galerie Kewenig

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