Da piept doch was

Freiluft-Installation „Colmena": Zwei deutsche Künstler setzen in der Stiftung Miró 70 elektronische Lebewesen aus

15-07-2010  
Martina Höfflin und Pascal Glissmann.
Martina Höfflin und Pascal Glissmann. Foto: Fitzner

THOMAS FITZNER Joan Miró stellte sich vor, dass seine Skulpturen nachts, wenn kein Mensch sie mehr sieht, ein geheimes Leben führen. Für den Katalanen, der auf Mallorca einen Großteil seines Lebens verbrachte, waren bildhauerische Werke keine tote Materie, sondern „geisterhafte Wesen". Diesen Gedanken nahmen Martina Höfflin und Pascal Glissmann auf, als sie ihr Projekt für den mit 30.000 Euro dotierten Pilar Juncosa i Sotheby´s Preis 2009 einreichten. Als Sieger durften sie ihr Projekt „Colmena" (Bienenstock) nun verwirklichen: Seit Samstag (3.7.) „lebt" in den Gärten der Stiftung Pilar i Joan Miró in Cala Major ein Schwarm künstlicher Wesen. Die Künstler nennen sie ELFs (Electronic Life Forms). Höfflin und Glissmann, die beide in Köln leben, beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, wo das Leben beginnt. Ihr Experiment beinhaltet psychologische Hürden: Die „Roboter" imitieren keine organische Lebensform, sie zeigen ihre elektronischen und mechanischen Eingeweide, „outen" sich als etwas Künstliches.

„In unserer Erfahrung hat das keinen Einfluss darauf, ob ein Mensch etwas als Lebewesen wahrnimmt oder nicht", sagt Glissmann (37), der in Asien Mediendesign gelehrt hat und jetzt als Designer und freier Künstler wirkt. Selbst der relativ simple Aufbau der ELFs in der Stiftung Miró schmälere die wahrgenommene Lebendigkeit kaum.

Das Schlüsselwort heißt Autonomie. Bei ihren Installationen achten Höfflin und Glissmann darauf, dass die ELFs nicht dann aktiv werden, wenn ein Mensch einen Knopf drückt, sondern selbsttätig. Die kleinen Wesen sind mit Solarzellen ausgestattet. Sie „wachen auf", sobald genügend Helligkeit für die Energieerzeugung vorhanden ist, und „schlafen ein", sobald es dunkel wird. Ihre Lebenszeichen sind primitiv: Ein diskretes Piepen sowie eine Kette, die von einem Drehelement in Rotation versetzt wird.

70 dieser Wesen haben die beiden in den Gärten verteilt, zumeist in „Schwärmen". Nur im Bereich am Eingang hängt ein ELF einsam im Baum, der auch gleich zum Gesprächsthema wird: Weil das Sonnenlicht zu Beginn direkt auf ihn fällt, wird er – in den Worten seiner Schöpfer – „hysterisch", das heißt, er piept heftig und lässt wie wild das Kettchen kreisen.

Die ELFs sind buchstäblich gestrickt, und zwar aus Leiterdraht. Angeschlossen sind Kondensatoren, Mikrolautsprecher und mechanische Elemente. Das Markenzeichen des Künstlerteams Höfflin-Glissmann ist die „Fusion zwischen Elektronik, Mechanik und Organik". Die beiden versuchen, die Technologie aus ihrem Versteck, aus ihrer virtuellen Sphäre in die Natur beziehungsweise in Lebensräume des Menschen zu verpflanzen, um zu beobachten, was dabei passiert.

Die Technologie-Künstler haben ihre verschiedenartig gestalteten, vom Prinzip her jedoch ähnlichen Roboterwesen schon mehrfach in öffentlichen Räumen verteilt. Derzeit arbeiten sie an einer Installation im neuen Gebäude der Informatik-Fakultät der Universität von Oslo: ein Relief, das die Spur eines sich durch die Wand­oberfläche fressenden ELF suggeriert, mit dem künstlichen Fresser als mechanische Installation am Ende dieser Spur. Das „Biest" soll auch noch Knabbertöne von sich geben. „Es ist schön, etwas so Lebendiges in einem Gebäude machen zu können, in dem Informatiker arbeiten."

Höfflin, die im Kölner „Büro für Brauchbarkeit" arbeitet (einer „Mischung aus Agentur, Galerie und Atelier") und Glissmann werden im Oktober wieder nach Mallorca kommen, um nach ihren Kleinen zu sehen. Wenn sie die Regenfälle zum Saisonende gut überstanden haben, könnten sie im kommenden Sommer die Miró-Gärten noch einmal bevölkern.

„Colmena", Stiftung Miró, Cala Major, bis Oktober.

In der Printausgabe vom 15. Juli lesen Sie außerdem im Ressort Kultur:
- Bankierssohn mit Lidschatten: Placebo spielt in Porreres
- Aus der Bilderküche des Meisters: Zeichnungen von Anglada-Camarasa

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