Gesang der Sybille: Weltkulturerbe auf Mallorca

Mit dem „Gesang der Sibylle" erhält ein einzigartiger Weihnachtsbrauch auf Mallorca den Adelsschlag der Unesco. Nicht alle sind glücklich darüber

18-11-2010  

THOMAS FITZNER Er hört sich wunderschön an, dieser Gesang, der in praktisch allen Kirchen von Mallorca in der Mitternachtmesse am Heiligen Abend zu hören ist. Doch die romantischen Gefühle verfliegen, sobald man den Text versteht. Der „Cant de la Sibil.la" ist eine Ansammlung wüster Drohungen gegen die Menschheit.

Der aus dem Mittelalter stammende Weihnachtsbrauch ist am Dienstag (16.11.) bei einer Sitzung der Unesco in Nairobi gemeinsam mit dem Flamenco und den katalanischen castellers (Menschenpyramiden) zum immateriellen Weltkulturerbe ernannt. Dem vorausgegangen war eine Kampagne des Inselrats, denn etwas Mallorquinischeres als diesen Gesang wird man schwer finden: Die einst über ganz Europa verbreitete Tradition existiert nur noch auf Mallorca und der Stadt Alghero auf Sardinien.

„Weihnachten ohne Sibylle ist für einen Mallorquiner unvollständig", erklärt der Musikwissenschaftler Francesc Vicens, der zwei Bücher über diese Tradition geschrieben hat. Die Erklärung zum Weltkulturerbe, die von den Politikern der Insel in seltener Einhelligkeit bejubelt wird, sieht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Natürlich ist das ein wichtiger Impuls für die mallorquinische Kultur und den Tourismus." Doch Vicens sieht auch Gefahren. Etwa das Bestreben, diesen „im Volk verwurzelten, lebendigen Brauch" zu institutionalisieren, zu veramtlichen, unter eine Glasglocke zu stellen. Zum Beispiel, indem eine Einheits-Sibylle verordnet wird. Auch über den zu erwartenden Touristenan­drang bei Christmessen haben sich die Politiker wohl wenig Gedanken gemacht, argwöhnt Vicens.

Wie kam die Sibylle in die Weihnachtsmesse?

Nichtinsulaner werden sich zunächst schwertun, diesen Brauch überhaupt zu verstehen. Er besteht darin, dass bei der Christmesse ein Mädchen mit einem Schwert in den Händen vor den Altar tritt und mit gregorianischem Singsang vom Jüngsten Gericht erzählt, vom Antichrist, der über die Welt herrschen und alle in den Tod jagen wird, die ihm nicht dienen, von Meeren, Quellen, Flüssen, die in Flammen aufgehen, von „schreienden Fischen" und von einer Sonne, die sich verdunkelt.

Sehr weihnachtlich klingt das nicht. Die Horrorvision führe direkt ins Jahr 999, erklärt Vicens. Damals wurde die Menschheit angesichts der bevorstehenden Zeitenwende von kollektiver Panik ergriffen, man wähnte sich dem Jüngsten Gericht nahe.

Die Kirchen waren nicht nur Räume der Andacht, man führte auch Theaterstücke zu mythischen Themen auf. Eines war die Prozession der Propheten: Einer nach dem anderen traten die Weissager auf und gaben ihre Prophezeiungen zum Besten.

Am populärsten war die Sibylle von Erythrai, eine möglicherweise fiktive Figur, der ein ursprünglich lateinischer Text namens „Dies Irae" (Tag des Gerichts) zugeschrieben wurde. Sie stellte den Abschluss und Höhepunkt der Propheten-Show dar. Bei ihr stand das Publikum Höllenängste durch, sie war der Star dieses Vorläufers des Horrorkinos. Das Schwert, das heutige Sibylle-Sängerinnen in den Händen halten, ist alles, was von der damaligen dramatischen Inszenierung übriggeblieben ist.

Der Kirche freilich wurde es zu viel des Spektakels. Sie verbot die Aufführungen, unter anderem, weil es dabei zuweilen unbotmäßig hoch herging. Um das Volk, das sich schon damals gerne fürchtete, zu besänftigen, wurde der beliebteste Part, nämlich die Sibylle, in die Liturgie integriert, konkret in die Messen an wichtigen Feiertagen, später nur noch in die Weihnachtsmesse.

In der, meinte der Klerus, waren die apokalyptischen Visionen gut aufgehoben, denn nun erschien die Geburt eines Erlösers als umso erfreulicher. Damit das Lied nicht gar so furchterregend ausfiel, wurde dem Originaltext ein Vers angefügt, der sich auf die Geburt des Jesuskindes bezieht.

Dazu kam, dass bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) der liturgische Raum für Frauen tabu war und die Sibylle nunmehr von Männern dargestellt werden musste. Die Apokalypse dürfte angesichts eines mit Perücke und Frauenkleid aufgedonnerten Dorfpfarrers einiges von ihrem Schrecken verloren haben.

Nicht nur deshalb setzte der Vatikan alles daran, ­diese im Grunde heidnische Tradition zu tilgen. In den Bistümern wurde der Druck aus Rom mit unterschiedlicher Intensität weitergegeben, je nach Widerstand des Volks. Allmählich verschwand der Brauch. 1899 wurde in der Kathedrale von Toledo letztmals das Sibyllenlied bei einer Messe auf dem spanischen Festland gesungen, dann griff auch hier das Verbot.

Auf Mallorca hingegen, wohin die Tradition 1229 mit den katalanischen Eroberern gekommen war, krallten sich die Gläubigen ebenso wie auf Sardinien hartnäckig am „Cant de la Sibil.la" fest. Nur im unmittelbaren Einflussbereich des Bischofs – in der Kathedrale – wurde einige Zeit ohne Sibylle geweihnachtet. In den Dörfern hingegen wagte es kaum ein Pfarrer, eine Christmette ohne dieses auf Katalanisch gesungene Lied abzuhalten.

Die Insellage hat wohl dazu beigetragen, dass Mallorca den päpstlichen Willen ignorieren konnte. „Dieser Brauch hat bestimmt keinen Schutz nötig", meint Vicens. „Denn er hat die Jahrhunderte und alle kirchlichen Verbote überstanden." Allenfalls müsse der Sibyllengesang nun vor den unerwünschten Nebenwirkungen des Ruhms geschützt werden.


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