´So wahr Gott dem Vigoleis helfe´

Was ist wahr, was erfunden an der „Insel des zweiten Gesichts" von Albert Vigoleis Thelen? Die Briefe des großen deutschen Mallorca-Autors geben Aufschluss

09-12-2010  
Albert Vigoleis Thelen und Beatrice Bruckner (li.) auf einer Fotocolllage von 1934. Rechts mit einem nicht identifizierten Freund.
Albert Vigoleis Thelen und Beatrice Bruckner (li.) auf einer Fotocolllage von 1934. Rechts mit einem nicht identifizierten Freund.  Fotos: Thelen Archiv Jürgen Pütz

CIRO KRAUTHAUSEN Der „Quatschverzapfer“, wie ihn seine Neffen nannten, schrieb und schrieb und schrieb. Geschätzte 15.000 Briefe an mehrere hundert Adressaten hat Albert Vigoleis Thelen zwischen 1929 und 1989 verfasst. Eine erste Auswahl dieser Briefe – zwei weitere Bände sollen folgen – ist jetzt von Ulrich Faure und Jürgen Pütz herausgegeben worden. Schon der Titel ist ein Glücksgriff: „Meine Heimat bin ich selbst“. Besser ließe sich die ­Geschichte dieses Großschriftstellers wohl kaum umschreiben.

Albert ­Vigoleis Thelen war ein Vertriebener, ein Getriebener, ein Umtriebiger. Geboren wurde er 1903 am Niederrhein, wo er auch, nach etlichen Stationen, 1989 verstarb. Der Band umfasst die Jahre 1929 bis 1953, also just jene Zeit, in die sein Mallorca-Aufenthalt (1931-1936) und dessen literarische Aufarbeitung fällt. Nach der Flucht vor Falangisten, Nazis und Bürgerkrieg, dauerte es 15 Jahre, bis sich Thelen im Mai 1951 an die Niederschrift des 1953 erschienenen Erinnerungsbuchs „Die Insel des zweiten Gesichts“ machte. Nicht nur in puncto Seitenstärke und Wortgewandtheit schuf er damit das bis heute gewaltigste Werk der Mallorca-Literatur.

„Im Zweifelsfall entscheidet die Wahrheit“, ist schon der „Insel“ vorangestellt. Auch die Briefe belegen, dass sich vieles, was Vigoleis und seiner Geliebten Beatrice im Buch wiederfährt, tatsächlich so oder ähnlich im Leben des Albert Vigoleis Thelen und seiner Frau Beatrice Adele Bruckner zugetragen hat. Prägnantestes Beispiel sind die von Thelen immer wieder kolportierten und sicherlich auch vielen Frühaussteigern aus dem Buch noch gegenwärtigen „Hurenabenteuer“: Sowohl die stürmische Beziehung zu einer Prostituierten des Bruders von Beatrice als auch die notgedrungene Unterkunft in einem Stundenhotel vor Palma lesen sich in den Briefen aus jenen Jahren wie Blaupausen für die Erzählorgien der „Insel“. Oder in Thelens Worten von 1952: „Vier Monate haben wir ja in einem Bordell gewohnt, wo ich nachher so zuhause war, daß ich abends an Stelle der Puffmutter die Kerzen vor der Madonna anzündete; nichts verschweigen und nichts hinzufügen, so wahr Gott dem Vigoleis helfe.“

Wobei sich in den lediglich 14 in diesem Band auf Mallorca datierten Briefen – vieles sei in den Wirren der Kriegsjahre verloren gegangen, sagt ­Herausgeber Jürgen Pütz – ­neben einem kompletten ­Paella-­Rezept auch Sätze und Beobachtungen finden, bei denen die Pferde einmal nicht gleich mit dem Autor durchgehen. 1931, bei der Ankunft: „Und ob wir hoffen dürfen, dass uns der Süden gewährt, was der Norden solange vorenthielt?“ 1933 nach geglücktem Einleben: „Mallorca ist nicht besser und nicht schlechter als andere Plätze der Welt, es kommt eben nur darauf an, mit welcher Blende man der Kiste auf den Leib rückt.“ Und 1935, anlässlich des Todes des Vaters und angesichts der Unmöglichkeit, an der Beerdigung teilzunehmen: „ja, wenn man frei wäre wie ein vogel, dann — aber man ist nur ein mensch, in einer bösen Zeit.“

Doch sind es gar nicht mal so sehr diese Mallorca-Briefe, die „Meine Heimat bin ich selbst“ so faszinierend machen und immer wieder zur „Insel“ greifen lassen. Detailreich lässt sich hier rekonstruieren, wie der nach acht Jahren im portugiesischem Exil 1947 in Amsterdam gelandete Thelen zu seinem Hauptwerk kam, was er darüber dachte und welche Schwierigkeiten er beim Schreiben zu bewältigen hatte. Es war ein niederländischer Verleger, Geert van Oorschot, der den sich mit Übersetzungen über Wasser haltenden Schriftsteller erst in einem Künstlerzirkel schwadronieren hörte und ihm dann – Schreib das für mich auf! – eine Art Blankoscheck ausstellte (wobei die „Insel“ schließlich unter Lizenz im deutschen Eugen Diederichs Verlag zum Bestseller wurde).

Während des Schreibens wuchs die anvisierte „gewaltige Satire der Memoirenliteratur“ auf 1.500 Seiten an, die später wieder auf 900 heruntergekürzt wurden. Thelen sei gewissermaßen ein „Ein-Werk-Schriftsteller“ gewesen, der sich in der „Insel“ „ausgeschrieben“ habe, sagt Herausgeber Jürgen Pütz. „Das Buch ist sehr über das vorgesehene Maß hinausgediehen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich zwar nicht aus dem Blauen heraus, aber sehr ins Blaue hinein geschrieben habe. Die Handlung spielt gewiss auf der Insel Mallorca, aber ich schweife immer wieder ab und bringe Episoden meines Lebens und allerlei Meditationen über das Leben“, erklärte der Autor selbst im Juli 1952 seinem mallorquinischen Schriftsteller-Kollegen Joaquín ­Verdaguer.

Thelen stand nicht von ungefähr mit Verdaguer sowie mit dem Maler Pedro Sureda in Briefkontakt. Immer wieder bat der laut Visitenkarte „Mussdeutsche aber kein Musterdeutsche“ die mallorquinischen Freunde, Details der Memoiren zu überprüfen. Er tat das bemerkenswerterweise auf Portugiesisch – der Sprache, die er sich im Exil angeeignet und in der er auch zu denken begonnen hatte: „Ein seltsamer psychischer Zustand, ein Buch über Spanien auf Deutsch zu schreiben und dabei auf Portugiesisch zu denken!“

Und es waren sehr genaue und in mancher Hinsicht verräterische Informationen, die er da einholte. So heißt es in einem Brief an Verdaguer: „Einen Conde lasse ich auftreten, einen anarchisierenden Katholiken, der mir den Don Juan der Pension Catala ersetzen muss, mit dem der meine übrigens keine Züge gemein hat. Er ist reine Fiktion. Ich gebe ihm einen feudalen Namen. Sagen Sie mir bitte, ob dieser möglich ist für einen spanischen Granden: Don Alonso Maria Jesús de Villalpando, Marqués de Setefillas y Conde de Peñalver y Tordesillas.“

So viel zu Dichtung und Wahrheit und so viel auch zu der ein Jahr später gegenüber dem besorgten Verleger Peter Diederichs spitzbübisch geäußerten Versicherung: „So wie Sie sich schon mit der Tatsache abfinden müssen, verehrter Herr Verleger, daß ich die deutsche Sprache nicht um neue Wörter bereichere (die bestehenden reichen noch für ein paar Jahrtausende deutscher Literatur), so sollte Ihnen deutlich sein, daß ich meinem Leben keine Episoden hinzuzudichten vermag: alle in der „Insel“ geschilderten Abenteuer des Vigoleis und seiner Beatrice sind nackte Wirklichkeit.“

„Meine Heimat bin ich selbst. Briefe 1929-1953“, Dumont, 45 Euro. www.vigoleis.de

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