Virtueller Voyeur beflegelt Nackte in Es Trenc

Interaktiv und provokant: Die Ausstellung „Extimität" im Es Baluard führt das Schwinden der Intimsphäre vor

07-03-2011  
Virtueller Nudisten-Strand
Virtueller Nudisten-Strand Foto: Es Baluard

THOMAS FITZNER „Extimität" ist ein psychoanalytischer Begriff für das Niemandsland zwischen Intimität und Außenwelt einer Person. Die Ausstellung mit diesem Titel, zusammengestellt von Pau Waelder, behandelt das Thema nicht theoretisch, sondern mithilfe von Erlebnissen, zu denen interaktive, mit neuen Medien erstellte Kunstwerke einladen. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht die Aufweichung des Konzeptes der Intimsphäre.

Der mysteriöseste Teilnehmer dieser Gruppenausstellung ist Gazira Babeli, eine Künstlerin, die es nur in Second Life gibt. In diesem virtuellen Universum, in das Mitspieler per Internet mithilfe eines Avatars – also einer Figur, die sie selbst darstellt – eintreten können, hat sich die Italienerin seit 2006 mit Performances einen Namen gemacht, die auch Grundregeln dieser künstlichen Welt verletzten. So sorgte die versierte Programmiererin bei einem ihrer Auftritte dafür, dass jedem Avatar, der sich ihr näherte, sämtliche Körperteile durcheinanderkamen.

Speziell für die Ausstellung im Es Baluard hat Babeli einen von Es Trenc inspirierten virtuellen Strand gebaut, an dem die Mitspieler als nackte Avatare herumspazieren. Die idyllische Situation wird von einem Zigarre rauchenden Gaffer entzaubert, der die Nackedeis wüst beleidigt (dies natürlich brav in den beiden Amtssprachen Spanisch und Katalanisch). Babeli zeigt auf, dass Nacktheit und Beleidigungen selbst dann starke emotionale Reaktionen hervorrufen, wenn sie keine reale Grundlage haben – selbst der unflätige Gaffer ist nur ein Programm.

Damit ist auch dargestellt, warum diese Welt des Virtuellen uns hypnotisiert und in ihren Bann zieht. Deutlich wird dies dem Publikum unter anderem mit einer Installation des Briten Paul Serman namens „Telematic Dreaming" vor Augen geführt. Sie besteht aus zwei Betten an getrennten Orten, in die sich jeweils ein Besucher legt. Kameras und Projektoren erstellen ein Live-Videobild, mit dem vorgegaukelt wird, dass beide im selben Bett liegen. Indem er die Möglichkeit der sprachlichen Verständigung unterbindet, zwingt Sermon die Nutzer der Installation dazu, sich nur mit Körpersprache zu verständigen. Auch hier wird klar, warum eine virtuelle Situation reale Emotionen erzeugt.

Die Sogwirkung dieser Emotionen ist dafür verantwortlich, dass vor allem jüngere Menschen nichts dabei finden, per Webcam die halbe Welt als anonymes Publikum in ihr Schlafzimmer einzuladen. Das Werk „Dance with me" des Kanadiers Gregory Chatonsky setzt sich aus 157 aus YouTube geangelten Videos zusammen, die junge Mädchen in ähnlicher Choreografie beim Tanz vor der Webcam in ihrem intimsten Lebensbereich zeigen. Indem der Besucher ein MP3-Wiedergabegerät anschließt, kann er die Mädchen nach dem Rhythmus der eigenen Musik tanzen lassen. Eine virtuelle Enteignung des Körpers.

Die Rückkopplung zwischen Kunstwerk und Publikum wird von „The possible ties between illness and success" des Italieners Carlo Zanni auf die Spitze getrieben. Das Internet-Video zeigt einen offensichtlich kranken Mann. Die Flecke in seinem Gesicht verändern sich je nach Anzahl und Herkunft der Zuseher, die auf den Film zugreifen und die fiktive Intimität eines anderen erleben, in Wahrheit dabei jedoch ihre eigenen Spuren hinterlassen.

„Extimität. Kunst, Intimität und Technologie", Kollektivausstellung im Kunstmuseum Es Baluard, Palma. Ab Samstag (29.1.) bis 1.5. Eintritt: 4 Euro.

In der Printausgabe vom 27. Januar (Nummer 560) lesen Sie außerdem:
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