Llull-Buch auf Deutsch: ´Ich erkläre dir die Welt´

Ramon Llull war einer der modernsten Mönche des Mittelalters: Der Mallorquiner schrieb auch fürs breite Publikum

07-04-2011  
Seine Antriebskraft war die Religion, doch mit seinen Methoden erwies sich Ramon Llull als fortschrittlicher Denker.
Seine Antriebskraft war die Religion, doch mit seinen Methoden erwies sich Ramon Llull als fortschrittlicher Denker.  Foto: Jorge Liporace

„Mohammed war ein Betrüger, der ein Buch schrieb, das heißt Koran." Egal wie man zu dieser Aussage steht, eines kann man ihrem Urheber nicht vorwerfen: Mangel an Klarheit. Der Autor war Ramon Llull (1232-1316), Abkömmling einer katalanischen Familie auf Mallorca, Mönch, Gelehrter, Missionar und am Ende Märtyrer – gesteinigt von Muslimen in Nordafrika, denen Llulls Aussagen möglicherweise zu klar waren.

Das Bemerkenswerte aus heutiger Sicht ist jedoch, mit welch modernen Methoden der Insulaner bekehrte und belehrte: Er schrieb zielgruppengerecht und in der Sprache des Volkes. Und er schrieb über alles Mögliche, nicht nur über den Glauben. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist nun auch auf Deutsch erschienen: „Doctrina pueril – was Kinder wissen müssen", übersetzt aus dem katalanischen Original von Elisenda Padrós Wolff, einer Deutschen mit katalanischem Vater und deutscher Mutter.

Llull ging es mit diesem Buch vor allem um eines: an ein möglichst breites Publikum heranzukommen. Und den Glauben auf Grundlage einer allgemein verständlichen Logik zu verbreiten. „Er wollte sein Publikum mit Argumenten überzeugen", erklärt Joan Santanach, ein Universitätsprofessor aus Barcelona und Projektbetreuer der Editorial Barcino, dem Herausgeber der modernen katalanischen Ausgabe. Gemeinsam mit Padrós bestritt er am Donnerstag (31.3.) im ­Institut Ramon Llull in Palma und zeitgleich mit einem großen Llull-Kongress eine Präsentation der deutschen Fassung.

Llulls Einstellung passte in die Epoche: Das Mittelalter war nicht nur eine Zeit des Hauens und Stechens, sondern auch der theologischen und philosophischen Debatten. „Die drei Religionen führten miteinander einen Wettstreit der Worte und es gab viele Geistliche, die dafür sozusagen trainierten", erklärt der Philologe Santanach.

Um den Gegner zu kennen, studierten etwa christliche Mönche die Schriften der beiden anderen Religionen und deren Sprachen. „Llulls Schule in Miramar war nicht die einzige, in der Missionare auf ihre Arbeit unter anderem mit Sprachstudien vorbereitet wurden", sagt Santanach. „Es gibt Hinweise, dass auch in einem Dominikanerkloster in Palma Arabisch gelehrt wurde."

Trotzdem sei Llull alias Raimundus Lullus in mehrfacher Hinsicht ein Vorreiter gewesen. „Zum Beispiel hat er ein demokratisches Wahlsystem erfunden, mit dem christliche Orden ihre Oberhäupter ermitteln sollten. Es wurde tatsächlich umgesetzt, zum Beispiel in Paris nach der Revolution, und findet heute noch in einigen Ordensgemeinschaften Anwendung." Auch in naturwissenschaftlichen Bereichen wie der Mathematik war Llull innovativ. Und für den strikt ergebnisorientierten Missionar war es nur logisch, dass er sich nicht in den Elfenbeinturm des Gelehrten verkroch. Im Gegenteil. „In der ´Doctrina pueril´ schreibt er so einfach, klar und kurz wie möglich", sagt Elisenda Padrós Wolff. Und er verwendet anschauliche, oft drastische Bilder, die sie, die Übersetzerin, ziemlich beeindruckt hätten.

Zum Beispiel, wenn er über die Hölle erzählt, „ein verschlossener, verriegelter Ort im Mittelpunkt der Erde, an dem es für alle Zeiten nichts als Strafe gibt". Die Qualen, die den Sünder dort erwarten, beschreibt Ramon Llull noch vor Dantes „Göttlicher Komödie" so, dass auch ein Handwerker und ein Bauer sie versteht. Er schildert ein kochend heißes Meer, aus dem riesige Fische kommen und die Menschen „einen nach dem anderen hineinziehen". Oder er beschwört die Vorstellung eines riesigen Schlachthofs herauf, in dem statt Metzger viele „durch und durch böse Teufel" die Sünder häuten und zerlegen, „und sie können nicht sterben und dieser Marter durch nichts entrinnen".

Zwei Drittel des Buches sind Glaubensfragen gewidmet, der Rest vermittelt einen Überblick über die Organisation der damaligen Gesellschaft. „Wie ein Handbuch", formuliert Santanach. „Insofern ist ´Doctrina pueril´ ein idealer Einstieg für Leser, die sich für diesen Autor und grundlegende Aspekte des Lebens im Mittelalter interessieren." Für Kinder sei das Buch hingegen nicht geeignet, warnt Padrós Wolff. „Llull hat diese literarische Form gewählt, um zu einem breiten Publikum zu sprechen, so nach der Art: Ich erkläre dir jetzt die Welt."

Und der Mallorquiner redet Tacheles. Über das Amt des Fürsten sagt er: „Kein Mensch ist so von Gaunern und Dieben, von Betrügern, Übeltätern, Feinden und Verrätern umgeben wie ein Fürst." Und das kurze Leben der Angehörigen des Bürgertums erklärt der Autor damit, dass sie „zu viel essen und nicht zu leiden verstehen". Auch über die Medizin, die Rechtswissenschaft und das Handwerk liefert er einfache Erklärungen.

Wenngleich nur eine Minderheit im Mittelalter lesen konnte, fanden Bücher wie Llulls „Doctrina pueril" weite Verbreitung. „Es gab viele interessierte Laien, die keinen Zugang zu Bildung hatten, aber doch über gewisse Mittel verfügten", erklärt Padrós. „Ein Handwerker etwa konnte sich ein Buch abschreiben und dann daraus vorlesen lassen."

Llull war ein Vielschreiber und gewissermaßen ein Bestseller-Autor. Erhalten geblieben sind 265 Schriften, darunter einige Briefe, aber vor allem Bücher, vom philosophischen Essay über Fabeln bis hin zum utopischen Roman „El Blanquerna", die fiktive Biografie einer Person, die die Gesellschaft erneuert. Laut Santanach sind etwa 20 Prozent der Texte im volkstümlichen Katalanisch verfasst, also für ein Massenpublikum gedacht. „Das ist selbst aus heutiger Sicht ungewöhnlich", sagt Santanach. „Unser aktuelles akademisches System predigt zwar eine breite Wissensvermittlung, doch die Realität ist eine andere: Wer für seine Karriere punkten will, kann das nur mit wissenschaftlichen Arbeiten tun."

Llull hatte weder ein Punktesystem, noch die religiöse Obrigkeit zu fürchten: Er gehörte keinem Orden an, war also eine Art Freelance-Geistlicher und damit nicht allein: „Im 13. Jahrhundert grassierte der Spiritualismus unter Laien, und es waren viele, die das religiöse Erlebnis außerhalb der kirchlichen Strukturen suchten." Und: Llull wiederholte nicht einfach, was man ihm beigebracht hatte, sondern dachte eigenständig darüber nach.

Die Botschaft des Glaubenskämpfers selbst war dann nicht mehr ganz so aufklärerisch: „Er wollte die ganze Welt zum Christentum bekehren", sagt Santanach. Zur Freude heutiger Leser fielen dabei auch Erkenntnisse ab, die geradezu neuzeitlich wirken. Im Kapitel „Über die Kindererziehung" etwa warnte er: „Viele Kinder aber essen mehr Leckereien, als es ihre Natur und der Geldbeutel ihres Vaters erlauben, und deshalb sind viele Kinder krank und viele Väter arm."

„Doctrina pueril – Was Kinder wissen müssen", LIT Verlag, 29,90 Euro. Weitere Bücher von Ramon Llull auf Deutsch: „Das Buch vom Heiden und den drei Weisen", Reclam, 8 Euro; „Felix oder Das Buch der Wunder", Schwabe, 47,50 Euro.

In der Printausgabe vom 7. April (Nummer 570) lesen Sie außerdem:
- Warum der Maler Erwin Bechtold sich so gerne auf Ibiza vekriecht
- Thema Thelen: Der einsame Botschafter

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