Alfredo Oyaguez: ´Spanier lieben Kultur, solange sie nichts kostet´

Seit 2009 leitet der Pianist das Festival Deià. Im Interview verrät er, wie man eine Kammermusik-Reihe durch magere Jahre steuert

28-05-2011  
Ambiente als großes Plus: Probe des Festival-Ensembles „Camerata Deià
Ambiente als großes Plus: Probe des Festival-Ensembles „Camerata Deià" im Konzertsaal im Landgut Son Marroig Foto: Tom Solo

THOMAS FITZNER „Suites, Bach and Rock and Roll" heißt das vierte Konzert des „33. Festival Internacional de Música de Deià". Am Flügel wird Alfredo Oyaguez sitzen, der am Konservatorium in Palma und seit kurzem auch an der Folkwang Universität der Künste in Essen unterrichtet. Seit sich Festivalgründer Patrick Meadows 2009 aus der Organisation zurückgezogen hat, stellt der 42-jährige Madrilene das Programm zusammen und nutzt die Inselbesuche der Gastmusiker für zusätzliche Konzerte im Palau March in Palma sowie im Centro Cultural Andratx. Wir fragten ihn, wie sich die Konzertreihe ent­wickelt und wie er auf das Wegbrechen der Subventionen reagiert.

Sie haben einmal erwähnt, dass Sie das Dreieck Deià-Palma-Andratx gerne erweitern würden.
Wenn ich einen Musiker aus den USA samt seinem Cello nach Mallorca bringe, kostet mich das 2.000 Euro. Je mehr Konzerte er auf der Insel bestreitet, umso leichter spiele ich diese Fixkosten wieder herein. Daher meine ich, dass es sinnvoll wäre, wenn sich alle Festival­leiter gelegentlich abstimmen würden, um Synergien zu erzielen und damit Geld zu sparen.

Was ist aus der Idee geworden?
Das ist eigentlich keine Idee, sondern nur logisch. Eine öffentliche Stelle müsste diese koordinierende Hilfestellung leisten und ein solches Treffen organisieren. Es gibt allerdings keines.

Warum koordiniert sich die Festivalszene nicht besser?
Das hat mit einem Individualismus zu tun, den ich auch nachvollziehen kann. Ein Festival möchte seine eigene Linie fahren, einen eigenen Charakter entwickeln und bewahren. Insofern verstehe ich, wenn Organisatoren skeptisch sind. Man sollte es trotzdem versuchen. Wir arbeiten mit zwei europäischen Festivals zusammen.

Sind Sie zufrieden damit, wie hier über Kultur informiert wird?
Bis vor kurzem gab es ein offizielles Internetportal, das eine Weile lang gut funktionierte. Ich nahm sogar an einer Besprechung teil, bei der es um den Kartenverkauf per Internet ging. Aber dann kamen die Skandale – ArtEscenic wurde ja von Inestur betrieben (Behörde, in der Gelder veruntreut wurden, Anm.d.Red.) – und kurze Zeit später funktionierte nicht mal mehr die Info.

Wie geht es dem Festival?
Die Zuschüsse sind fast alle weggebrochen, wir sehen 2012 mit Sorge entgegen. Dass es mit dem aktuellen Budget überhaupt geht, hat mit meinen persönlichen Kontakten zu tun. Ich lade befreundete Musiker ein, und die kommen gerne, weil es wunderschön ist in Deià. Und sie wissen: Wenn das Festival Geld hat, kriegen sie auch eine Gage. Auf die Low-Budget-Tour kann man ein Qualitätsfestival nur betreiben, wenn man sehr gute Beziehungen zu sehr guten Musikern hat. Fehlen die, muss man Agenturen einschalten. Dann brauchen Sie aber eine dicke Brieftasche.

Wann immer man mit Kulturschaffenden spricht, kommt das Thema Subventionen auf. Geht es nicht ohne?
Spanier sind es nicht gewohnt, für Kultur zu bezahlen. Wenn ein Deutscher in Son Marroig ein erstklassiges Kammerkonzert hört, das herrliche Landgut besucht, in der Pause ein Glas Sherry bekommt, und dieses herrliche Gesamterlebnis kostet ihn 20 Euro, erscheint ihm das preiswert. Nicht so dem Spanier. Er hat ja Steuern bezahlt, dafür soll ihm der Staat nun gefälligst gratis Kultur servieren. Deshalb hängen hier die Kulturschaffenden am Subven­tionstropf. Unsere Konzerte im Palau March mit vorwiegend einheimischem Publikum sind stets voll, aber nur, weil sie gratis sind. Würde ich auch nur 10 Euro Eintritt verlangen, hätte ich schon freie Plätze im Saal.

Wie hat sich das Festival musikalisch entwickelt?
Patrick Meadows hat gerne mal ein nichtklassisches Konzert programmiert, aber eher sporadisch. Ich habe das systematisiert, wir sind eklektischer geworden und bringen auch leichtere Kost. Am 2. Juni zum Beispiel bewegt sich das Programm zwischen Beethoven und Jimmy Hendrix, da wird es auch mal amüsant. Es gibt auch Konzerte mit Jazz oder Flamenco, aber ohne die Klassik zu vernachlässigen. Die aktuelle Ausgabe des Festivals haben wir Franz Liszt gewidmet, anlässlich seines 200. Geburtstags.

Welche der ausstehenden Konzerte würden Sie hervorheben?
Die sind alle toll.

„Suites, Bach and Rock and Roll", Andres Mustonen (Violine) und Alfredo Oyaguez (Piano) spielen Beethoven, Bach/Mendelssohn, Arvo Paert, Ravel, Jimmy Hendrix, Jimmy Page (Led Zeppelin) und Sean Caroline, Donnerstag (2.6.), 20.30 Uhr.

Weitere Konzerte im Juni: 9.6., „Cellobration Series 2", Ramon Jaffé (Cello) und Alfredo Oyaguez (Piano); 16.6., Bertrand Giraud (Piano); 23.6., Peter Frankl (Piano); 30.6., Antonio Artese Jazz Quartet.

Alle Konzerte finden in Son Marroig, Deià, statt. Eintritt: 20 Euro. Das gesamte Programm der Saison finden Sie unter: www.dimf.com

In der Printausgabe vom 26. Mai (Nummer 577) lesen Sie außerdem:
- Das letzte Konzert des Jazztrompeters Stephen Franckevich
- Mallorca Rocks: Musikhotel startet Konzertsaison

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