Carlos Fuentes: Ein Preis gegen die Ignoranz

Formentor feiert den mexikanischen Schriftsteller und den neuen alten Literaturpreis

01-09-2011  
 „Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs.
„Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs." Carlos Fuentes in Formentor Foto: B. Ramón
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THOMAS FITZNER Es war keine normale Preisverleihung. Als Carlos Fuentes am Samstag (27.8.) im Garten vom Hotel Formentor den wiederbelebten „Premio Formentor" erhielt, drang in vielen Wortmeldungen durch, dass hier mehr auf dem Spiel steht als die Förderung guter Literatur. Am radikalsten drückte sich Basilio Baltasar aus, der als Sekretär der Jury die Laudatio hielt. Er versteht diesen Preis als Kampfansage an eine „immer schamloser betriebene und gelebte Ignoranz, Nichtbildung und Unkultur". Der Direktor der Santillana-Stiftung, die auch die Formentor-Literaturgespräche vom 16. bis 18. September mitveranstaltet, bekannte sich offen dazu, diesem Phänomen mit einer „Arroganz der Intelligenz" gegenüberzutreten.

Atmosphärisch passend dazu drangen die Klänge einer nahen Animations-Show bis zum Ort der Zeremonie. Diese fand unter dem nach Raixa berühmtesten Treppenaufgang Mallorcas statt, nämlich dem des Gartens dieses historischen, 1929 von einem argentinischen Millionär eröffneten Luxushotels. Wenige Meter vom Meeresufer und vor der Postkartenkulisse der Bucht von Pollença im Sonnenuntergang hatte sich eine Festgesellschaft eingefunden, in der mehr die Ab- als die Anwesenheiten auffielen: Obwohl eine Kulturinitiative prominenter Insel- Hoteliers gefeiert wurde, ließ sich kein amtierender Spitzenpolitiker blicken.

Beim vorhergehenden Pressegespräch hatte Fuentes, der seit 20 Jahren in diesem Hotel urlaubt, jene Qualitäten unter Beweis gestellt, die Baltasar als Grundpfeiler der Offensive gegen das Flachdenken definiert hatte. Der Mexikaner, bekannt als Erzähler und Essayist, erwies sich als eloquenter Beobachter der Gegenwart, der aus einem enormen Wissens- und Erfahrungsschatz schöpft. In Mexiko gehört der vitale 82-Jährige einer Gruppe rund um Ex-Präsident Zedillo an, die Strategien gegen den Drogenterror diskutiert. Fuentes bezog sich auf die Ereignisse der Aktualität, die Aufstände, Unruhen und Proteste, doch auch sein Fazit blieb im Ungefähren: Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs, doch wohin, könne niemand sagen.

Das geschriebene Wort, ist er überzeugt, habe die Kraft der Veränderung: „La Mancha ist nicht mehr dasselbe seit Cervantes, und Prag nicht mehr dasselbe seit Kafka." Die Literatur habe bislang den Ansturm neuer Medien überlebt, das Radio ebenso wie das Fernsehen. Mit den digitalen Medien sei eine neue Herausforderung entstanden. „Heute hat man einen kleinen Apparat, der einem alles mitteilt, was man im Augenblick wissen möchte", sagte er. „Was mich beunruhigt: Die Menschen sind damit zufrieden. Sie wollen gar nicht tiefer sehen oder mehr wissen."

Die Literatur hingegen „proklamiert keine Wahrheit, sondern stellt die Wahrheiten in Frage". Als Paradebeispiel nannte Fuentes, der mit literarischen Zitaten um sich warf, als wäre er selbst an eine digitale Datenbank angeschlossen, „Die Brüder Karamasow". Darin stelle Dostojewski „drei Brüder und drei Perspektiven dar, drei Arten, die Welt, die Wahrheit zu betrachten". Genau darin bestünde große Literatur – im Formulieren des Zweifels und nicht der Gewissheiten.

Bei den ersten Formentor-Gesprächen der neuen Ära im Jahr 2008 hatten Zeitzeugen sowie jüngere Vertreter des Literaturbetriebs die Empfehlung ausgesprochen, die Renaissance auf den Debattiertreff zu beschränken. Der „Premio Formentor" sei ein Mythos, den man besser unangetastet lasse, zumal es ohnehin eine Menge Literaturpreise gebe. Basilio Baltasar begründete, warum man nun gegen diesen Rat agiere. „Wir kamen zum Schluss, dass heute ein Preis not tut, der jenseits verlegerischer und kommerzieller Interessen nichts anderes als die pure Qualität eines literarischen Lebenswerks auszeichnet und somit als Orientierung dient."

Auch in anderer Hinsicht schließt die Initiative an die Tradition an: Als die Balearen-Regierung und die Barceló-Gruppe im Jahr 2008 die Literaturgespräche neu anleierten, war die Familie des ehemaligen Hoteleigners Tomeu Buadas in der Einladungsliste „vergessen" worden. Dass sie mit der Neuauflage des Preises mit an Bord ist (s. Kasten), bescherte dem Publikum einen bewegenden Augenblick, als Buadas-Tochter Laura den Tränen nahe an ihren Vater erinnerte – den Mitbegründer einer der berühmtesten Literaturveranstaltungen der Welt.

In der Printausgabe vom 1. September (Nummer 591) lesen Sie außerdem:

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