Mein, dein, unser Mallorca

Vito von Eichborn, Verleger und Publizist, lebte zwei Jahre auf der Insel. Mit Lakonie und Fabulierfreude hat er aus seinen Erlebnissen ein Buch gemacht

21.03.2013 | 01:15
Vito von Eichborn schreibt und redet, worüber er mag – unterhaltend und erhellend
Vito von Eichborn schreibt und redet, worüber er mag – unterhaltend und erhellend

Unaufgeregt, vor allem unaufgeregt sollte man über Mallorca schreiben. Als Autor eines Buches über die wohl meist besuchte Insel der Deutschen wird man sich immer unter Spezialisten bewegen – ein ganzes Heer von Mallorca-Kennern erwartet den Verfasser.

Unaufgeregt also und auch originell muss man sein, bei einem so abgegrasten Thema. Exklusiv ist auf Mallorca nichts mehr. Das muss es auch nicht. Die Insel funktioniert in Deutschland, weil viele Deutsche glauben, sie zu kennen. Ein Mallorca-Buch liest man nicht, weil man Neues entdecken, sondern weil man Bekanntes wiederfinden will.

Vito von Eichborn, stilprägender Verleger, emsiger Autor, vitaler 69-Jähriger, hat sich unter die Mallorca-Autoren begeben. In diesen Tagen erscheint im Mare-Verlag sein Buch „Mein Mallorca". Es kommt unaufgeregt daher. Einen lakonischeren Titel muss man suchen – gibt es den nicht schon längst?

Auch die Sprache dieses Lesebuchs für Reisende will Beiläufigkeit vermitteln. „Wie ich was mit Aussicht suchte und meinen Mittelpunkt der Insel fand" heißt zum Beispiel das erste Kapitel. Die Schilderung der Suche nach einer Bleibe wird zum Exkurs über bunt bemalte Tauben, Riesen aus Pappmaché und Friedhöfe mit Sarg-Schubläden. Strukturiert hat der Autor dieses einführende Mallorca-Potpourri anhand des 360 Grad-Blickes seiner Mietwohnung in einem Mühlenturm in dem Dorf Santa Eugènia. Zwei Jahre hat von Eichborn auf der
Insel verbracht.

Schräge Sicht im Plauderton
Ein anderes Kapitel heißt „Warum humorlose Kinderbilder und kitschiges Glas und wo andere Sehenswürdigkeiten Eindruck machen". Im Plauderton gibt von Eichborn oft gängige Ausflugs­tipps weiter, die in allen Führern stehen. Der Unterschied: Seine schräge und oft tief gehende Sicht darauf.

Die Fahrt nach Mal Pas bei Alcúdia in die abgelegene Jakober-­Stiftung – typischer Trip aller Kultur-Urlauber – birgt zum Beispiel einen Gedankenausflug des Verfassers über Sinn und Zweck von Kinderporträts aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. „Diese oft gar dämlich wirkenden Früh­erloschenen wurden zu den Herrschern Europas?" fragt er sich angesichts der Ausstellung mit Ölporträts adeliger Kinder, die zwischen den Königshäusern zur Brautwerbung verschickt wurden.

Vito von Eichborn schafft Vertrautheit, zwischen sich, den Lesern und der Insel. Alte Geschichten erzählt er auf seine Art, Bekanntes verknüpft er neu und bereichert es mit Erkenntnissen aus seinem Lebensfundus. Die Inselprominenz ist vertreten, zwischen Ramon Llull, dem Erzherzog und Jürgen Drews lässt von Eichborn auch George Sand, Vigoleis Thelen, Hasso Schützendorf oder Jaume Matas auftreten.

Auch den über Alles und Jeden lästernden Mallorca-­Deutschen widmet der Verfasser einige Seiten – mit stellenweise erschlafftem Spannungsbogen. Nicht immer führt sein Drang nach Originalität zum Ziel. Zu saloppe Formulierungen wie „Die Ureinwohner wurden von den Karthagern verhauen (...). Dann gewannen die Römer und ließen sich für fast sechshundert Jahre hier nieder, bis sie von den Vandalen Dresche bekamen. Deren Reich wurde von den Byzantinern allegemacht, die sich für zweihundert Jahre Mallorca unter den Nagel rissen" wirken aufdringlich und verraten Unsicherheit.

Man könnte sie glatt streichen, denn einen Abriss der aufregenden Geschichte Mallorcas kann man in Wikipedia nachlesen oder in dem von Heide Wetzel-Zollmann und Wolfgang Wetzel mit Feinsinn verfassten Buch „Mallorca. Ein Streifzug durch 6.000 Jahre Geschichte und Kultur". Die Autoren vertrauen ihrem Sujet und ordnen die Sprache dem Inhalt unter.

Trotz einiger stilistischer Ausrutscher und hier und da beinahe hektisch wirkender Erzähl­weise liest man „Mein Mallorca" gerne. Alle, die den Buchtitel auch für ein eigenes Werk beanspruchen würden, lädt von Eichborn zur gemeinsamen Huldigung ein. Und jenen Deutschen, die noch Vorurteile gegenüber Everybody´s Darling hegen, nimmt der ver­sierte Autor ihre Berührungsängste: Nun dürfen auch Bildungsbürger die Insel lieben.

Der Autor, der als Lektor im Fischer Verlag gearbeitet und später den Eichborn-Verlag gegründet und geleitet hat, stellt am Ende seines Buches eine Auswahl von mehr als 50 Büchern zu Mallorca vor: Sachbücher, Romane und literarische Reiseführer, die er kurz bewertet. Sie verleihen seinem eigenen Buch Mehrwert und regen zum Weiterlesen an.

Vor allem aber liest man das Buch gerne, weil es das Marken­zeichen des Verfassers trägt. Vito von Eichborn geht seit einigen Jahren als freier Publizist durchs Leben. Er kann schreiben und reden worüber er mag – unterhaltend und erhellend ist er immer.

Vito von Eichborn: „Mein ­Mallorca". Mare Verlag, Hamburg. 144 Seiten, 18 Euro.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 14. März (Nummer 671) lesen Sie außerdem:

- Zu Besuch im eigenen Schaffen: Retrospektive einer Tänzerin
- Julie Reier komponiert Filmmusik

Hier geht's zum E-Papier: epaper.mallorcazeitung.es.

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