Parov Stelar: Alter Swing und neue Beats

Mallorca-Resident Marcus Füreder hat – eher zufällig – die Szene der elektronischen Musik aufgemischt

16.05.2013 | 10:44
Parov Stelar: Alter Swing und neue Beats
„Sampling als Kunstform": der österreichische Electro-Swing-DJ Parov Stelar (alias Marcus Füreder) bei einem Live-Auftritt in Prag
„Sampling als Kunstform": der österreichische Electro-Swing-DJ Parov Stelar (alias Marcus Füreder) bei einem Live-Auftritt in Prag

Seinen Sound verdankt Marcus Füreder alias Parov Stelar einem kleinen Unfall. Beim Hören einer Billie Holiday-Platte blieb die Nadel hängen. „Das war ein super Loop", erinnert sich der Österreicher. So entstand vor rund zehn Jahren die Idee zu „etwas komplett Eigenständigem": Electro-Swing – alte Sounds kombiniert mit Synthie-Beats, eine Mischung aus House, Electro, Jazz und Downbeat, die direkt in die Beine geht.

„Sampling als Kunstform", sagt Füreder. Es war jedenfalls die richtige Idee zur richtigen Zeit. Denn es ging ohnehin gerade los mit dem Retro-Swing-Boom, der bald ganz Europa erfasste. Plötzlich wurde überall wieder Swing getanzt – mit oder ohne elektronische Beats.

Dass Füreder überhaupt Musik macht, ist ebenfalls einem Zufall geschuldet. Der 38-jährige Linzer, der heute einen großen Teil des Jahres mit Frau und Kind auf Mallorca lebt („mir gefällt diese Mischung aus Dorf und internationalem Flair"), kommt eigentlich aus der Kunstszene. Ende der 1990er verschlug es ihn an die Kunsthochschule Weißensee nach Berlin. Lange schlug er sich mit dem Verkauf von Bildern und Grafik­arbeiten durch.

Unter anderem entwarf er Flyer für Raves. So kam er mit elektronischer Musik in Berührung. „Was die DJs da gemacht haben, sah so einfach aus: ein bisschen an den Reglern drehen und fürs Party­machen und Biertrinken bezahlt werden." Das habe er auch gewollt. Füreder fing an, in seiner Küche selbst Musik zu produzieren, und stellte schnell fest, dass doch harte Arbeit dahinter steckte.

Die erste Single als Parov Stelar, „Kiss, Kiss" (2004), ging dann aber gleich ab wie eine Rakete – vor allem in Italien. Es folgten Booking-­Anfragen, obwohl er nie live gespielt hatte. Die harte Tingel-­Tour durch kleine Läden blieb ihm erspart. Seinen ersten Live-Auftritt hatte er in Italien. „In Turin vor 500 Leuten", sagt Füreder, „ich war so nervös, ich habe eine Woche lang nicht geschlafen". Später widmete er diesem Abend sogar eine Platte: „A Night in Torino".

Danach ging alles ganz schnell: immer mehr Auftritte, immer größere Hallen. „Dreimal die Woche bin ich irgendwohin geflogen und habe aufgelegt", erzählt Füreder, sagt aber auch: „Erfolg allein wird schnell langweilig." Deswegen holte er eine Band dazu. Heute tritt er entweder im Trio zusammen mit Saxofonist und Trompeter auf oder in der Maxi-Version mit zusätzlichem Bass und Schlagzeug sowie wechselnden Sängerinnen wie Cleo Panther oder seiner Frau Lilja Bloom. Sie geben dem Ganzen eine eher soulige Note.

Darüber hinaus produziert Parov Stelar auch immer mehr für andere Künstler und erweitert so seine Bandbreite: Sängerin Lana del Rey taucht in dieser Liste auf, gerade hat er etwas für Bryan Ferry gemacht, und auch mit Max Raabe hat er schon gearbeitet. „Ich bin immer gespannt, was die ­schicken. Oft bekommt man ja nur die Vocals."

Auch wenn Electro-Swing nach Einschätzung von Füreder in absehbarer Zeit ausgereizt sein wird, hat das Publikum noch lange nicht genug. In dieser Woche geht es für einen Auftritt nach Südkorea, es folgen kurze Tourneen in Griechenland und Großbritannien, im Sommer reihenweise Festivals (Hurricane, Southside, Montreux Jazz Fest), später Russland. Man kann nicht sagen, dass Parov Stelar und Band nicht herumkommen würden.

Auf Mallorca oder auch Ibiza hat er dagegen noch nie gespielt. „Ich wüsste auch nicht wo", sagt er. In seinem Haus hat er sich ein kleines Studio eingerichtet. „Hier auf der Insel schreibe ich anders: Die Musik hat eine andere Färbung und klingt relaxter." Sonne und Meer seien wohl dafür verantwortlich.

Gerade erst hat Parov Stelar in Wien beim Amadeus Award, dem österreichischen „Echo", in drei wichtigen Kategorien – Album des Jahres, Bester Live-Act, Best Electronic/Dance – abgeräumt und sogleich beim Plattenkonzern Universal unterschrieben. Der wird in Zukunft die Musik in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreiben. Ein Jahr hatten sich die Verhandlungen hingezogen, ehe man sich endlich einig wurde. „Ihr wart noch härter als Rammstein, wurde uns am Ende gesagt." Füreder fasst das als Kompliment auf.

Es zahlt sich eben aus, lange unabhängig geblieben zu sein. Seine Platten hatte er bisher auf dem eigenen Label Etage Noir veröffentlicht. Eigentlich war nicht geplant, das zu ändern. „Aber mit einem großen Label hat man natürlich andere Möglichkeiten und kann sich mehr aufs Kreative konzentrieren." So wird er wohl demnächst Marvin Gaye sampeln. „An solches Material kommt man sonst nicht ran." Klingt, als ob der Gipfel noch nicht erreicht ist.

www.parovstelar.com

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