Recherche nach Emotionen

Die ehemalige Zeitungsredakteurin Mariona Forteza besingt jetzt die Insel – zum Beispiel am 2. und 3. August in der Totenstadt von Son Real

01.08.2013 | 01:15
„Wir brauchen mehr Kultur und weniger Politik": Mariona Forteza
„Wir brauchen mehr Kultur und weniger Politik": Mariona Forteza

In widrigen Zeiten werden Entscheidungen oft herbei gezwungen. Radikale Veränderungen können freilegen, was unter Routine und materiellen Zwängen versteckt war. Talent, Leidenschaft, Experimentierfreude werden zu neuen Triebfedern. Mariona Forteza ist ein Beispiel dafür. Sie mutierte vor einem Jahr von der Redakteurin zur Liedermacherin. Acht Jahre hat sie bei der Zeitung „El Mundo" über Regionalpolitik geschrieben, Korruptionsprozesse, Wahlen, später Stadtteil-Reportagen aus Palma oder Geschichten über Mallorcas Denkmäler. Als 2012 die Redaktion verkleinert werden sollte und Entlassungen mit Abfindung geboten wurden, nutzte Forteza, die damals noch Cerdó hieß, die Chance. Heute schreibt sie keine Berichte mehr, sie ist selbst zur Nachricht geworden. Aus Mariona Cerdó (Nachname väterlicherseits) ist Mariona Forteza (Nachname mütterlicherseits) geworden.

Am 2. und 3. August kann man sie bei einem atmosphärisch dichten Konzert am Strand kennenlernen. Der Auftritt heißt „Els guerrers del passat tornen a Son Real", (die Krieger der Vergangenheit kehren nach Son Real zurück). Son Real ist ein prähistorisches Gräberfeld aus dem 7. bis 4. Jahrhundert vor Christus an Mallorcas unberührter Ostküste, zwischen Can Picafort und Son Serra de Marina. Dort wurden Krieger und Adelige bislang unbekannter Herkunft bestattet. Im letzten Abendlicht werden nun bei Livemusik Passagen aus Homers „Ilias" gelesen, die mit Bestattung und Tod zu tun haben. Die „Ilias" ist eine Beschreibung des Trojanischen Krieges und stellt eines der ältesten schriftlichen Werke Europas dar. Sie fällt zeitlich ungefähr mit den geheimnisvollen Grab­bauten zusammen. „Bestattungs­rituale waren den Menschen damals sehr wichtig", sagt Carlos Garrido, „wenn man sie nicht richtig vollzog, verirrte sich die Seele und kam nie im Land der Toten an."

Garrido, Gottvater der musikalischen und journalistischen Indie-Szene Mallorcas, steckt hinter der Veranstaltung. Der 63-Jährige hat Mariona Forteza mit ins Programm einer ungewöhnlichen Konzertreihe genommen. Unter dem Namen „Carlos Garrido Escènic" werden auf der Insel besondere, oft denkmalgeschützte Orte besucht und erklärt. Dazu gibt es katalanischsprachige Lesungen und Musik. Alles findet abends und bei spärlicher Beleuchtung statt. Ein Besuch auf dem Friedhof von Palma, im Schloss Bellver, im Kloster Lluc und in der Kathedrale gehören neben der Totenstadt an der Ostküste dazu. Neben Garrido und Forteza sind auch die Lieder­macherin Arantxa Andreu und Schlagzeuger Mané Capilla (von den Sun­flowers) mit dabei. Die inszenierten Lesungen mit Livemusik sind ein Publikumserfolg. „Wir brauchen weniger Politik und mehr Kultur", sagt Mariona Forteza als Erklärung.

Für sie sind die Auftritte Feuer­proben. Erst seit einem Jahr gibt sie Konzerte und komponiert eigene Lieder, bislang zehn. Sie ist Anfang 30, wirkt zart und intelligent. Ihre Stücke sind gewissermaßen das Resultat einer Recherche nach Emotionen, nicht nach Fakten. „Es würde mir schwer fallen, über etwas zu schreiben, was nicht in meiner Nähe passiert. Wenn man so viele Jahre als Journalistin arbeitet, wird man gezwungen, sein Umfeld zu beobachten. Diese Erfahrungen nähren heute meine Lieder." Ein erstes eigenes Repertoire stellte sie im Oktober 2012 in der Buchhandlung Babel vor. Sie besang das Gesa-­Gebäude an Palmas Stadtstrand („Temple de l´electricitat", Tempel der Elektrizität), ihren eigenen Abschied vom redaktionellen Tages­geschäft („Mariona no deixis la feina", Mariona, gib die Arbeit nicht auf) oder ihre Erfahrungen in der ­Protestbewegung 15-M („Revolució de maig", Mairevolution). Ihr Lied „Talaiots" (gemeint sind prähistorische Steinbauten) thematisiert Mallorcas Erbe der Frühzeit.

Ihre Arbeit ist inspiriert vom uruguayischen Liedermacher Jorge Drexler. „In seinen Texten beweist er eine erstaunliche Sensibilität. Er kann alles ausdrücken, was er will, nur mit einer Gitarre und seiner Stimme", schwärmt sie. Mariona Fortezas Traum nährt sich vorerst noch von Erspartem. Die Entscheidung gegen den Stress in Redaktionen für einen geruhsameren Alltag bereut sie nicht. Ob sie tragfähig ist, wird sich zeigen. „Ich schließe nichts aus", sagt sie vorsichtig, „vielleicht sitze ich bald schon wieder am Schreibtisch einer Zeitungsredaktion."

Die Konzerte in Son Real finden am 2. und 3. August statt. Eintritt: 12 Euro. Anmeldung unter Tel.: 664-47 11 63 oder carlosgarridoescenic@gmail.com. Treffpunkt ist um 20.30 Uhr der Strand von Son Bauló am Ende von Can Picafort (Mündung des Torrentes). Von dort aus geht man etwa 20 Minuten gemeinsam an der Küste entlang zur Gräberstätte. Das Konzert beginnt um 21 Uhr. Taschenlampen mitbringen für den Rückweg. Die nächste Veranstaltung der Reihe „Carlos Garrido Escènic" ist am 31.8. im Kloster Lluc. Weitere Informationen unter www.facebook.com/Garridiario.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 1. August (Nummer 691) lesen Sie außerdem:

- Mediterrane Klänge zum Film: Jazz zur "Sinfonie der Großstadt"


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