Street Art: Stadt-Guerilleros der sanftmütigen Art

Eine unkonventionelle Schau des Kunstzentrums Ses Voltes und der Miró-Stiftung

23.12.2013 | 16:57
Sind cool und machen sozialkritisch-ironische Kunst im öffentlichen Raum: der mysteriöse Grip Face (re.) und sein Kollege „Negro Tinto" Llorenç Balaguer
Sind cool und machen sozialkritisch-ironische Kunst im öffentlichen Raum: der mysteriöse Grip Face (re.) und sein Kollege „Negro Tinto" Llorenç Balaguer

Es ist schon etwas Besonderes, wenn der Street Art-Künstler Grip Face so gnädig ist, sich einem unmaskiert zu vergegenwärtigen. „In Madrid, wo ich bis 2012 fünf Jahre gelebt hatte, machte ich das gegenüber Presseleuten nicht", sagt der nunmehr wieder in seiner Heimatstadt Palma wohnhafte Youngster. Ganz so eng sieht er die Sache nicht mehr. Ohne die kunterbunte mexikanische Boxer-Maske, die sein Markenzeichen ist, sieht er wie ein x-beliebiger Student der ­Pädagogik oder Neueren Geschichte aus. Allerdings macht Grip Face weiter ein Geheimnis um sich selbst: Weder sein Alter noch seinen echten Namen will er verraten. „Wichtig ist nicht mein Gesicht, sondern meine Kunst", sagt er.

Grip Face gilt als der ungekrönte Street-Art-König von Mallorca. Zusammen mit seinen ebenso ­coolen Kollegen Llorenç Balaguer, Carles Gispert, Alona Vinç, Javier Siquier und Jordi Vallarès startete er am Samstag (14.12.) das unter der Motto-Farbe Gelb stehende Projekt „Sua Rua Off" („Ihre Straße Off") im Kulturzentrum Ses Voltes unterhalb der Kathedrale von Palma. Ein paar ihrer Kunstwerke sind dort in einem Ausstellungsraum zu betrachten, der Rest ist in Palmas Straßen verteilt. „Gelb benutzen wir in Anlehnung an ´Yellow Kid´, eine der ersten in den USA erfundenen Comic-Figuren", sagt Grip Face.

Man ist sozialkritisch und ironisch unter den Street Artlern Mallorcas, die durchaus pikiert reagieren können, wenn sie mit irgendwelchen kopflos agierenden Graffiti-Sprühern in einem Atemzug genannt werden. Carles Gispert hat nahe dem Stadtpalast des ehemaligen Balearen-Premiers Jaume Matas ein aus Glühbirnen bestehendes Euro-Symbol über die Sant-Feliu-Gasse gespannt. „Hingegen durfte ich weder am Kongresspalast, noch an der Palma Arena eine Installation aus Euro-Zeichen, Lichterketten und 100 Weihnachtsmann-Puppen anbringen, die mit den Buchstaben FMI versehen waren (spanisches Kürzel für den Internationalen Währungsfonds, Anm. d. Red.)", klagt er. Stattdessen steckt er nun, ganz Kunstguerillero, Postkarten mit Fotomontagen, die das Ganze zeigen, in die Ständer von Souvenir­geschäften in Palma.

Heckenschützenhaft verfährt auch Llorenç Balaguer. Der bärtige Insulaner, der sich gern mit Strick-Mütze zeigt und dessen Pseudonym „Negro Tinto" lautet, klebte fast wie im Wahn Dutzende Plakate mit einer Kombination aus Waschmaschine und Drucker an Wände in Palma. „Die Leute sollen in ihrer unmittelbaren Umgebung mit der vorherrschenden Gier nach Materiellem konfrontiert werden", begründet er die Aktion.

Im Street Art-Universum zählen mehr die inneren Werte. Deswegen brachte Alona Vinç rund um den Parc de la Mar im Palma – man ist schließlich total up to date – überdimensionale QR-Codes für Smartphones an. Wer sein Gerät dort ranhält, bekommt erbauliche Kurzgedichte zur Aufheiterung seines Gemütszustandes ­draufgebeamt. „Zwei Monate habe ich benötigt, bis alles fertig war", sagt Alona Vinç, die so wie Grip Face in Wirklichkeit auch nicht so heißt und ihre Kunst wie ihre Kollegen als subversiv-friedliche Angelegenheit sieht.

Grip Face selbst, der die Aktion übrigens mit Unterstützung der Miró-Stiftung organisiert hat, wurde ebenfalls an mehreren Orten der Stadt aktiv: Er bemalte drei Eingangs-Türen unbewohnter Gebäude mit gelber und schwarzer Farbe, um anzuprangern, dass Wohnraum nicht genutzt wird. Es entstanden grell-schnittige Plakate mit ostasiatischen und kyrillischen Schriftzeichen und teils erratisch glotzenden Visagen. „Türen nach Nirgendwo."

Wobei Grip Face und Kollegen bei aller Gesellschaftskritik Verdienstmöglichkeiten nicht aus den Augen verlieren. „Nach vielen Jahren finden immer mehr Galerien unsere Kunst toll", jauchzt der Maskenmann. Dass seine schräge Eigen-PR dazu beigetragen hat, ist ihm dabei völlig klar.

„Sua Rua Off". 14.-31.12. Kunstzentrum Ses Voltes (Passeig Dalt Murada). Di-Sa 10-20 Uhr. So 14-20 Uhr. Eintritt frei.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 19. Dezember (Nummer 711) lesen Sie außerdem:

- Toni Gomila: Sozialsatire auf Mallorquinisch
- Chopins letztes intaktes Pleyel
- Es Baluard blickt ostwärts




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