Gestrichene Flüsse und gezupfte Berge

Exquisite Instrumentalmusik: Jaume Compte erkundet mit dem Nafas Ensemble mediterrane Klänge. Im neuen Album „Voda" geht die Reise in den Balkan

21.02.2014 | 14:57
Dmitry Struchkov, Wojtek Sobolewski, Jaume Compte und Enric Pastor (v. li.)
Dmitry Struchkov, Wojtek Sobolewski, Jaume Compte und Enric Pastor (v. li.)

Es ist eine ungewöhnliche Konstellation, die da die mediterranen Klänge erforscht: zwei Mallorquiner, ein Weißrusse und ein Pole. Jaume Compte, Enric Pastor, Dmitry Struchkov und Wojtek Sobolewski haben haben sich vor drei Jahren zusammengetan, um als Nafas Ensemble die große Vielfalt an Rhythmen und Harmonien des Mittelmeerraums zu erkunden. Ein erstes Album namens „Tariq" (Weg auf Arabisch) deutet das musikalische Erbe des Maghreb neu. Nun gehen Compte und Freunde neue Weg.

Im vergangenen Herbst präsentierten sie ein schlichtes, stilles Album namens „Voda" (Wasser auf Serbokroatisch). Ihm zugrunde liege eine lange Reise im Wohnmobil durch Südost­europa, erzählt Compte im Strickpulli in einem Café in Palma. Einen Sommer hat er in Kroatien, Montenegro, Albanien, Bosnien, Slowenien und Griechenland verbracht. „Faszinierend, beeindruckend", sagt er im Nachhinein und nimmt einen Schluck Pfefferminztee.

Nur Serbien war nicht dabei
„Erinnerungen an unglaubliche Landschaften" verbinden ihn seither mit dem Balkan, an Berge und Flüsse, Küsten, an „Szenarien wie Mallorca vor 30 Jahren" (Kroatien), an „geheimnisvolle Begegnungen" (Albanien), „offene und freundliche Menschen" (Bosnien), „wilde Natur" (Montenegro). „Nur Serbien hat gefehlt", sagt Jaume Compte sehnsüchtig, „dort würde ich gerne die Fanfarrias live hören." (Bläser- und Perkussionsensembles, die bei Familien- und Dorffeiern die Stimmung anheizen, Anm. d. Red.)

Diese Landschaften und Stimmungen zwischen Adria und Schwarzem Meer sind nun in acht Eigenkompositionen eingeflossen. „Es ist unglaublich, wie nah der Balkan und wie fremd er zugleich ist", sagt Jaume Compte.

Das Gefühl von Nähe und Ferne spürt der Mallorquiner immer wieder, wenn er Musik des Mittelmeerraumes hört. Seit 20 Jahren ist er auf der Suche nach Vertrautem und Unbekannten. Anfang der 90er Jahre, als Kunststudent in Barcelona, bemerkte er, dass ihm die Musik mehr Ausdrucksmöglichkeiten bot als die Bildende Kunst. Als Quereinsteiger und als „freier" Musiker ohne akademischen Abschluss ist er seitdem am Experimentieren und Komponieren. Nebenbei komponiert er Filmmusik und Bühnenmusik für zeitgenössischen Tanz. Wobei sein wichtigster Broterwerb ein anderer ist: Jaume ­Compte gibt Gitarrenstunden an der Musikschule von Sóller.

„Echter Folk"
Klänge, die ihn inspirieren, hat er während seiner zwanzigjährigen Suche viele gefunden, zunächst in Tunesien, in Israel oder im Libanon, neuerdings mehr im griechischen und balkanischen Raum. Seine neueste Errungenschaft: Eine Doppel-CD namens „Balkan Blues", auf der Lieder aus der Zeit „vor Goran Bregovi?" zu hören sind, wie Compte sagt, „also echter Folk." Der 64-jährige, serbo-kroatische Musiker Goran Bregovi? hat die Musik seiner Heimatregion nach dem Balkankrieg in Europa bekannter gemacht: wilde Tanzmusik und tieftraurige Balladen, gespielt von Kapellen und kleinen Orchestern.

Bei Jaume Compte klingt der Balkan zurückhaltender, feiner. Seine Partituren sind vielstimmig angelegt, synkopisch, komplex, die Arrangements pointiert, die Stimmen klar zu erkennen (klassische Gitarre, Laute, Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass). Er komponiert nicht für ein Dorforchester sondern für sein Streicher- und Zupf­ensemble, das aus seinen Partituren viel herausholt.

Den Klassiker „Ederlezi" (von Goran Bregovi? bekannt gemacht) interpretiert das Quartett mit herzergreifender Hingabe und markantem Rhythmus. Mal fiedelt Mallorcas Teufelsgeiger Enric Pastor wild („El Pont de Mostar"), mal markiert Jaume Compte einen höllischen Rhythmus („Salvore"), mal schaben sich Cellist Dmitry Struchkov und Bassist Wojtek Sobolewski durch die Seele des Südosteuropäers („L´Estany Florit", „Quan Camino").

Fehlt nur das Publikum
Das Quartett lebt und arbeitet auf Mallorca, Sobolewski als Musiker bei den Symphonikern, Dmitry Struchkov als freier Cellist, der auch mit klassischen Ensembles wie mit Alma Strings oder Jazzmusikern auftritt. Enric Pastor ist Mitglied in mehreren Jazz- und Folkensembles und unterrichtet am Konservatorium.

Jaume Compte gehört zu den solidesten Komponisten der ­Insel. „Mallorca hat ein brutales Potential", sagt er. Es gebe momentan sehr viele kreative Musiker. „Nur leider fehlt das Publikum. Nur wenige sind bereit, für ein Konzert Geld auszugeben". Vorbei sind die Zeiten der Gratis­konzerte, die die Gemeinden zu Dorffesten veranstalteten. So träumen die Musiker von Auftritten im Ausland, die allerdings erst einmal an Land gezogen werden müssten: Comptes Manager Àngel Pujol fehlt derzeit Kapazität und Zeit.

Jemand müsste dem Ensemble beim Sprung über das Mittel­meer helfen. Seine Instrumentalmusik spricht die Sinne an, dringt ins Gemüt. „Voda" klingt wie ein Bad in einem jener ruhig dahin fließenden Flüsse, die uns auf Mallorca abgehen. Die Lieder tragen uns durch die Nebenflüsse der Donau, über die Karpaten und Rhodopen, entlang der zerklüfteten Küstenlandschaften. Wer den Balkan kennt, wird bei der Musik schwermütig. Wer nicht, bekommt Fernweh.

Das Album „Voda", erschienen im Eigenverlag, kostet 8,90 Euro. Erhältlich bei amazon, iTunes, Spotify, Deezer. www.jaumecompte.com

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 20. Februar (Nummer 720) lesen Sie außerdem:

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