Hassfratzen unter Palmen

Erinnerungen an Exil und Bürgerkrieg in Cala Ratjada: Der mitreißende Roman „Torquemadas Schatten" des deutschen Autors Karl Otten wird neu aufgelegt

27.03.2014 | 13:55
Flüchtete 1933 vor den Nazis nach Mallorca: Karl Otten
Flüchtete 1933 vor den Nazis nach Mallorca: Karl Otten

Es war einfach der falsche Zeitgeist, mit dem Karl Otten (1889-1963) zu tun hatte. Der zum Pazifisten mutierte Ex-Anarchist und Ex-Kommunist wollte Mitte der 30er Jahre im damals erst recht abgelegenen Cala Ratjada mit anderen, vor den Nazis geflüchteten deutschen Exilanten ein ruhiges und bescheidenes Leben führen. „Unser Dorf ist gar kein Dorf – es ist das Ende einer langen Straße, die aus dem Inneren der Insel oder Europas direkt in das Meer führt", beschrieb der Schriftsteller und Journalist den Ort ohne Hausnummern und Wasserleitungen, wo zahlreiche geflüchtete Deutsche lebten und sich in einer Bar namens „Wikiki" zu treffen pflegten. Doch die in Europa fast allgegenwärtige politische Gewalt holte den friedliebenden Otten schon sehr bald mit brachialer Brutalität unter Palmen und am plätschernden Meer ein.

Und so brachte Otten, der am Niederrhein geboren wurde und im März 1933 mit seiner jüdischen ­Lebensgefährtin nach der Wahl von Adolf Hitler zum Reichskanzler von Berlin-Wilmersdorf über Frankreich auf die Insel floh, seine Eindrücke von dem im Juli 1936 ausgebrochenen Spanischen Bürgerkrieg zu Papier. Im Roman „Torquemadas Schatten", den er nach seiner Flucht vor den Franco-Aufständischen nach London verfasste und der jetzt bei Reisebuch.de neu aufgelegt worden ist, schildert Otten, wie sich das Klima auf der schnell von den Franco-Anhängern unter ihre Kontrolle gebrachten Insel explosionsartig aufheizte und jeder des anderen Wolf wurde. So ähnlich wie das in der Zeit der Spanischen Inquisition Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts gewesen sein muss, als Kolumbus Amerika entdeckte und im Mutterland der obskure Dominikaner-Mönch und Religions­fanatiker Tomás de Torquemada (1420-1498) nach Gutdünken alle, die ihm nicht passten, umbringen ließ.

Otten beschreibt, wie sich Leute auf einmal spinnefeind wurden, die vorher friedlich zusammen gelebt hatten. Und wie Opportunisten die Seiten – rechte Falangisten und linke Republikaner – fast so oft wie ihre Hemden wechselten. Je nachdem, wer gerade im Bürgerkrieg Oberwasser hatte. Von Menorca aus – die Nachbarinsel blieb bis fast ans Ende der Auseinandersetzung 1939 republikanisch – wurde im Sommer 1936, als Otten in Cala Ratjada Blut schwitzte, unter Hauptmann Alberto Bayo ein Eroberungsversuch Mallorcas unternommen, der letztlich kläglich scheiterte. Mit besonderer Eindringlichkeit schildert Otten, wie einst unauffällige Zeitgenossen durch das Werk der Propaganda zu blutgeilen Hassfratzen mutierten. Und wie komplex­beladene Kreaturen ihre Stunde kommen sahen, um das zu tun, wovon sie immer geträumt hatten: anderen Menschen Leid zuzufügen.

So wie eine der Hauptpersonen des Buches, den Otten voller Verachtung nur den „Hai" nennt. Bei ihm handelt es sich um eine Figur, die wirklich existierte: ein physisch unattraktiver und auch noch einäugiger, von seinen Mitmenschen wie ein Pestkranker geächteter erst 18-jähriger Fischer, dem – so die Überlieferung – alle Mädchen aus dem Weg gingen. Und der sich in dem gottverlassenen Kaff zu einem schießwütigen und sadistischen Kapo der Falangisten emporschwang. Im Roman arbeitet der „Hai" von Cala Ratjada (im ­Buch heißt das Dorf nur „Pueblo") mit Fontanelli zusammen, einem ­italienischen Faschisten, der die Falangisten organisiert und bewaffnet und wohl dem historischen Grafen Rossi nachempfunden ist. Immer wieder verwiesen wird auch auf den vom Schweinehirten zum schwerreichen Tycoon und Finanzier des Aufstandes aufgestiegenen Juan March (im Roman heißt er „Voerge").

Im richtigen Leben hatte der Einäugige Karl Otten in Cala Ratjada immer mal wieder schikaniert und in ihm den Plan reifen lassen, so schnell wie möglich aus Spanien zu verschwinden. Was Otten letztlich auch gelang, nachdem er erst festgenommen und dann überraschend wieder freigelassen wurde. Wobei nicht bekannt ist, ob oder wie in dieser Hinsicht der schillernde, sich irgendwie durchlavierende deutsche Konsul Hans Dede aktiv war, von dem es heißt, dass er Verfolgten zuweilen geholfen habe, von dem man aber auch weiß, dass er öffentlich mit zusammengeknallten Hacken zu den Nazis stand und wohl Spitzel befehligte, die die deutschen Exilanten aus­horchen sollten.

Der hässliche Zeitgeist des Hassens und Tötens, als die Wörter „ausrotten" und „liquidieren" allgegenwärtig waren, scheint in „Torquemadas Schatten", diesem mitreißenden Roman, ungeschminkt und mit aller Macht auf. Otten zeichnete seine Figuren dabei nicht holzschnittartig. Falange-­Leute kommen nicht nur boshaft rüber, und Republik-Anhänger nicht nur ganz und gar gutherzig. Und das ist die große Leistung von Karl Otten, dessen Opus 1938 in den Niederlanden vom deutschen Exilverlag Bermann-Fischer erstmals in kleiner Auflage veröffentlicht worden war. Später wurden die Bücher von den 1940 einmarschierten Nazis verbrannt. Erst 1980 erschien der Roman in Deutschland. Er war seit geraumer Zeit vergriffen.

„Weil das Buch so spannend ist und sich so gut liest und weil es Otten verdient hat, haben wir es bei Reisebuch.de wieder herausgebracht", sagt der Eutiner Verleger Hartmut Ihnenfeldt. Dabei handele es sich um keine „kommerzielle Initiative, sondern um eine ideelle." Er habe die Rechte an „Torquemadas Schatten" vom Deutschen Literatur­archiv in Marbach überantwortet bekommen. Großes Geld könne man mit dem neu aufgelegten Roman nicht verdienen, sagt Ihnenfeldt. Vielmehr sei es ihm in erster Linie darum gegangen, den zu unrecht fast vergessenen Karl Otten, der 1963 erblindet im Tessin verstarb, „wiederzubeleben".

„Torquemadas Schatten" (317 Seiten, 9,99 Euro/als E-Book 5,99 Euro) kann ebenso wie Ottens „Geschichten aus Cala Ratjada" nur online bestellt werden (www.reisebuch.de oder Amazon). Weiterer Lesetipp: Martin Breuningers MZ-Buch „Mallorcas vergessene Geschichte" (12,90 Euro, erhältlich bei der MZ).

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 27. März (Nummer 725) lesen Sie außerdem:

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