Balearen-Sinfoniker mit österreichischer Prägung

Stiftungsmodell von Josef Egger nach Dirigenten-Rausschmiss

16.08.2014 | 10:13
Neu: Joji Hattori; Neu: Pablo Mielgo; Weg: Josep Vicent; José Ramón Bauzá; Joseph Eggers; Marcelino Minaya
Neu: Joji Hattori; Neu: Pablo Mielgo; Weg: Josep Vicent; José Ramón Bauzá; Joseph Eggers; Marcelino Minaya

Erneut hat ein heftiges Erdbeben die Grundfesten der Balearen-Sinfoniker erschüttert. Die vorläufige Bilanz: ein gefeuerter Dirigent, zwei schon feststehende Nachfolger und zahlreiche vor den Kopf gestoßene Musikliebhaber auf Mallorca. Die Bombe war vergangenen Mittwoch (30.7.) gegen Abend hochgegangen: Der Geschäftsführer der Balearen-Sinfoniker Marcelino Minaya, hatte den erst vor einem Jahr eingestellten Dirigenten Josep Vicent mitgeteilt, dass er seinen Hut nehmen muss.

Hinter der Geschäftsführung des Orchesters steht vor allem die auf den Balearen regierende Volkspartei (PP). In letzter Instanz war es wohl Balearen-Premier José Ramón Bauzá, der die Entscheidung traf. Er ist mit Minaya persönlich befreundet. Offizieller Grund von Vicents Entlassung ist, dass man das Orchester „internationalisieren" wolle. Dazu später noch mehr.

Erreicht werden soll das zunächst durch die beiden neuen Leiter des Ensembles: den Japaner Joji Hattori und den Spanier Pablo Mielgo. Beide sind in der Welt der Klassik anerkannt und erfahren. Hattori, der in Österreich aufgewachsen ist und erst kürzlich ein Konzert im Castell Bellver gab, steht seit 2007 als Hauptdirigent der Oper von Erfurt vor. Er wird sich mit Mielgo die künstlerische Leitung des Orchesters teilen.

Mielgo ist derzeit Musikdirektor der Akademischen Philharmonie in Medellín und wird vor allem für die musikalische Leitung zuständig sein. Hattori und Mielgo waren bereits am Freitag, zwei Tage nach dem Rausschmiss von Vicent, zu einer Vorstellung auf der Insel. Bei ihrer Präsentation sprach Geschäftsführer Minaya davon, dass unter der neuen Leitung weitere Künstler von internationalem Rang die Konzerte der Sinfoniker bereichern sollen. Auch internationale Tourneen seien vorgesehen.

All das mit dem gleichen Budget wie in den vergangenen Jahren, also guten 4 Millionen Euro. Jedoch sprach Minaya bei der Pressekonferenz auch davon, dass private Geldgeber einen Obulus lockermachen würden. Diese Unterstützung nun soll vor allem von Josef Egger organisiert werden. Der 89-jährige Unternehmer und Insel-Resident, ein Sohn des gleichnamigen österreichischen Schauspielers, ist den Sinfonikern bereits seit Jahrzehnten verbunden. Als Ende 2012 das Fortbestehen des Orchesters wegen finanzieller Engpässe an einem seidenen Faden hing und darüber diskutiert wurde, es in ein Kammer-Ensemble zu verwandeln, arbeitete er ein Stiftungsmodell aus. Es sah vor, einen Trägerverein zu gründen, dessen Grundkapital 100.000 Euro ­betragen sollte: „Wir wollten 20 große Unternehmen darum bitten, 5.000 Euro beizutragen", erklärt Egger gegenüber der MZ.

Der einflussreiche Musikliebhaber und seine Mitstreiter – unter anderem der 77-jährige ehemalige Bürgermeister Palmas, Joan Fageda – stellten ihr Modell auch Ministerpräsident Bauzá vor.

Doch dann, so die Version von Egger, sei plötzlich die Hotelkette Barceló auf den Plan getreten und habe 50.000 Euro in Aussicht gestellt mit der Bedingung, zwei Konzerte im Hotel Formentor abzuhalten. Barceló habe zudem darauf bestanden, Josep Vicent zum Nachfolger des 2012 geschassten Dirigenten Salvador Brotons zu berufen.

Josef Egger hat eine so schlechte Meinung von Josep Vicent, dass sie nicht mehr zitierfähig ist. Ausschlaggebend für seine Entlassung vergangene Woche dürfte aber etwas anderes sein: Der 44-jährige Dirigent aus der Nähe von Alicante, der weiterhin das Weltjugendorchester World Orchestra leitet, stellte sich während des Streiks, mit dem das Orchester im vergangenen Sommer die Zahlung ausstehender Gehälter einforderte, offen auf die Seite seiner Musiker. Und er überwarf sich von Beginn an mit Marcelino Minaya.

Die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer sei ein wahrer „Kreuzweg" gewesen, sagte Josep Vicent am Samstag (2.8.) auf einer Pressekonferenz. Es sei reiner Hohn, jetzt von einer Internationalisierung zu sprechen. „Ich durfte ja nicht einmal in Manacor auftreten." Er selbst habe schon in 51 Ländern dirigiert und außerdem zahlreiche Vorschläge gemacht, um das Orchester außerhalb der Insel spielen zu lassen. „Aber immer hieß es, es sei kein Geld da." Eine Tournee durch China oder ein Projekt mit dem Cirque du Soleil seien kategorisch abgelehnt worden, so Josep Vicent, der bei seinem Auftritt von zahlreichen Ensemble-Mitgliedern und Musikliebhabern begleitet wurde.

Die beinahe einhellige Meinung unter Musikkritikern auf der Insel ist, dass die Balearen-Sinfoniker unter Josep Vicent ein beachtliches musikalisches Niveau erreicht hatten. Aus künstlerischen Gründen sei sein Raussschmiss nicht zu rechtfertigen.

Auch wollen sich manche nicht damit abfinden. Auf der Website change.org ist eine Petition angelaufen, die für eine Rückkehr von Josep Vicent Unterschriften sammelt. Außerdem beraten sich die Musiker derzeit, ob sie die neue Saison, deren Programm jetzt in aller Eile erarbeitet werden muss, wieder mit einem Streik beginnen.

Noch ist Josef Eggers Stiftungsmodell nicht offiziell vorgestellt worden. „Wir können aber direkt loslegen", sagt der resolute Österreicher, der sich zur Zeit in der Schweiz aufhält. Egger will für das Balearen-Orchester auch noch andere Kontakte wie den Konzertveranstalter Rudolf Buchmann aktivieren. Der arbeitet eng mit den Wiener Philharmonikern zusammen und hat sich laut Website auf „die weltweite Vermittlung österreichischer Spitzenkünstler spezialisiert, wobei der Schwerpunkt in Fernost liegt." Mal sehen, ob das auch auf Mallorca gut geht.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 7. August (Nummer 744) lesen Sie außerdem:

- "Haben uns verkalkuliert": Wolfgang Hörnke schließt Dalí-Museum in Palma
- Joseph Heer stellt abstrakte Gemälde im "Casal Solleric" aus

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