Wenn der Bischof mit dem Architekten

Vor 100 Jahren beendete Antoni Gaudí seine Arbeit für Palmas Kathedrale. Sein Auftraggeber war ein fortschrittlicher Geistlicher

14.08.2014 | 09:32
Gaudís Baldachin im Hauptschiff der Kathedrale: Ganz fertiggestellt wurde er nie
Gaudís Baldachin im Hauptschiff der Kathedrale: Ganz fertiggestellt wurde er nie

Die Kathedrale von Palma hat es vor allem dem Bischof Joan Pere Campins zu verdanken, dass nach dem zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) keine hektischen Umbauarbeiten vom Zaun gebrochen werden mussten. Campins hatte bereits über 60 Jahre vor der Versammlung der Kardinäle in Rom mit einem vorausschauenden Clou das Gotteshaus auf einen modernen Stand gebracht. Anfang des 20. Jahrhunderts beauftragte Campins den katalanischen Architekten Antoni Gaudí mit der Umgestaltung der Kathedrale. Weil dieser die Arbeiten im Jahre 1914 für beendet erklärte, obwohl noch zahlreiche Details fehlten, hat die Diözese das 100. Jubiläum nun zum Anlass genommen, 2014 zum Jahr Campins-Gaudí zu erklären. Noch bis Anfang kommenden Jahres finden dazu zahlreiche Vorträge und Veranstaltungen statt. Bischof Campins starb im Februar 1915.

Wenn man Catalina Mas, Konservatorin und Historikerin der Kathedrale, so reden hört, könnte man meinen, Antoni Gaudí habe bei seiner Umgestaltung im Inneren der Kathedrale keinen Stein auf dem anderen gelassen. Ganz so war es natürlich nicht, doch der Katalane ließ zahlreiche Elemente entfernen, um – neben größerer Helligkeit – vor allem mehr Nähe zwischen dem Volk und dem Bischof herzustellen. Eine Prämisse, die später beim Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wurde. „Campins war ein Pionier in Spanien und seiner Zeit weit voraus", sagt Mas. Der Bischof ließ sich bei seinen Ideen von den liturgischen Bewegungen leiten, die Jahrzehnte später in dem Konzil mündeten.

Campins reiste, bevor er die Neugestaltung der Kathedrale La Seu in Auftrag gab, quer durch Europa und besuchte Gotteshäuser, die bereits nach den neuen Idealen umgebaut worden waren. Es gab noch nicht viele, Campins fand Beispiele etwa in Deutschland, Belgien und Frankreich. Mit Gaudí traf der Geistliche zum ersten Mal in Barcelona aufeinander. „Schon beim ersten Treffen haben die beiden konkret über die Neugestaltung der Kathedrale gesprochen", sagt Mas. Campins hatte dabei klare Vorstellungen: „Ich möchte ein Kirchenschiff für das Volk, einen Altar für Gott und einen Stuhl für den Bischof."

Gaudí zeichnete bei dieser Unterredung bereits die ersten Entwürfe für den Umbau. Campins gefiel, was er sah – und schnell war man sich einig. Zentrales Anliegen des Bischofs: Der Chor in der Mitte des Hauptschiffes sollte entfernt werden. Er war damals gleichsam ein Gebäude im Gebäude. Wer auf den Bänken dahinter saß, konnte Altar und folglich den Priester nicht sehen.

Gaudí kam am 26. März 1902 zum ersten Mal nach Palma und begann mit den Planungen. Das Entfernen der als störend empfundenen Elemente ging schnell vonstatten: Im Juni 1904 starteten die Arbeiten, und am 8. Dezember war bereits alles herausgerissen. „Das Innere der Kathedrale sah aus wie nach einem Krieg", sagt Mas. Neben dem Chor mussten vor allem barocke Elemente der moderneren Ausrichtung weichen. Dazu gehörte ein aus heutiger Sicht überdimensionierter Retabel im Altarraum, der den Blick auf den ursprünglichen Gotik-Retabel komplett versperrte. Die Bänke, die zuvor dem Klerus im Chor gewidmet waren, wanderten an die Seiten des Altarraumes. Zahlreiche barocke Verzierungen an den Säulen wurden ebenso obsolet. Nach den ­Abrissarbeiten begann Gaudí mit seinem schöpferischen Auftrag und gestaltete in den folgenden zehn Jahren die Kathedrale nach seinen und Campins´ Vorstellungen um. „Die beiden müssen bis zur Perfektion miteinander harmoniert haben", sagt Mas.

Gaudí hinterließ jede Menge Spuren in „La Seu". So versah er etwa jede der 14 Säulen, die das Hauptschiff von den Seitenschiffen trennen, mit einem Band aus elektrischen Kerzen – er war damit beauftragt worden, die gesamte Kathedrale zu elektrifizieren. Auch die beiden Glasfenster im Altarraum und die kleine Rosette in der Mitte sind das Werk Gaudís. Bei den Glasfenstern handelt es sich um ein weltweites Unikat. Gaudí arbeitete mit drei übereinanderliegenden Gläsern, um mehr Farbschattierungen zu schaffen. „Diese Technik wurde vorher und hinterher nie mehr angewandt", sagt Mas. Schuld sind wohl die hohen Kosten.

Das bis heute sichtbarste und bekannteste Werk Gaudís ist der Baldachin, der im Hauptschiff förmlich zu schweben scheint. Wobei der aber gar nicht abgeschlossen wurde. „Nur ein kleiner Teil ist wirklich fertig und besteht aus den ursprünglich angedachten Materialien Glas und Blei. Der Rest gehört noch zu dem Entwurf aus Papier oder Holz", erklärt Mas. Schuld daran war der überhastete Abschied von Gaudí aus Palma. Noch heute rätseln die Forscher über den Grund. Hatte er sich mit Campins überworfen oder wurde er zu einem anderen dringenden Auftrag gerufen?

Die Umgestaltung der Kathedrale wurde jedenfalls nie abgeschlossen. Auch, weil Campins im Februar 1915 überraschend starb. Neben dem unvollendeten Baldachin finden sich etwa auf dem Stuhl des Bischofs Bleistiftskizzen Gaudís. Auch wenn der Auftrag in Palma abrupt endete – für den Architekten war er Gold wert. „Die Kathedrale in Palma diente ihm quasi als Generalprobe für seine Sagrada Familia in Barcelona", sagt Mas.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 14. August (Nummer 745) lesen Sie außerdem:

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