Kommt ein Fremder in die Tramuntana

16 Jahren nach Drehende feiert „Bert", ein Mallorca-Psychothriller, endlich Premiere

02.10.2014 | 10:52
„Beste Kinoerfahrung überhaupt": Hauptdarsteller Fermí Reixach (li.) neben Regisseur Lluís Casasayas bei der Präsentation
„Beste Kinoerfahrung überhaupt": Hauptdarsteller Fermí Reixach (li.) neben Regisseur Lluís Casasayas bei der Präsentation

Es ist nicht sicher, welche der beiden Geschichten schrecklicher ist, die des Films „Bert", gedreht in den 90er Jahren und danach 16 Jahre unter Verschluss gehalten, oder die des titelgebenden Filmhelden. Dieser sucht in der Serra Tramuntana einen verschollenen Freund und macht dabei Seltsames durch. Beide Geschichten sind hörens- und sehenswert.

Rund hundert Minuten lang führt uns der 53-jährige Regisseur Lluís Casasayas durch die Berge der Insel. Er suchte sich für seinen Low-Budget-Film die dramatischsten Orte aus. Die in den Fels gehauenen Häuser beim Kloster Lluc; das Wäldchen bei Campanet, wo nach starkem Regen die unterirdischen Quellen Fonts Ufanes den Boden unter Wasser setzen; Wachtürme an der Westküste, Schluchten, Höhlen, Hochgebirge und nicht zuletzt Geier, die über dem Szenario kreisen.

Der vermisste Freund ist ein Ornithologe, der mit dem Helden Bert (Fermí Reixach) seit der Kindheit seelisch verbunden zu sein scheint. Bert reist aus Katalonien an, um ihn zu suchen, nachdem die Polizei und ein Privatermittler (sehr gut: Simón Andreu) nichts herausgefunden haben. Während der Suche verändert sich Bert zunehmend, seine Verbindung mit dem Vermissten wird enger. Schließlich scheint er dessen Gefühle zu teilen. Das Ende der spannend erzählten und schauspielerisch sehr gut vermittelten Story ist überraschend und befriedigend.

„Der eigentliche Hauptdarsteller ist die Tramuntana", sagte Reixach bei der Präsentation im Ocimax-Kino in Palma, wo der Film vergangene Woche angelaufen ist und hoffentlich noch eine Weile zu sehen ist. Reixach ist ein spanienweit gefeierter Schauspieler und füllt den Film gut aus. „Bert war meine interessanteste Kinoerfahrung", sagt er enthu­siastisch. Dazu tritt als kleiner Nebendarsteller Carles Molinet von Iguana Teatre auf. Er spielt einen Journalisten, dessen ­Aufnahme des letzten Interviews mit dem vermissten Vogelforscher eine Wende herbeiführt. Die populäre Schauspielerin Aina Compte mimt eine mysteriöse Dame auf einem Wachturm, die dem Helden im Traum Hinweise gibt.

„Ein sehr persönliches Drehbuch" liege dem Film zugrunde, so Casasayas, und wenn man am Ende die Danksagung „für meine Mutter" liest, kann man sich ungefähr vorstellen, warum. Umso schlimmer ist für den Regisseur wohl das Schicksal des Streifens. 1994 bis 1998 unter schwierigen Umständen auf Zelluloid gedreht („an das Budget kann ich mich nicht erinnern", so Casasayas), bekam er bei Festivals in Málaga und Barcelona Preise. Kurz vor dem Start in den Kinos allerdings wurde der Film beschlagnahmt, wohl wegen angehäufter Schulden der Produktionsgesellschaft, die schließlich bankrott ging.

„Danach fiel ´Bert´ in eine Art schwarzes Loch", sagte Casasayas – was auch insofern passt, als dass in diesem schaurig-mystischen Film fortwährend Taschen, Steine und Personen in Löcher fallen.

Casasayas begann nach dem Dreh an „Bert" einen zweiten Film, der jedoch ebenfalls von dem Produzenten fallen gelassen wurde, „zwei Wochen vor Drehstart, nachdem wir vier Jahre lang Finanzierung gesucht hatten," erzählt der Regisseur.

Danach wandte er sich vom Kino ab. Wen wundert´s.

Das Embargo über „Bert" wurde 2005 aufgehoben, doch Casasayas hatte „weder Lust noch Geld" den Streifen zu digitalisieren und neu ins Gespräch zu bringen. Erst eine lange Phase der Arbeitslosigkeit habe das nun ermöglicht.

Der nun gezeigte „Bert" wirkt altmodisch, teils wegen der Gerätschaften und Koffer im Stil alter Forschungsreisender, vor allem aber wegen diverser Alltags­objekte wie Telefone, Autos oder Wanderausrüstung. Der Film zeigt uns auch, wie sehr sich die Welt innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte verändert hat.

„Bert" ist nun der dritte – vom Produktionsdatum eigentlich der erste – Film, bei dem die Tramuntana als Szenario unerklärlicher Ereignisse gezeigt wird. Auch Rafa Cortés hat die Gebirgskette 2007 in „Yo" so inszeniert, ebenso wie Toni Bestard 2010 in „El perfecto desconocido". Alle drei Regisseure sind Mallorquiner und allen dreien gefiel das Motiv des Fremden, der auf die Insel kommt, um hier Seltsames zu erleben, vor allem in Bezug auf sich selbst.

„Das liegt in unserem Kollektiv­gedächntis", sagt die Schauspielerin Aina Compte als Erklärung. Und ihr Kollege Carles Molinet bezeichnet das Gebirge als „ein Zeichen unserer Identität". Casasayas scheint sich nicht viele Gedanken darüber gemacht zu haben. Für ihn war klar, dass sein Psychothriller eindrückliche Landschaften brauchte.

Für den Ornithologen war die Tramuntana, so schrieb er in Tagebüchern, der richtige Ort für seine letzte Reise. Wohin diese führte, sei hier allerdings nicht verraten.

„Bert" läuft um 20.15 Uhr im Ocimax in Palma (auf Spanisch).

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 2. Oktober (Nummer 752) lesen Sie außerdem:

- Balearen-Sinfoniker mit neuem musikalischen Leiter
- Sea Music : Leistungsschau der Insel-Musiker

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