Kulturblogger: (Fast nur) aus Liebe zur Kunst

Die Freaks tun, was ihnen Spaß macht. Der ein oder andere Nebeneffekt stellt sich aber doch ein: Gute Jobs, nette Leute und Ablenkung vom Alltag sind die Vorteile für Blogger wie Txema, Mila, Pablo und Carmen

20.07.2015 | 17:40
Txema Álvarez, Mila Abadia, Carmen Bueloha und Carmen Blasco (V. o. l.)

Sie heißen Paullus historicus, Lluvia Beltrán oder Inquieta Mental. Hinter den Pseudonymen verbergen sich Kulturblogger auf Mallorca. Sie bilden eine wichtige Gruppe in Mallorcas Bloggerszene.

Im echten Leben sind sie Wachleute, Verwaltungs­angestellte, Ingenieure oder Handels­vertreter. Im Schein des Bildschirms werden sie zu Freaks, Experten, Kritikern. Für Blogger – den Betreibern digitaler, thematischer Tagebücher – bietet der virtuelle Raum jene Freiheit, von der die Internetpioniere träumten.

Viele von ihnen sind auf mallorcablogs.wordpress.com zu finden. Dort kann man durch Kategorien surfen und nach Themen suchen, 200 Betreiber virtueller Tage­bücher sind dort vertreten. „Echte Blogger wollen kein Geschäft machen, sie wollen gelesen werden", sagt Betreiberin Lluvia Beltrán. Deshalb kommt ein wahrer Blog auch ohne Werbebanner aus. „Wer seine Glaubwürdigkeit bewahren will, bleibt werbefrei", sagt Beltrán.

Wie Pablo Blasco. Der Historiker ist auf Arbeitssuche und nutzt seinen Blog https://paullushistoricus.wordpress.com zur Selbstvermarktung. Zwei unbezahlte Mitarbeiten an Geschichtsportalen hat Blasco immerhin gefunden. „Ich kenne die Betreiber nicht", sagt der junge, schüchterne Mann, „aber sie haben meine Posts gelesen und mich für kompetent befunden." Seit zwei Jahren schreibt er beinahe täglich über Sachbücher und historische Orte auf Mallorca. Der Stoff ist ihm noch nicht ausgegangen. „Mallorcas Geschichte ist reichhaltig und dabei kaum erschlossen", sagt er, „allein mit Palmas Kirchen könnte man sich jahrelang beschäftigen." Sitzt der 29-Jährige nicht am Bildschirm, gibt er Nachhilfeunterricht. Blasco träumt von einer Arbeit im Museum, „am besten als Community Manager." Nichts täte er lieber als für Geld Tweets und Posts über Ruinen und Katakomben zu publizieren. Sein Lieblingsort auf Mallorca ist das Museu de Mallorca, das demnächst neu eröffnet und in dem die gesamte Inselgeschichte vorgestellt wird (Carrer Portella 5).

Carmen Bueloha ist das glatte Gegenteil. Die temperamentvolle Ingenieurin bezeichnet sich nach zwei Jahren Blog-Erfahrung als „wandelndes Youthing", in Anspielung auf den gleichnamigen, gedruckten Veranstaltungskalender. Als sie vor fünf Jahren aus Valencia nach Palma zog, saß auch sie zunächst dem Vorurteil auf, dass Mallorcas Kulturleben bescheiden sei. „Mittlerweile finde ich das Angebot hier vergleichbar und sogar interessanter als in Valencia." Wie auch Pablo Blasco ist sie der Meinung, dass ­Mallorcas Kultur mehr Marketing und Verbreitung brauche – dem widmet sie wöchentlich fünf bis zehn Stunden ihrer Zeit. „Herkömmliche Medien haben kaum noch Platz für Kultur", sagt die 32-Jährige, die als Mente Inquieta (Unruhiger Geist) im Netz existiert. „Immer mehr Leute greifen deswegen auf Blogs zurück, wenn sie Tipps brauchen", sagt sie.

Bueloha tanzt selbst zeitgenössischen Tanz und ist in der Alternativszene vernetzt. Sie will Künstlern helfen und deren Werke bekannter machen – unentgeltlich. Der persönliche Nutzen ihres öffentlich zugänglichen Kultur­kalenders http://inquietamental.com/ ist dennoch groß. Immer öfter wird die Bloggerin zu Events und Premieren eingeladen, denn es ist klar: Sie erreicht Hunderte von Followern per Blog, Facebook und Twitter. Ihr Tipp für den Sommer: Die Veranstaltungsreihe Espai Micro bietet bis 12. September an ungewöhnlichen Orten Tanz, Theater, Musik und Zauberei im kleinen Format – der Eintritt zu den kurzen Stücken kostet 3 Euro. Mehr dazu auf Facebook/Espai Micro.

Mila Abadía ist einen Schritt weiter gegangen. Die 52-jährige Verwaltungsangestellte aus Palma mausert sich zur virtuellen Ausstellungsmacherin, Kritikerin, Galeristin und Kuratorin. Ein Ziel, das im realen Raum Kontakte und jahrelanger Frondienst in der Branche oft verstellen, hat sie dank ihres Blogs www.­arteaunclick.es in nur zwei Jahren erreicht. Leidenschaft und Sachkenntnis, direkte und persönliche Schreibe, Zielstrebigkeit und vier bis fünf Stunden täglich im Netz sind die Erfolgsrezepte von Mila und ihrem Lebensgefährten José Luis Calleja, der sich mit Sachverstand ums Fotomaterial kümmert. Tausend Klicks täglich und rund 7.700 Follower auf Facebook geben den beiden „viel Freude und Lebensqualität".

Auf ihren Seiten tummeln sich junge Künstler, deren Arbeiten sie besprechen. „Der nächste Schritt ist jetzt vom virtuellen in den realen Raum", sagt Mila. Erstmals haben die beiden im Februar beim Madrider Festival Jäälphoto eine Ausstellung kuratiert, und als Kritiker sind sie als Media Partner mit einigen Messen und Events auf dem spanischen Festland ins Geschäft gekommen – bislang noch im Tausch:„Wir berichten intensiv über ein Event, der Veranstalter verlinkt uns und verleiht uns damit Sichtbarkeit." Der Handel mit den Besucherzahlen eines Blogs ist bei „Arte a un click" (Kunst mit einem Klick) mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Mila und José Luis keine Sichtbarkeit mehr brauchen, sondern Geld verlangen können – als Community Manager, Kultur­journalisten und Media-Koordinatoren.

Für Mila Abadía ist klar: Spaniens Kulturpolitik und ­-berichterstattung sind derart prekär, dass Blogger ein riesiges Loch stopfen können. „Hier liegt alles brach", sagt sie, „man muss nur eigene Kriterien entwickeln und unabhängig bleiben." Abadía empfiehlt im Sommer das Festival Artnit in Campos, bei dem am 22. August mehr als 250 Künstler teilnehmen. www.artnitcampos.com

Txema Álvarez nutzt seinen Blog vor allem, um eigene Werke und die Gleichgesinnten jenseits des etablierten Kunstbetriebs vorzustellen. Auch für ihn ist sein Blog http://elcolordemimente.com eine Abkürzung zum Betrachter. Eingerichtet hat ihn der 36-jährige Künstler, nachdem er bei einigen Galerien Abfuhren bekommen hatte. „El color de mi mente" (Die Farbe meines Geistes) ist Álvarez´ Privat­galerie und Spielwiese. Zwei Ausstellungen in Büros und Cafés in Palma sind dadurch zustande gekommen und eine Menge Kontakte. Ausstellungen organisiert der Handelsvertreter „nicht zum Verkauf, sondern um mit anderen meine Kunst zu teilen."

Sein Tipp für die Leser heißt Xisco Fuentes. Der Maler hat sein Verkaufsstudio im Carrer d´En Morei 13 und ist im Netz unter www.xiscofuentes.com zu finden. „Er malt traumhaft altmodische Stadtansichten", schwärmt Álvarez und scheint sich dabei fast nach der Stille des vordigitalen Zeitalters zu sehnen.

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